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Neugierig frage ich Priscilla, wo denn sein Zuhause sei. Sie weiß es nicht genau, aber irgendwo im Samburu-District, etwa eine dreitägige Reise von hier entfernt. Ich solle mir keine Gedanken machen, ich sei jetzt gut angekommen, und sie werde versuchen, jemanden zu finden, der in absehbarer Zeit dorthin fährt und eine Nachricht überbringen kann. „Mit der Zeit erfahren wir schon, was los ist. Pole, pole“, sagt sie, was soviel heißt wie „langsam, langsam“. „Du bist jetzt in Kenia, da brauchst du viel Zeit und Geduld.“

Die beiden Frauen umsorgen mich wie ein Kind. Wir reden viel miteinander, und Esther, die Moslemfrau, erzählt von ihrem Leidensweg mit ihrem Ehemann. Sie warnen mich davor, jemals einen Afrikaner zu heiraten. Sie seien nicht treu und behandelten die Frauen schlecht. Mein Lketinga ist anders, denke ich und sage nichts dazu.

Nach der ersten Nacht beschließen wir, ein Bett zu kaufen. In der vergangenen Nacht konnte ich kein Auge schließen, denn Priscil a und ich teilten uns ein schmales Bett, während Esther an der anderen Seite auf dem zweiten Bett schlief. Da Priscil a recht voluminös ist, habe ich kaum Platz und muß mich am Bettrand festhalten, um nicht dauernd auf sie zu rutschen.

Also fahren wir nach Ukunda und laufen bei 40 Grad im Schatten von einem Händler zum nächsten. Der erste hat kein Doppelbett, könnte dies jedoch in drei Tagen herstel en. Ich aber möchte jetzt eines. Beim nächsten finden wir ein wunderschön geschnitztes Bett für etwa achtzig Franken. Ich will es sofort kaufen, doch Priscilla meint entrüstet: „Too much!“

Ich glaube, mich verhört zu haben. Für dieses Geld ein so schönes Doppelbett und handgefertigt! Aber Priscilla marschiert weiter. „Come, Corinne, too much!“

So geht es den halben Nachmittag, bis ich endlich für sechzig Franken eines kaufen kann. Der Handwerker zerlegt es, und wir transportieren alles zur Hauptstraße. Priscilla besorgt noch eine Schaumstoffmatratze, und nach einer Stunde Warten in brütender Hitze an der staubigen Straße fahren wir mit einem Matatu wieder bis zum Hotel, wo al es abgeladen wird. Jetzt stehen wir da mit den Einzelteilen, die natürlich schwer sind, da alles aus massivem Holz besteht.

Ratlos schauen wir uns um, als drei Massai vom Strand kommen. Priscilla spricht mit ihnen, und sofort helfen uns die sonst arbeitsscheuen Krieger, mein neues Doppelbett ins Vil age zu tragen. Ich muß mir das Lachen verkneifen, denn das Ganze sieht wirklich komisch aus. Als wir endlich beim Häuschen ankommen, will ich mich sofort an die Arbeit machen und das Bett zusammenschrauben, habe aber keine Chance, denn jeder der Massai will dies für mich erledigen. Inzwischen sind es bereits sechs Männer, die sich an meinem Bett zu schaffen machen.

Spät abends können wir uns erschöpft auf den Bettrand setzen. Für alle Helfer gibt es Tee, und es wird wieder einmal in der mir unverständlichen Massai-Sprache gesprochen. Von den Kriegern werde ich abwechselnd gemustert, und ab und zu verstehe ich den Namen Lketinga. Nach etwa einer Stunde verlassen uns alle, wir Frauen machen uns bereit zum Schlafen. Das heißt notdürftiges Waschen außerhalb des Häuschens, was sehr gut geht, weil es stockdunkel ist und wir sicher nicht beobachtet werden. Auch das letzte Wasserlassen findet etwas abseits der Hütte statt, denn im Dunkeln geht man nicht mehr die Hühnerleiter hoch.

Erschöpft sinke ich in einen herrlichen Schlaf im neuen Bett. Von Priscil a spüre ich diesmal nichts, da das Bett breit genug ist. Allerdings ist kaum mehr Platz in der Hütte, und wenn Besuch kommt, sitzt nun jeder auf der Bettkante.

Die Tage vergehen wie im Fluge, und ich werde von Priscilla und Esther verwöhnt.

Die eine kocht, die andere schleppt Wasser und wäscht sogar meine Kleider. Wenn ich protestiere, heißt es, für mich sei es zu heiß, um zu arbeiten. So verbringe ich die meiste Zeit am Strand und warte immer noch auf ein Zeichen von Lketinga. Abends besuchen uns häufig Massai-Krieger, wir spielen Karten oder versuchen, Geschichten zu erzählen. Mit der Zeit merke ich wohl, daß der eine oder andere Interesse an mir zeigt, aber ich habe keine Lust darauf einzugehen, da für mich nur der eine Mann in Frage kommt. Keiner ist nur halb so schön und elegant wie mein

„Halbgott“, für den ich al es aufgegeben habe. Nachdem die Krieger mein Desinteresse bemerken, höre ich weitere Gerüchte über Lketinga. Anscheinend wissen alle, daß ich immer noch auf ihn warte.

