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Frei.

Primavera 1945

Frühjahr 1945

Er fand sie in einem Maisfeld. Ihre Haare hatten die gleiche Farbe wie die Maiskolben. Sie reichten jetzt bis auf ihre Schultern hinab, aber sie trug immer noch Männerkleider.

Sie drehte sich um und sah ihn an, und zuerst schien sie nicht zu wissen, wer er war.

Es war drei Jahre her. Er hatte nie geschrieben. Briefe über Briefe hatte er begonnen. Doch er hatte sie alle weggeworfen. Er hatte nie die richtigen Worte gefunden.

Und keines der Schiffe, das Post zur Isla Maldita mitgenommen hatte, hatte je eine einzige Zeile von José Julio Fernandez an Bord gehabt.

Marit hatte jedes Recht, dachte er, ihn nicht zu erkennen.

Er sah zum Haus hinüber und für einen Moment war er verunsichert. Denn dort fand er sie ein zweites Mal vor. Und diese zweite Ausgabe von ihr hatte sich beinahe nicht verändert. Sie war für immer dreizehn Jahre alt. Sie saß auf einem Fensterbrett und fütterte den gelben Hund mit altem Brot. Sie hatte ihn noch nicht gesehen. »Spring!«, sagte sie auf Spanisch zu dem gelben Hund. »Du sollst springen.« Da erkannte er ihre Stimme. Es war nicht Marit. Natürlich nicht.

Es war Julia. Sie war jetzt ungefähr so alt wie Marit damals.

Er blickte hinüber zu der Marit, die nicht mehr dreizehn Jahre alt war.

»José«, sagte sie und kam auf ihn zu.

Er räusperte sich. Räusperte sich noch einmal.

»Marit.«

Sie blieb vor ihm stehen. Sie waren beide gewachsen, doch sie waren noch immer exakt gleich groß. Es ärgerte ihn ein wenig. Er hatte gehofft, er wäre größer als sie. Der dumme alte Männerstolz.

»Ich dachte, du kommst nicht wieder«, sagte sie. »Du hast gesagt, du würdest schreiben. Ich hatte keine Adresse. Isabela ist groß. Ich wusste nicht einmal, ob du noch auf Isabela warst.«

»Ich bin kein Briefeschreiber«, knurrte José. »Ich habe an dich gedacht. Oft. Reicht das nicht? Haben die anderen dir geschrieben? Eduardo und Kurt und Uwe und Oskar und alle?«

»Du wirst lachen«, antwortete Marit. »Sie besuchen mich. Ab und zu. Kurt kommt jedes Mal vorbei, wenn die heiße Zeit beginnt und die Albatrosse zur ecuadorianischen Küste ziehen. Letztes Mal hat er seine Frau mitgebracht. Wusstest du, dass Albatrose sich ein Leben lang treu sind?«

»Nein, meine belesene Schwester, das wusste ich nicht«, sagte José und grinste.

»Sogar Oskar war neulich da«, fuhr Marit fort. »Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob er es war. Aber sonst gibt es keine Pinguine hier. Und er hatte eine Narbe unter einem Flügel. Damals habe ich mir furchtbare Sorgen gemacht, ob er seine Kollegen wiederfindet. Offenbar geht es ihm aber gut. Er war lange Zeit verschwunden, wer weiß, was er alles erlebt hat. Und Carmen taucht regelmäßig in der Speisekammer auf und klaut unseren Weizen.«

Etwas kam hinter ihr aus dem Maisfeld und José erschrak. Doch es war nur eine Schildkröte. Eine große Schildkröte. Marit bückte sich, um ihren Panzer zu klopfen wie das Fell eines Hundes. »Ach, und das ist Georg«, sagte sie. »Es passiert immer noch. Sie laufen mir einfach zu. Alle möglichen Arten von Tieren. Sie lassen sich eine Weile füttern, bekommen einen Namen und gehen wieder. Nur der alte gelbe Hund hat keinen Namen. Vielleicht ist er deshalb geblieben.«

José grinste und schüttelte den Kopf. »Weißt du noch, was ich gesagt habe, an dem Abend, ehe wir zurückgefahren sind? Du wirst immer dieselbe unvernünftige alte Schwester bleiben. Es ist wahr. Drei Jahre … und du hast dich nicht verändert.«

»Und drei lange Jahre«, sagte Marit, plötzlich ernst, »wenn man sie an meinem Leben misst. Es sind so viele Leute tot. Seit sie zu Hause wissen, wo wir sind, bekommen wir manchmal Briefe. Jeder scheint tot zu sein. Frau Adam aus unserem alten Haus und Richard und meine Großeltern …«

José nickte. Er musste ihr endlich sagen, weshalb er hier war. Es war schwer. Ihm fielen tausend andere Dinge ein, die er stattdessen sagen konnte.

