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»Marit«, flüsterte er. Er wusste, wo sie war. Sie war irgendwo dort, in den Flammen, mitten in der Hitze. Sie musste zur Insel zurückgekehrt sein, um den einheimischen Jungen zu befreien, den sie ihren Bruder nannte.

Und zwischen seiner Angst um sie und seiner Wut auf ihren Leichtsinn war er stolz auf die Tochter seiner Schwester.

»Du bist wie ich«, flüsterte er. »Du bist ja wie ich! Und du weißt es nicht!«

Als er das sagte, schoss eine senkrechte Feuersäule in den Himmel auf. Gleich darauf sah Waterweg, wie sich ein glühender Lavastrom den Berg hinab ergoss.

Und er wusste, dass er Marit verloren hatte, genau wie ihre Mutter.

Es war von einem auf den anderen Moment so heiß geworden, dass man kaum noch atmen konnte. Sie rannten zu dritt auf die Küste zu, rannten um ihr Leben. Hinter ihnen spuckte der Vulkan die Erinnerung an eine prähistorische Zeit in den Nachthimmel. Der Boden bebte nun beinahe unaufhörlich, sie stolperten voran wie auf einem unberechenbaren Schiff im Sturm.

Regenschauer aus verbrannter Erde und kleinen Steinen gingen um sie herum nieder und das Krachen der stürzenden Bäume hinter ihnen füllte ihre Ohren.

»Schneller!«, keuchte José. »Schneller!«

Nie, nie war Marit schneller gerannt, und dabei war es, als atmete sie brennendes Öl statt Luft.

Schließlich sahen sie das Blau des Wassers in der Ferne schimmern. Und dann stolperte Casaflora und fiel. Marit hörte ihn aufschreien vor Wut und Schmerz. Sie blieb stehen und griff nach seinem Arm, um ihm hochzuhelfen.

»Nein!«, keuchte er. »Nein, ich … ich kann nicht ... Ich bin umgeknickt … Der Knöchel …«

José riss an Casafloras zweitem Arm, und gemeinsam gelang es ihnen, den alten Mann auf die Beine zu stellen, doch er knickte sofort wieder ein.

»Wir stützen Sie!«, rief José.

Casaflora schüttelte den Kopf. »Lauft!«, schrie er. »Es dauert zu lange mit mir!«

Hinter ihnen brachen noch mehr Bäume, doch jetzt war es nicht das Feuer, das sie fraß. Es war ein glühender Strom voller Felsbrocken, der ihre Stämme knickte. Ein Strom, der unaufhaltsam näher kam.

»Das ist nicht die Zeit, um Helden zu spielen!«, schrie Casaflora. »Ich komme schon klar! Du kannst die Mariposa segeln, José! Segle sie!«

»Nein!«, rief Marit und streckte ihre Hand wieder nach Casaflora aus, doch jetzt schlug er sie mit aller Kraft weg. Sie spürte, wie José sie packte und weiterzog. Und wieder rannte sie. In ihren Ohren sang das Feuer mit der Verzweiflung ein grausiges Duett. Sie hasste Casaflora, aber wie konnten sie ihn hierlassen? Wie konnte er etwas so Schreckliches von ihnen verlangen? Sie lief hinter José über den Strand, wo die Krabben noch immer verwirrt hin und her rannten – und hechtete ins Wasser. Es war kühler als die Luft, doch auch das Wasser hatte sich bereits erwärmt. Irgendwo hörte Marit das Zischen der Lava, die an anderen Stellen der Insel bereits ins Meer stürzte. Sie sah die Mari Nocturna auf den Wellen liegen, zu nahe an der Insel, doch sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie kletterte José nach, an Bord der Mariposa, und Sekunden später breitete das Honigboot die weißen Flügel seiner beiden Segel aus. Casaflora hatte es bereits startklar gemacht – er hätte einfach wegsegeln können, dachte Marit, aber er war noch einmal an Land gekommen, um José zu holen.

Warum hatte er das getan?

Die Mariposa glitt aus der kleinen Bucht, hinaus in die blaue Freiheit des Meeres. Es wehte nur ein schwacher Wind und sie kamen mit tödlicher Langsamkeit voran. Marit hockte auf dem Boden des Schiffs. Eine kleine, weiche Schnauze bohrte sich in ihre Ellenbeuge: Carmen. Und da sah sie auch die anderen Mitglieder der Mannschaft, die verängstigt unter den beiden Sitzbänken kauerten: Eduardo den Flamingo, Kurt den Albatros und Oskar den Pinguin. Und – war das nicht Uwe der Wasserleguan?

Sie fragte sich, wie Kurt und Oskar auf das Schiff gekommen waren, die beiden, die nicht fliegen konnten. Casaflora musste sie aus dem Wasser an Bord gehoben haben.