Als ich wieder einmal einem die angebotene Freundschaft, sprich Liebschaft, höflich, aber bestimmt abschlage, meint er nur: „Wieso wartest du auf diesen Massai, obwohl jeder weiß, daß er mit deinem Geld, das du ihm für den Paß gegeben hast, nach Watamu Malindi gereist ist und mit afrikanischen Girls alles versoffen hat?“

Dann steht er auf und sagt, ich solle mir sein Angebot noch mal überlegen. Ärgerlich fordere ich ihn auf, sich nicht mehr blicken zu lassen. Trotzdem fühle ich mich sehr einsam und verraten. Was ist, wenn es wirklich stimmt? Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf, und letzten Endes weiß ich mit Gewißheit nur, daß ich das nicht glauben will. Ich könnte zum Inder nach Mombasa fahren, aber irgendwie bringe ich den Mut dazu nicht auf, denn eine Blamage wäre für mich kaum erträglich. Täglich treffe ich am Strand auf Krieger, und die Geschichten nehmen kein Ende. Einer berichtet sogar, Lketinga sei „crazy“ und nach Hause gebracht worden. Dort habe er ein junges Mädchen geheiratet und komme nicht mehr nach Mombasa. Wenn ich Trost brauche, sei er immer für mich da. Mein Gott, lassen die mich denn nie in Ruhe? Ich komme mir langsam wie ein verlorenes Reh unter Löwen vor. Jeder will mich fressen!

Abends erzähle ich Priscilla von den neuesten Gerüchten und Belästigungen. Sie meint, das sei normal. Ich sei drei Wochen hier allein ohne Mann, und normalerweise machen diese Leute die Erfahrung, daß eine weiße Frau nie lange allein bleibt. Dann erzählt mir Priscilla von zwei weißen Frauen, die schon länger in Kenia wohnen und nahezu jedem Massai nachlaufen. Einerseits bin ich schockiert, andererseits erstaunt zu hören, daß noch andere weiße Frauen hier sind und sogar Deutsch sprechen.

Diese Mitteilung weckt meine Neugier. Priscilla zeigt auf ein anderes Häuschen im Village und erklärt: „Dies gehört Jutta, einer Deutschen. Sie ist irgendwo im Samburu-District und arbeitet im Moment für ein Touristen-Camp, will aber in den nächsten zwei oder drei Wochen wieder kurz hierherkommen.“ Ich bin neugierig auf diese geheimnisvol e Jutta.

Währenddessen wiederholen sich die verbalen Annäherungsversuche, so daß ich mich wirklich nicht mehr wohl fühle. Eine alleinstehende Frau scheint Freiwild zu sein. Auch Priscilla kann oder will sich dagegen nicht richtig durchsetzen. Wenn ich ihr etwas erzähle, lacht sie manchmal kindisch, was ich nicht begreifen kann.

Meine Reise mit Priscilla

Eines Tages macht sie mir den Vorschlag, mit ihr für zwei Wochen in ihr Dorf zu fahren, um ihre Mutter und ihre fünf Kinder zu besuchen. Erstaunt frage ich: „Was, du hast fünf Kinder, wo leben die denn?“ „Bei meiner Mutter oder manchmal auch bei meinem Bruder“, sagt sie. Sie lebe an der Küste, um durch Schmuckverkauf Geld zu verdienen, und bringe dies zweimal im Jahr nach Hause. Ihr Mann wohne schon lange nicht mehr mit ihr zusammen. Wieder einmal staune ich über die afrikanischen Verhältnisse.

Bis wir zurück sind, ist vielleicht Jutta hier, denke ich und wil ige ein. Durch die Reise könnte ich auch dem Ansturm der verschiedenen Massai entkommen! Priscilla freut sich riesig, da sie noch nie eine Weiße mit nach Hause gebracht hat.

Kurz entschlossen reisen wir am nächsten Tag ab. Esther bleibt und versorgt das Häuschen. In Mombasa kauft Priscilla verschiedene Schuluniformen, die sie ihren Kindern mitbringen wil. Ich habe nur den kleinen Rucksack dabei, in dem sich etwas Unterwäsche, Pullover, drei T-Shirts und Jeans zum Wechseln befinden. Wir kaufen unsere Tickets und haben bis zur Busabfahrt am Abend noch viel Zeit. Deshalb gehe ich in einen Coiffeursalon und lasse mir die Haare zu afrikanischen Zöpfchen flechten. Diese Prozedur dauert fast drei Stunden und ist sehr schmerzhaft. Doch scheint es mir zum Reisen praktischer zu sein.

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