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Nachts tanzen einige Krieger ihm zu Ehren mit meinem Mann. Natürlich müssen auch sie später verpflegt werden. Mama hat mir eine übel riechende Flüssigkeit gebraut, die mich vor weiteren Krankheiten schützen sol. Während ich sie austrinken muß, schauen alle zu und sprechen den „Enkai“ für mich. Schon nach einem Schluck wird mir schlecht von diesem Gebräu. Unauffällig verschütte ich so viel wie möglich.

Zum Fest kommen auch der Veterinär und seine Frau, worüber ich sehr froh bin.

Zu meiner Überraschung vernehme ich, daß das Blockhaus neben dem ihren frei geworden ist. Jetzt freue ich mich riesig auf ein neues Haus mit zwei Wohnräumen und einem WC direkt im Haus. Am nächsten Tag ziehen wir aus dem zugigen Shop in das etwa 150 Meter entfernte Blockhaus. Zuerst muß ich gründlich putzen. Mama hütet inzwischen unsere Tochter vor dem Haus. Sie hält das Kind so geschickt unter ihren Kangas versteckt, daß es gar nicht auffäl t.

Immer wieder kommen Leute zum Shop und wollen etwas kaufen. Er sieht leer und verkommen aus. Das Kreditbüchlein ist fast voll. Das eingenommene Geld reicht wieder nicht für einen Laster, aber im Moment wil und kann ich nicht arbeiten. So bleibt der Laden geschlossen.

Täglich bin ich bis mittags damit beschäftigt, die verschmutzten Windeln vom Vortag zu waschen. Meine Knöchel sind in kurzer Zeit völlig wund. So kann es nicht weitergehen. Ich suche ein Mädchen, das mir im Haushalt helfen kann und vor allem die Wäsche erledigt, damit mir mehr Zeit für Napirai und das Kochen bleibt. Lketinga organisiert eine ehemalige Schülerin. Für etwa 30 Franken im Monat plus Essen ist sie bereit, Wasser zu holen und zu waschen. Nun kann ich endlich mein Töchterchen genießen. Sie ist so hübsch und fröhlich und weint fast nie. Auch mein Mann liegt viele Stunden mit ihr unter dem Baum vor der Blockhütte.

Allmählich habe ich den Tagesablauf im Griff. Das Mädchen arbeitet sehr langsam, und ich finde keinen rechten Zugang zu ihr. Mir fäl t auf, daß das Waschmittel rasch schwindet. Unser Reis- und Zuckervorrat nimmt ebenfalls rapide ab. Nachdem Napirai bei jeder nassen Windel sofort schreit und ich feststelle, daß sie zwischen den Beinen feuerrot und wund ist, wird es mir zuviel. Ich spreche das Mädchen auf diese Dinge an und erkläre ihr, daß sie die Windeln so lange spülen muß, bis keine Omo-Reste mehr vorhanden sind. Sie zeigt sich eher desinteressiert und meint, mehr als einmal Wasserholen am River sei zuviel für das gebotene Geld. Verärgert schicke ich sie wieder nach Hause. Lieber wasche ich selber.

Hunger

Die Menschen werden ungeduldig, weil sie hungern. Schon mehr als einen Monat sind die Shops leer, und jeden Tag kommen Leute zu unserem Haus, um zu fragen, wann wir wieder öffnen. Im Moment jedoch sehe ich keine Möglichkeit, wieder zu arbeiten. Ich müßte dazu nach Maralal und einen Laster organisieren. Mit unserem Wagen aber habe ich zu große Angst, mit dem Baby irgendwo steckenzubleiben. Die Gangschaltung ist nur notdürftig gerichtet, das Zündschloß völlig verwürgt und manches andere reparaturbedürftig.

Eines Tages kommt der Mini-Chief zu uns und beklagt sich über den Hunger der Leute. Er weiß, daß noch einige Maismehlsäcke im Shop sind und bittet uns, wenigstens diese zu verkaufen. Widerwillig gehe ich in den Shop, um die Säcke zu zählen. Mein Mann kommt mit. Als wir jedoch den ersten Sack öffnen, wird mir fast übel. Obenauf kriechen fette, weiße Maden, dazwischen tummeln sich kleine, schwarze Käfer. Wir öffnen die anderen Säcke, und überal bietet sich das gleiche Bild. Der Chief stochert im Sack herum und meint, nach der oberen Schicht würde es besser. Doch ich weigere mich, dieses Zeug unter die Leute zu bringen. Inzwischen scheint es sich in Windeseile herumgesprochen zu haben, daß wir noch Maismehl besitzen. Immer mehr Frauen stehen im Shop und sind bereit, auch dieses zu kaufen. Wir besprechen die Lage, und ich biete an, alles zu verschenken. Das lehnt der Mini-Chief ab und sagt, das würde in kurzer Zeit zu Mord und Totschlag führen, wir sollen zu einem bil igeren Preis verkaufen. Mittlerweile stehen fünfzig oder mehr Personen im und vor dem Shop und halten ihre Säcke und Tüten auf. Ich aber kann nicht in diese Säcke greifen, da es mich vor dem Gekrabbel der Maden graust.