»Bei uns ist auch jemand gestorben. Die Abuelita. Letztes Jahr. Sie war ururalt und es wurde Zeit. Sie hat alle ihre unheimlichen Geschichten mit unter die Erde genommen. Vielleicht trifft sie die Unaussprechlichen dort, denen kann sie sie erzählen.« Er lachte. »Weißt du, was ich die ganze Zeit gemacht habe? Drei Jahre lang? Ich habe gearbeitet. Nicht nur auf der Farm zu Hause. Auch für die Fischer. Und auf anderen Farmen. Ich habe jede Arbeit gemacht, die es gab. Ich hätte nicht einmal Zeit gehabt, dir zu schreiben.«

Sie sah ihn an, fragend.

»Ich bin geflogen, aber es war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte«, sagte er. »Es ist laut und weit weg von allem. Das wirkliche Fliegen ist das Fliegen auf dem Wasser. Ich … ich besitze jetzt ein Boot. Nein, das ist nicht ganz richtig. Wirbesitzen ein Boot. Meine Familie. Allein hätte ich es mir nicht leisten können. Aber es war meine Idee und ich habe es ausgesucht. Mein Vater ist mit mir hergesegelt. Allein hätte er mich nicht fahren lassen. Ich bin vorausgegangen. Ich wollte vor ihm hier sein. Das Schiff, es … es sieht fast aus wie die Mariposa. Fast. Es ist blau. Ein honiggelbes haben wir nicht gefunden. Ich habe es nach den Schmetterlingen benannt, mit denen alles anfing.«

»Mit denen alles anfing?«, fragte Marit und runzelte ihre zu weißen Augenbrauen.

Er nickte. »Weißt du es nicht mehr? Casaflora, er … er wollte diesen völlig gewöhnlichen blauen Schmetterling mit den goldenen Flecken finden, dessen Raupen euren Mais auffressen.«

Marit seufzte. »Die Mistviecher. Ja.«

»Er wäre nicht zurück auf die Inseln gekommen, wenn die Mistviecher nicht wären«, sagte José und grinste. »Und er hätte deiner Mutter nicht so viel davon erzählt. – Mariposa Azul.«

»Wie bitte?«

»So heißt mein Schiff. Mariposa Azul. Es hat einen guten Motor. Es wird in keinem Sturm volllaufen und sinken. Marit … willst du es sehen? Und vielleicht … eine Runde darauf segeln? Nur einen Schlag in die Bucht hinaus, mehr nicht.«

Sie nickte und sah zum Haus hinüber. »Solltest du nicht zuerst meine Familie begrüßen?«

»Ja. Ja, natürlich.«

Julia hatte aufgehört, den gelben Hund zu füttern, und spielte jetzt auf dem Boden mit einem kleinen Kind.

»Wer ist das?«, fragte José.

»Das? Oh. Das ist Thomas«, erklärte Marit. »Julia hat immer gesagt, sie will auch einen Bruder haben. Jetzt hat sie tatsächlich einen.«

José nickte. Sie gingen langsam zum Haus hinüber, und er bemühte sich, noch langsamer zu gehen als langsam.

»Eigentlich … eigentlich bin ich gekommen, um euch eine Nachricht zu überbringen«, sagte er.

Sie sah ihn an, ihre Augen plötzlich besorgt. »Ist es schlimm?«

»Ja und nein.« Er zögerte. »Ihr bekommt wohl wirklich selten Zeitungen hier?«

»Müssen wir gehen?«, fragte sie. »Schicken sie uns nach alldem doch noch zurück?«

José schüttelte den Kopf. »Es ist etwas anderes.«

»Ja?«

»Der Krieg«, sagte José. »Er ist zu Ende. Deutschland hat vor fünf Tagen kapituliert.«

Marit sagte nichts.

»Ich … ich dachte, vielleicht ist es schlimm … für euch. Ihr gehört zur Verlierernation.«

Da lächelte sie und breitete die Arme aus. »Sieh mich an, mein schlauer Bruder«, sagte sie. »Ich besitze zwei Garnituren Männerkleidung, eine Riesenschildkröte und nicht einen einzigen Peso, nicht einen einzigen Pfennig. Ich habe keinen Schulabschluss und keine Zukunft. Ich bin der geborene Verlierer. Aber ich kann Mais pflanzen und Hühner züchten und die korrekten Namen fast aller Tiere und Pflanzen der Galapagosinseln. Auf Latein, Deutsch und Spanisch. Und ich habe einen Bruder mit einem blauen Schiff.«

»Ja.« José nickte. »Das hast du wohl.«

»Zeig es mir!«, bat Marit. »Zeig es mir gleich, wenn wir den anderen Bescheid gesagt haben. Zeig mir die Mariposa Azul. Ich bin schon viel zu lange an Land.«

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