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»Woher weißt du, daß ich ein Réfugié bin?«

»Ich weiß es. Ich habe es niemand gesagt. Es geht keinen hier etwas an. Bewahre die Adresse auf. Und wenn du sie einmal brauchst, komm. Bei uns fragt niemand.«

»Gut. Danke, Rolande.«

»Vor zwei Tagen war jemand von der Polizei hier. Er fragte nach einem Deutschen. Wollte wissen, ob er hier gewesen sei.«

»So?« sagte Ravic aufmerksam.

»Ja. Das letztemal, als du hereinkamst, war er hier. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht mehr. Ein dicker Kahlkopf. Er saß drüben mit Yvonne und Claire. Die Polizei fragte, ob er hier war und wer sonst noch hier gewesen sei.«

»Keine Ahnung«, sagte Ravic.

»Du hast ihn sicher nicht beobachtet. Ich habe natürlich nicht gesagt, daß du an dem Abend für einen Augenblick hier warst.«

Ravic nickte.

»Besser so«, erklärte Rolande. »Man gibt den Flics so keine Gelegenheit, unschuldige Leute nach Pässen zu fragen.«

»Natürlich. Sagte er, was er wollte?«

Rolande zuckte die Schultern. »Nein. Und uns geht das ja auch nichts an. Ich habe ihm gesagt, niemand wäre hier gewesen. Das ist eine alte Regel bei uns. Wir wissen nie etwas. Besser. Er war auch nicht sehr interessiert.«

»Nein?«

Rolande lächelte. »Ravic, es gibt viele Franzosen, die sich nichts daraus machen, was aus einem deutschen Touristen wird. Wir haben genug mit uns selbst zu tun.«

Sie stand auf. »Ich muß fort. Adieu, Ravic.«

»Adieu, Rolande. Es wird nicht mehr dasselbe sein hier, ohne dich.«

Sie lächelte. »Nicht gleich, vielleicht. Aber bald.«

Sie ging, um sich von den Mädchen zu verabschieden. Auf dem Wege betrachtete sie noch einmal die Registrierkasse, die Sessel und die Tische. Es waren praktische Geschenke. Sie sah sie bereits in ihrem Café. Besonders die Registrierkasse. Sie war Einkommen, Sicherheit, Heim und Wohlstand. Rolande zögerte einen Augenblick; dann konnte sie nicht mehr widerstehen. Sie nahm ein paar Geldstücke aus ihrer Handtasche, legte sie neben den glitzernden Apparat und begann zu tippen. Der Apparat schnurrte, zeigte zwei Frank fünfzig an, die Lade schoß heraus, und Rolande kassierte mit einem kindlich glücklichen Lächeln von sich selbst.

Die Mädchen kamen neugierig heran und umringten die Kasse. Rolande registrierte ein zweites Mal. Einen Frank fünfundsiebzig.

»Was bekommt man bei Ihnen für einen Frank fünfundsiebzig?« fragte Marguerite, die sonst noch das Roß genannt wurde.

Rolande dachte nach. »Einen Dubonnet, zwei Pernods.«

»Wieviel ist ein Amèr Picon und ein Bier?«

»Siebzig Centime.« Rolande klapperte. Null Frank, siebzig Centime.

»Billig«, sagte das Roß.

»Wir müssen billiger sein als Paris«, erklärte Rolande.

Die Mädchen rückten die Korbsessel um die Marmortische und setzten sich vorsichtig hinein. Sie strichen ihre Abendkleider glatt und waren plötzlich Besucher im künftigen Café Rolandes. »Wir möchten drei Tees mit englischen Biskuits, Madame Rolande«, sagte Daisy, eine zarte Blonde, die besonders bei Ehemännern beliebt war.

»Sieben Frank achtzig.« Rolande ließ die Kasse arbeiten. »Es tut mir leid, aber englische Biskuits sind sehr teuer.«

Marguerite, das Roß, am Nebentisch, hob nach scharfem Nachdenken den Kopf. »Zwei Flaschen Pommery«, bestellte sie triumphierend. Sie hatte Rolande gern und wollte ihr das zeigen.

»Neunzig Frank. Guter Pommery.«

»Und vier Kognaks«, schnaufte das Roß. »Ich habe Geburtstag.«

»Vier Frank vierzig.« Die Kasse klapperte.

»Und vier Kaffees mit Baisers?«

»Drei Frank sechzig.«

Das entzückte Roß starrte Rolande an. Es wußte nichts mehr.

Die Mädchen drängten sich um die Kasse. »Wieviel ist das zusammen, Madame Rolande?«

Rolande zeigte den Zettel mit den eingedruckten Zahlen vor. »Hundertfünf Frank achtzig.«

»Und wieviel ist davon Verdienst?«

»Ungefähr dreißig Frank. Das macht der Champagner, an dem man viel verdient.«

»Gut«, sagte das Roß. »Gut! So soll es immer gehen!«

Rolande kam zu Ravic zurück. Ihre Augen leuchteten, wie nur Augen leuchten können, wenn in ihnen die Liebe oder das Geschäft steht. »Adieu, Ravic. Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.«

»Nein. Adieu, Rolande.«

Sie ging, kräftig, aufrecht, klar — die Zukunft war einfach für sie und das Leben gut.

