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Ich lachte. „Da ist nichts zu lachen", erklärte er ärgerlich und begann, zusammen mit dem Zöllner, meine Koffer zu durchsuchen.

Ich tat, als wäre es ein Witz; aber ich wußte nicht genau, wie ich das Geld erklären sollte, wenn eine Körperuntersuchung folgen würde. Ich beschloß zu sagen, daß ich mit der Absicht spiele, mich in der Nähe anzukaufen.

Zu meiner Überraschung fand der Beamte in einem Seitenfach des zweiten Koffers einen Brief, den ich nicht kannte. Es war der Koffer, den ich von Osnabrück mitgenommen und den Helen mit meinen früheren Sachen gepackt und heruntergebracht hatte. Der Polizist öffnete den Brief und begann zu lesen. Ich betrachtete ihn gespannt; ich wußte nicht, was es war, und hoffte nur, daß es irgendein altes, unbedeutendes Schreiben sei.

Der Beamte grunzte und sah auf. „Ist Ihr Name Josef Schwarz?"

Ich nickte. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" fragte er.

„Ich habe es Ihnen ja vorhin gesagt", erwiderte ich und versuchte, von rückwärts den gedruckten Briefkopf zu lesen.

„Das ist wahr, das hat er gesagt", bestätigte der Zollbeamte.

„Der Brief betrifft also Sie?" fragte der Polizist.

Ich streckte die Hand aus. Er zögerte einen Moment, dann gab er ihn mir. Ich sah jetzt den gedruckten Kopf. Es war die Adresse der nationalsozialistischen Partei in Osnabrück. Langsam las ich, daß die Amtsstelle Osnabrück bat, dem Parteigenossen Josef Schwarz, der in Erfüllung einer wichtigen geheimen Aufgabe unterwegs sei, jede Unterstützung, die möglich sei, zu gewähren. Unterzeichnet war der Brief: Georg Jürgens, Obersturmbannführer, in Helens Handschrift.

Ich behielt den Brief in der Hand. „Stimmt das?" fragte der Beamte mit bedeutend mehr Respekt als vorher.

Ich holte jetzt meinen Paß hervor, hielt ihn hin, zeigte auf den Namen und steckte ihn wieder ein. „Geheime Staatssache", erwiderte ich. „Deshalb?"

„Deshalb", sagte ich ernst und steckte auch den Brief ein. „Ich hoffe, das genügt Ihnen?"

„Selbstverständlich." Der Beamte kniff ein blaßblaues Auge zu. „Verstehe. Beobachtung der Grenze."

Ich hob die Hand. „Kein Wort darüber, bitte. Es ist geheim. Deshalb konnte ich auch nichts sagen. Sie haben es trotzdem herausgekriegt. Sind Sie Parteigenosse?"

„Klar", erklärte der Polizist. Ich sah jetzt erst, daß er rothaarig war, und klopfte ihm auf die schwitzende Schulter. „Tüchtig! Hier ist etwas für Sie beide auf ein Glas Wein nach all der Mühe."

Schwarz lächelte mir melancholisch zu. „Es ist manchmal erstaunlich, wie leicht man Leute, deren Beruf Mißtrauen sein sollte, hereinlegen kann. Kennen Sie das auch?"

„Nicht ohne Papiere", sagte ich. „Aber mein Kompliment Ihrer Frau! Sie hatte vorausgesehen, daß Sie den Brief brauchen könnten."

„Sie muß geglaubt haben, daß ich ihn nicht genommen hätte, wenn sie ihn mir angeboten hätte. Aus Gründen der Moral vielleicht oder auch, weil ich ihn für gefährlich gehalten hätte. Hauptsächlich wohl deshalb. Dabei hätte ich ihn genommen. Er rettete mich."

Ich hatte Schwarz mit steigendem Interesse zugehört. Jetzt blickte ich mich um. Der englische und der deutsche Diplomat waren auf der Tanzfläche. Sie tanzten Foxtrott, und der Engländer war der bessere Tänzer. Der Deutsche brauchte mehr Raum; er tanzte mit einer verbissenen Aggressivität und schob seine Tänzerin vor sich her wie eine Kanone. Im Halbdunkel hatte ich einen Augenblick die Vorstellung, ein Schachbrett mit Figuren sei lebendig geworden. Die beiden Könige, der deutsche und der englische, kamen sich manchmal bedrohlich nahe; aber der Engländer wich jedesmal aus. „Was taten Sie dann?" fragte ich Schwarz. „Ich ging auf mein Zimmer", erwiderte er. „Ich war erschöpft und wollte ruhig werden und überlegen. Helen hatte mich auf eine so unvorhergesehene Weise gerettet, daß es mir wie der Akt eines Deus ex machina erschien — ein Theatertrick, der eine heillose Konfusion überraschend zu einem guten Ende bringt. Aber ich mußte fort, bevor der Polizist viel reden oder nachdenken konnte. Deshalb beschloß ich, meinem Glück zu trauen, solange es hielt. Ich erkundigte mich nach dem nächsten Schnellzug in die Schweiz. Er war in einer Stunde fällig. Der Wirtin erklärte ich, daß ich auf einen Tag nach Zürich müsse und nur einen Koffer mitnehmen wolle; ich werde in wenigen Tagen zurück sein, sie möge den andern aufheben. Dann ging ich zum Bahnhof. Kennen Sie das, dieses plötzliche Verzichten auf die jahrelange Vorsicht?"