»Jetzt ist seine Karte ein für alle Mal zerstört«, sagte José. »Ich habe sie in den Vulkankrater geworfen und nun brennt sie wie in einem Ofen. Die deutschen U-Boote und Flieger werden nie von dem amerikanischen Stützpunkt auf Baltra erfahren.«

Er streichelte Uwes schuppigen Drachenkopf. »Jetzt gibt es nur noch eineKarte«, fügte er stolz hinzu. » MeineKarte. Die Karte meines Urgroßvaters, die Schatzkarte von der Isla Maldita.«

»Und du meinst, hinter der sind unsere Verfolger nicht her?«

»Verfolger?«, fragte José. »Wenn du Waterweg meinst, den sind wir los. Sein Schiff ist immer noch viel zu nah am Land. Ich glaube, er schläft. Er verschläft gerade seinen eigenen Tod.«

Marit schüttelte den Kopf und deutete aufs Meer hinaus. Das Feuer des Vulkans hatte die See weithin erhellt und in seinem Schein zeichneten sich deutlich zwei Schiffe vor dem Himmel ab. Schiffe an der Horizontlinie, die auf etwas zu warten schienen. Eines von ihnen war die Roosevelt. Das andere war eine Jacht, ähnlich der Mariposa, um einiges größer allerdings.

»Der Umriss kommt mir bekannt vor«, murmelte José. »Ich weiß nur nicht, woher …«

Er lenkte die Mariposa hart nach Steuerbord, in Richtung der Isla Maldita.

Und es schien Marit so, als nähmen die beiden Schiffe die Verfolgung auf.

Die Starre löste sich erst aus Waterweg, als er die Mariposa lossegeln sah. Da waren zwei Gestalten an Bord. Kinder. Marit und José waren in Sicherheit. Doch es stand noch jemand am Strand von Marchena, vor dem brennenden Busch. Waterweg ließ den Motor seines Schiffs aufheulen und steuerte den Strand an.

»Die Karte!«, rief er Casaflora über die Reling zu.» »Die Karte von Baltra und Bartolomé! Würden Sie sie noch einmal zeichnen? Aus dem Kopf? Für Deutschland?«

Casaflora hinkte ein Stück weiter ins Wasser hinein. Etwas schien mit seinem Bein nicht zu stimmen. »Ja!«, schrie er. »Natürlich!«

Da gab Waterweg dem Steuer einen Stoß und das Schiff drehte ab.

»Es tut mir leid, Juan«, sagte er. »Aber Sie haben soeben Ihr Todesurteil unterschrieben.«

Sekunden später war die Mari Nocturna auf dem Weg hinaus auf den Pazifik und ließ das brennende Chaos zurück, in das sich die Insel Marchena verwandelt hatte. Wo die Lavaströme sich ins Meer ergossen, brodelte es auf wie in einem Hexenkessel, und das Letzte, was Juan Casaflora sah, war ein blauer Schmetterling mit goldenen Flecken auf den Flügeln, der benommen durch die Hitze torkelte.

Casaflora lächelte.

Die Welt war noch lange voller Funken – lange nachdem sie Marchena verlassen hatten. Von Weitem war die Insel eine Explosion aus Farben: Gelb, Rot, Gold, Orange, Weiß … Sie sahen die Lava jetzt ins Meer stürzen, dort, wo sie vor Kurzem noch über den Strand gegangen waren.

Eine Weile dachte José, die Hitze würde die Segel der Mariposa versengen. Sie würde ihre Tampen verglühen, ihre Honigbalken verkohlen lassen, ihren Tank entzünden und sie in eine schwimmende Fackel verwandeln. Er sah, wie schwer den Tieren das Atmen fiel.

»Der alte Noah hatte es einfach«, knurrte er. »Er hat seine Tiere nur durch eine Flut gebracht.«

Marit antwortete nicht. Sie hatte die Arme um Kurts großen weißen Federkörper geschlungen und kauerte unbeweglich auf dem Boden, den Blick starr auf die brennende Insel gerichtet: Von hier aus glich das Feuer einer riesigen rote Krabbe am Himmel, einer Krabbe mit Dutzenden von flammend roten Beinen.

Irgendwann wurde die Luft kühler, der Wind nahm zu und trug sie schneller fort von Marchena. Oskar reckte seine Stummelflügel, als wollte er prüfen, ob sie in der Hitze geschmolzen waren. Eduardo schüttelte den Kopf und steckte den rosa Hals unter einen Flügel, um nach all der Aufregung endlich zu schlafen. Und Carmen, die wieder einmal in Marits Ärmel saß, gab eine abschließende Serie von winzigen Niesern von sich, ehe sie den Ärmel verließ und sich in eine Taurolle kuschelte.

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