Er saß mit Morosow vor Fouquet’s. Es war neun Uhr abends. Die Terrasse war gedrängt voll. Fern, hinter dem Are, brannten zwei Laternen mit einem weißen, sehr kalten Licht.

»Die Ratten verlassen Paris«, sagte Morosow. »Im ›International stehen drei Zimmer leer. Das war nicht da seit 1933.«

»Es werden andere Emigranten kommen und sie füllen.«

»Was für welche? Wir hatten Russen, Italiener, Polen, Spanier, Deutsche...«

»Franzosen«, sagte Ravic. »Von den Grenzen. Flüchtlinge. Wie im letzten Krieg.«

Morosow hob sein Glas und sah, daß es leer war. Er winkte dem Kellner. »Noch eine Karaffe Pouilly.«

»Wie ist es mit dir, Ravic?« sagte er dann.

»Als Ratte?«

»Ja.«

»Ratten brauchen heute auch Pässe und Visa.«

Morosow sah ihn mißbilligend an. »Hast du bisher welche gehabt? Trotzdem warst du in Wien, Zürich, Spanien und Paris. Jetzt ist es Zeit, daß du hier verschwindest.«

»Wohin?« fragte Ravic. Er nahm die Karaffe, die der Kellner gebracht hatte. Das Glas war kühl und beschlagen. Er schenkte den leichten Wein ein. »Nach Italien? Da wartet die Gestapo an der Grenze. Nach Spanien? Da warten die Falangisten.«

»Nach der Schweiz.«

»Die Schweiz ist zu klein. In der Schweiz war ich dreimal. Jedesmal nach einer Woche hatte mich die Polizei und schickte mich nach Frankreich zurück.«

»England. Von Belgien als blinder Passagier.«

»Ausgeschlossen. Sie erwischen dich im Hafen und schicken dich nach Belgien zurück. Und Belgien ist kein Land für Emigranten.«

»Nach Amerika kannst du nicht. Wie ist es mit Mexiko?«

»Überfüllt. Und auch nur möglich mit wenigstens irgend einem Papier.«

»Du hast überhaupt keins?«

»Ich hatte ein paar Entlassungsscheine aus Gefängnissen, in denen ich unter verschiedenen Namen wegen illegalen Grenzübertritts gesessen habe. Nicht gerade das richtige. Ich habe sie natürlich immer gleich zerrissen.«

Morosow schwieg.

»Die Flucht ist zu Ende, alter Boris«, sagte Ravic. »Irgendwann ist sie immer einmal zu Ende.«

»Du weißt, was hier geschehen wird, wenn Krieg kommt?« »Selbstverständlich. Französische Konzentrationslager. Sie werden schlecht sein, weil nichts vorbereitet ist.«

»Und dann?«

Ravic zuckte die Achseln. »Man soll nicht zu weit voraus denken.«

»Gut. Aber weißt du, was geschehen kann, wenn hier alles drunter und drüber geht und du im Konzentrationslager sitzt? Die Deutschen können dich erwischen.«

»Mich und viele andere. Vielleicht. Vielleicht wird man uns auch rechtzeitig ’rauslassen. Wer weiß das?«

»Und dann?«

Ravic nahm eine Zigarette aus der Tasche. »Wir wollen darüber nicht reden, Boris. Ich kann nicht aus Frankreich heraus. Überall anders ist es gefährlich oder unmöglich. Ich will auch nicht mehr weiter.«

»Du willst nicht mehr weiter?«

»Nein. Ich habe darüber nachgedacht. Ich kann es dir nicht erklären. Es ist nicht zu erklären. Ich will nicht mehr weiter.«

Morosow schwieg. Er blickte über die Menge. »Da ist Joan«, sagte er.

Sie saß mit einem Mann ziemlich weit weg an einem Tisch nach der Avenue George V. »Kennst du ihn?« fragte er Ravic.

Ravic sah hinüber. »Nein.«

»Scheint ziemlich schnell zu wechseln.«

»Sie verfolgt das Leben«, sagte Ravic gleichgültig. »Wie die meisten von uns. Atemlos, etwas zu versäumen.«

»Man kann es auch anders nennen.«

»Das kann man. Es bleibt dasselbe. Ruhelosigkeit, mein Alter. Die Krankheit der letzten fünfundzwanzig Jahre. Keiner glaubt mehr, daß er friedlich mit seinem Ersparten altern wird. Jeder riecht den Brandgeruch und versucht zu schnappen, was er kann. Du nicht. Du bist ein Philosoph einfacher Vergnügungen.«

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