„Ja", sagte ich. „Aber man irrt sich oft dabei. Man glaubt, das Schicksal sei einem eine Revanche schuldig. Es ist einem keine schuldig."

„Das ist selbstverständlich," erwiderte Schwarz. „Aber manchmal traut man trotzdem einer gewohnten Technik nicht mehr und denkt, man müsse eine neue versuchen. Helen hatte gewollt, ich solle zusammen mit ihr über die Grenze fahren. Ich hatte es nicht getan und wäre verloren gewesen, hätte ihre Klugheit mich nicht gerettet — so glaubte ich jetzt, daß ich ihr diesmal folgen und tun müsse, was sie gewollt hatte."

„Haben Sie es getan?"

Schwarz nickte. „Ich löste ein Billett erster Klasse; Luxus flößt immer Vertrauen ein. Erst als der Zug fuhr, fiel mir das Geld ein, das ich bei mir trug. Ich konnte es nirgendwo im Abteil verstecken; ich war nicht allein. Außer mir saß noch ein Mann da, der sehr blaß und unruhig war. Ich versuchte die Toiletten; beide waren besetzt. Inzwischen erreichte der Zug die Grenzstation. Mein Instinkt trieb mich zum Speisewagen. Ich setzte mich dort hin, bestellte eine Flasche teuren Wein und das Menü.

„Hat der Herr Gepäck?" fragte der Kellner.

„Ja. Im nächsten Wagen erster Klasse."

„Will der Herr dann nicht vorher den Zoll erledigen? Ich kann den Platz hier frei halten."

„Das kann noch lange dauern. Bringen Sie mir schon das Essen. Ich bin hungrig. Und ich möchte vorausbezahlen, damit Sie nachher nicht glauben, ich liefe weg."

Meine Hoffnung, von den Grenzbeamten im Speisewagen übersehen zu werden, erfüllte sich nicht. Der Kellner stellte gerade den Wein und die Suppe auf den Tisch, als zwei Uniformierte durchkamen. Ich hatte das Geld, das ich bei mir trug, inzwischen flach unter die Filzunterlage des Tischtuches geschoben und den Brief Helens in meinen Paß gelegt.

„Paß", sagte der erste Beamte schroff. Ich gab ihm meinen Paß. „Kein Gepäck?" fragte er, ehe er ihn öffnete.

„Nur einen Handkoffer", sagte ich. „Im nächsten Wagen erster Klasse."

„Sie müssen ihn Öffnen", sagte der zweite.

Ich stand auf. „Halten Sie mir den Platz", sagte ich zu dem Kellner.

„Natürlich! Der Herr hat ja vorausbezahlt."

Der erste Zollbeamte sah mich an. „Sie haben vorausbezahlt?"

„Ja. Sonst hätte ich mir das Essen und den Wein nicht leisten können. Hinter der Grenze hätte es Devisen gekostet. Die habe ich nicht."

Der Beamte lachte plötzlich. „Keine schlechte Idee!" sagte er. „Komisch, daß so wenige daraufkommen. Gehen Sie voraus. Ich muß noch den Wagen revidieren."

„Und mein Paß?" „Wir finden Sie schon."

Ich ging zu meinem Wagen. Mein Mitfahrer saß dort, noch unruhiger als vorher. Er schwitzte und rieb sich Hände und Gesicht mit einem nassen Taschentuch. Ich starrte auf den Bahnhof und öffnete das Fenster. Es hatte keinen Zweck hinauszuspringen, wenn ich gefaßt wurde; man konnte nicht entkommen — aber das offene Fenster beruhigte etwas.

Der zweite Beamte stand in der Tür. „Ihr Gepäck!" Ich holte meinen Koffer herunter und öffnete ihn. Er schaute hinein und durchsuchte dann die Koffer meines Mitreisenden. „Gut", erklärte er und grüßte. „Meinen Paß", sagte ich.

„Den hat mein Kollege."

Der Kollege kam in derselben Minute. Es war ein anderer als vorher — ein Parteigenosse in Uniform, dünn, mit einer Brille und hohen Stiefeln." Schwarz lächelte.

„Wie die Deutschen Stiefel lieben!"

„Sie brauchen sie", sagte ich. „Sie waten in so viel Dreck."

Schwarz leerte sein Glas. Er hatte wenig getrunken während der Nacht. Ich sah auf die Uhr: es war halb vier. Schwarz sah es. „Es dauert nicht mehr lange", sagte er. „Sie werden Zeit genug für das Boot und alles andere haben. Worüber ich jetzt zu berichten habe, ist eine Zeit des Glücks. Und über Glück kann man nicht viel erzählen."

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