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Ich hoffe inständig, daß ich meinen Stempel bekomme. Die Frau hinter dem Schalter mustert mich und fragt, warum ich nochmals um drei Monate verlängern möchte. So gelassen wie möglich antworte ich: „Weil ich längst nicht alles gesehen habe von diesem herrlichen Land und genügend Geld besitze, um noch mal drei Monate zu bleiben.“ Sie schlägt meinen Paß auf, blättert hin und her und klatscht einen riesigen Stempel auf die Seite. Ich habe mein Visum und bin wieder einen Schritt weiter!

Glücklich bezahle ich die gewünschte Gebühr und verlasse das schreckliche Gebäude. Zu diesem Zeitpunkt kann ich nicht ahnen, daß ich dieses Gebäude noch so häufig betreten werde, bis ich es schließlich hasse.

Mit einem Ticket für den Abendbus in der Tasche gehe ich anschließend essen. Es ist früher Nachmittag, und ich spaziere etwas in Nairobi umher, um nicht einzuschlafen. Seit mehr als dreißig Stunden habe ich nicht mehr geschlafen. Ich schlendere nur zwei Straßen entlang, um mich nicht zu verlaufen. Um neunzehn Uhr ist es dunkel, und langsam, als die Geschäfte geschlossen werden, erwacht das Nachtleben in den Bars. Auf der Straße möchte ich mich nicht mehr aufhalten, die Gestalten werden von Minute zu Minute finsterer. Eine Bar kommt nicht in Frage, deshalb betrete ich einen nahe gelegenen McDonald, um die letzten zwei Stunden abzusitzen.

Endlich hocke ich wieder im Bus nach Mombasa. Der Busfahrer kaut Miraa. Er rast wie verrückt, und tatsächlich sind wir in Rekordzeit um vier Uhr früh am Ziel. Wieder muß ich warten, bis das erste Matatu zur Nordküste fährt. Ich bin gespannt, wie es Lketinga geht. Kurz vor sieben Uhr bin ich bereits im Massai-Dorf. Da al es schläft und das Chaihaus noch geschlossen ist, warte ich davor, weil ich nicht weiß, in welcher Hütte sich Lketinga aufhält. Um halb acht kommt der Besitzer des Teehauses und öffnet. Ich setze mich hinein und warte auf den ersten Chai. Er bringt ihn mir und verzieht sich gleich wieder in die Küche. Bald kommen einzelne Krieger und lassen sich an anderen Tischen nieder. Es herrscht gedrückte Stimmung, und niemand spricht. Wahrscheinlich liegt es daran, daß es noch früh am Morgen ist, denke ich.

Kurz nach acht Uhr halte ich es nicht mehr aus und frage den Besitzer, ob er wisse, wo Lketinga sei. Er schüttelt den Kopf und verschwindet wieder. Doch nach einer halben Stunde setzt er sich an meinen Tisch und sagt, ich solle zur Südküste fahren und nicht mehr warten. Erstaunt schaue ich ihn an und frage: „Warum?“ „Er ist nicht mehr hier. Er ist diese Nacht zurück nach Hause gefahren“, erklärt mir der Mann. Mein Herz verkrampft sich. „Nach Hause zur Südküste?“ frage ich naiv. „No, home to Samburu-Maralal.“

Vol er Entsetzen schreie ich: „No, that's not true!

Er ist hier, sag mir wo!“ Vom anderen Tisch kommen zwei auf mich zu und reden beruhigend auf mich ein. Ich schlage ihre Hände von mir weg, tobe und schreie, so laut ich kann, dieses Pack in Deutsch an: „Ihr verdammte Saubande, hinterhältiges Pack, ihr habt das alles geplant!“ Tränen der Wut laufen mir über das Gesicht, doch diesmal ist es mir völ ig gleichgültig.

Am liebsten würde ich den erstbesten zusammenschlagen, so wütend bin ich. Die haben ihn einfach in den Bus gesetzt, obwohl sie wußten, daß ich mit dem gleichen Bus, nur in entgegengesetzter Richtung, wiederkomme, genau zur gleichen Zeit, so daß wir uns irgendwo auf der Strecke begegnet sind. Ich kann es nicht fassen. Soviel Gemeinheit! Als ob es auf diese acht Stunden angekommen wäre. Ich stürze aus dem Lokal, da immer mehr Schaulustige kommen und ich mich kaum mehr beherrschen kann. Für mich ist klar, die stecken al e unter einer Decke. Traurig und voller Zorn fahre ich zurück an die Südküste.

You come to my home

Im Moment weiß ich nicht, wie es weitergehen sol. Das Visum habe ich, aber Lketinga ist fort. Priscilla ist mit zwei Kriegern in ihrem Häuschen. Ich berichte, und die beiden lassen sich von ihr übersetzen. Abschließend rät mir Priscilla, ich solle Lketinga, obwohl er sehr lieb sei, doch vergessen. Entweder sei er wirklich krank, oder die anderen hätten ihm etwas Schlechtes angewünscht, was ihn zwinge, zu seiner Mutter zurückzukehren, denn so sei er in Mombasa verloren. Er müsse zu einem Medizinmann. Ich könne ihm nicht helfen. Auch wäre es gefährlich, mich als Weiße gegen alle anderen zu stel en.