Schließlich habe ich auch noch Napirai auf dem Arm. Ich sehe los, um zu Hause bei Mama nach dem älteren Bruder zu suchen. Er ist da und kommt mit zum Shop.

Napirai gebe ich Mama. Wir kommen gerade noch rechtzeitig. Der Chief hindert die Leute daran, den Laden zu stürmen, während Lketinga verkauft. Jede Person darf nur maximal drei Kilogramm kaufen. Ich lege die Kilosteine auf die Waage und kassiere. Die beiden Männer fül en das unappetitliche Maismehl ab. Wir arbeiten wie verrückt und sind froh, daß der Chief einigermaßen Ordnung hält. Gegen 20 Uhr sind alle Säcke verkauft, und wir sind völ ig erledigt. Aber endlich ist wieder etwas Geld in der Kasse.

Der Verkauf und die Einsicht in die Notwendigkeit unseres Shops beschäftigen mich am Ende dieses Tages sehr. Doch viel Zeit bleibt mir nicht, ich muß zu meinem Baby nach Hause. Voller Sorge eile ich im Dunkeln zu den Manyattas. Mein Kind hat schon mehr als sechs Stunden keine Brust mehr gehabt, und ich erwarte, eine völlig aufgelöste Tochter vorzufinden. Als ich mich der Manyatta nähere, vernehme ich keinen Laut von ihr, dafür singt Mama. Ich krieche hinein und sehe verblüfft, wie mein Mädchen an der großen, langen, schwarzen Brust der Mama saugt. Bei diesem Anblick kann ich nur staunen. Mama lacht, während sie mir mein nacktes Baby entgegenstreckt. Als Napirai meine Stimme hört, schreit sie gleich los, um sich aber sofort wieder an meiner Brust festzusaugen. Ich bin immer noch sprachlos, daß Mama sie mit ihrer leeren Brust so lange beruhigen konnte.

Kurze Zeit später erscheint mein Mann, und ich erzähle ihm davon. Er lacht und meint, das sei normal hier. Auch Saguna sei zu ihr gekommen, schon als kleines Baby, weil das hier so üblich sei. Das erste Mädchen der Söhne bekommt die Mama als spätere Haushaltshilfe. Sie zieht es praktisch von Geburt an mit ihrer Brust und Kuhmilch auf. Ich betrachte mein Mädchen. Obwohl es vor Dreck steht und nach Rauch riecht, bin ich sehr zufrieden und mir dennoch gewiß, mein Kind niemals irgend jemandem zu überlassen.

Wir trinken Chai bei Mama und gehen dann zurück in unser Haus. Stolz trägt Lketinga Napirai. Vor der Tür wartet der Chief. Natürlich muß ich ihm nochmals Chai kochen, obwohl ich keine Lust dazu habe. Plötzlich steht Lketinga auf, holt aus der Geldschachtel 200 Schillinge und gibt das Geld dem Chief. Ich weiß nicht wofür, doch halte ich den Mund. Nachdem er gegangen ist, erfahre ich, daß er das Geld für seine Sicherheitshilfe im Shop verlangt hat. Mich ärgert das, da er uns wieder hereingelegt hat. Er wol te ja unbedingt, daß wir verkaufen, und es war seine Pflicht, als Chief für Ordnung zu sorgen, dafür wird er vom Staat bezahlt. All dies versuche ich Lketinga schonend beizubringen und stelle erfreut fest, daß er sich diesmal selber ärgert und mir zustimmt.

Der Shop bleibt weiterhin geschlossen. Der Bursche, der mit Lketinga im Laden stand, kommt häufig vorbei. Mit mir gibt er sich nicht ab, was mich nicht weiter stört.

An den Gesprächen merke ich, daß er etwas wil. Doch mein Mann winkt ab, er wol e nur den letzten Lohn, den er ihm aber schon ausbezahlt habe. Ich halte mich heraus, denn ich war in Maralal und im Spital und weiß von nichts.

Unser Leben verläuft ruhig, und Napirai entwickelt sich zu einem richtigen Pummelchen. Fremden darf ich sie nach wie vor nicht zeigen. Jedesmal, wenn jemand in die Nähe kommt, versteckt Lketinga sie unter der Babydecke, was sie gar nicht mag.

Eines Tages kommen wir vom River und wollen ins Chai-Haus, als ein Alter auf Lketinga zukommt. Wieder wird geredet. Mein Mann sagt mir, ich sol e hier warten und marschiert zum „Polizeihäuschen“. Dort erkenne ich den richtigen Chief, den Wildhüter und den Boy vom Shop. Aus einiger Entfernung beobachte ich beunruhigt die Diskussion. Napirai hängt an meiner Seite in einem Kanga und schläft. Als Lketinga nach mehr als einer Viertelstunde nicht zurückkommt, schlendere ich zu den Männern.

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