Ich bin völ ig verzweifelt und weiß nicht mehr, was und vor al em wem ich glauben soll. Nur mein Gefühl sagt mir, daß man Lketinga gegen seinen Willen vor meiner Rückkehr weggebracht hat. Am selben Abend kommen die ersten Krieger in mein Häuschen, um mir den Hof zu machen. Als der zweite eindeutig wird und meint, ich brauche ihn als boyfriend, da Lketinga „crazy“ sei und nicht mehr herkomme, werfe ich, erbost über soviel Frechheit, alle hinaus. Als ich Priscil a davon erzähle, lacht sie nur, das sei normal, ich solle al es nicht so eng sehen. Offensichtlich hat auch sie noch nicht begriffen, daß ich nicht irgend jemanden will, sondern mein ganzes Leben in der Schweiz für Lketinga aufgegeben habe.“

Am nächsten Tag schreibe ich gleich einen Brief an seinen Bruder James in Maralal. Vielleicht weiß er mehr. Nun werden sicher zwei Wochen vergehen, bevor ich Antwort erhalte. Zwei lange Wochen, in denen ich nicht erfahre, was los ist, da werde ich verrückt! Am vierten Tag halte ich es nicht mehr aus. Klammheimlich beschließe ich, aufzubrechen und die weite Strecke nach Maralal auf mich zu nehmen. Dort werde ich weitersehen, aber ich gebe nicht auf, die werden noch staunen! Nicht einmal Priscilla erzähle ich von meinen Plänen, denn ich traue niemandem mehr. Als sie an den Strand geht, um Kangas zu verkaufen, packe ich meine Reisetasche und verschwinde Richtung Mombasa.

Wieder lege ich gute 1400 Kilometer zurück und komme nach zwei Tagen in Maralal an. Ich beziehe dasselbe Lodging für vier Franken wie beim letzten Mal, und die Besitzerin staunt, als ich schon wieder auftauche. Im spärlichen Zimmer lege ich mich auf die Pritsche und überlege: Was jetzt? Morgen gehe ich zu Lketingas Bruder.

Zuerst muß ich den Headmaster überreden, bevor er bereit ist, James zu holen.

Auch ihm erzähle ich al es, und er meint, falls er die Erlaubnis bekäme, würde er mich zu seiner Mutter bringen. Der Headmaster ist nach langem Hin und Her einverstanden, wenn ich ein Auto auftreiben kann, das James und mich nach Barsaloi bringen wird. Zufrieden, so viel mit meinem spärlichen Englisch erreicht zu haben, ziehe ich durch Maralal und frage mich durch, wer ein Auto besitzt. Die wenigen sind fast alle Somalis. Doch wenn ich sage, wohin ich will, werde ich entweder ausgelacht, oder sie verlangen Preise, die mir astronomisch erscheinen.

Am zweiten Tag der Suche treffe ich auf meinen damaligen Retter Tom, der Lketinga gesucht und gefunden hat. Auch er möchte wissen, wo Lketinga ist. Erneut versteht er meine Situation und will versuchen, ein Auto zu bekommen, denn bei meiner Hautfarbe würde der Preis um das Fünffache steigen. Tatsächlich sitzen wir beide kurz nach Mittag in einem Landrover, den er samt Chauffeur für zweihundert Franken chartern konnte. Bei James melde ich mich ab, da Tom mitkommen will.

Der Landrover fährt durch Maralal und dann eine öde, rote Lehmstraße entlang.

Nach kurzer Zeit kommen wir in einen dichten Wald mit riesigen Bäumen, die von Lianen überwuchert sind. Man sieht keine zwei Meter in den Busch hinein. Auch das Sträßchen ist bald nur noch an den Fahrspuren, die die Reifen verursacht haben, erkennbar. Der Rest ist zugewachsen. Hinten im Landrover kann ich al erdings nicht viel erkennen. Nur an der Seitenlage, die ab und zu entsteht, merke ich, daß der Weg sehr steil und schräg sein muß. Als wir nach einer Stunde den Wald verlassen, stehen wir vor mächtigen Felsbrocken. Hier kann es unmöglich weitergehen! Aber meine zwei Begleiter steigen aus und verschieben einige Steine. Dann poltert das Gefährt langsam über die Geröllhalde. Spätestens hier wird mir klar, daß der Preis nicht zu hoch ist. Nach dem wenigen, was ich sehe, aber dem vielen, das ich spüre, wäre ich jetzt bereit, mehr zu bezahlen. Es wäre ein Wunder, wenn wir das Auto heil hinüberbrächten. Aber wir schaffen es, der Chauffeur ist ein hervorragender Fahrer.

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