ЛитМир - Электронная Библиотека
ЛитМир: бестселлеры месяца
Рассмеши дедушку Фрейда
Рыцарь страха и упрека
Менеджмент. Стратегии. HR: Лучшее за 2017 год
Перевертыш
Лучшая команда побеждает. Построение бизнеса на основе интеллектуального найма
Третье отделение при Николае I
Битва за воздух свободы
Страсти по Адели
Сущность зла
A
A

Nach weiteren zwei Minuten hatte die Gischt die Vororte Stavangers erreicht. Je großräumiger sie sich verteilte, desto flacher wurde die brodelnde Flut. Immer noch nahm ihre Geschwindigkeit ab. Das Wasser tobte und spritzte durch die Straßen, und wer hineingeriet, war hoffnungslos verloren, aber dafür hielten die meisten Häuser dem Druck fürs Erste stand. Wer sich deswegen in Sicherheit wähnte, freute sich dennoch zu früh. Denn der Tsunami verbreitete seinen Schrecken nicht nur bei der Ankunft.

Fast noch schlimmer war es, wenn er ging.

Knut Olsen und seine Familie erlebten den Rückzug der Welle in Trondheim, wo der Tsunami wenige Minuten später eingetroffen war.

Im Gegensatz zu Stavanger, das sich wie auf dem Präsentierteller darbot, lag Trondheim geschützt im Trondheimfjord. Flankiert von größeren Inseln und zudem abgeschirmt von einer Landzunge, führte der Fjord fast vierzig Kilometer ins Landesinnere, bevor er sich zu einem breiten Becken öffnete, an dessen östlichem Rand die Stadt erbaut war. Viele norwegische Städte und Ortschaften lagen am Innenrand oder am Ende von Fjorden auf Wasserhöhe. Wer einen Blick auf die Landkarte warf, musste zu dem Schluss gelangen, dass selbst die Wucht einer Dreißig-Meter-Welle nicht ausreichen würde, um Trondheim ernsthaft zu gefährden.

Doch gerade die Fjorde erwiesen sich als Todesfallen.

Geriet ein Tsunami in Meerengen und trichterförmige Buchten, wurden die Wassermassen nicht mehr nur von unten gestaut, sondern plötzlich auch von beiden Seiten. Zigtausend Tonnen Wasser quetschten sich durch einen engen Kanal. Die Wirkung war verheerend. Im Sognefjord nördlich von Bergen, der zwar lang, aber schmal war, eingebettet in steile Felswände, stieg die Wellenhöhe ein weiteres Mal dramatisch an. Die meisten Ortschaften längs dieses Fjords lagen oberhalb der Klippen auf den Plateaus. Bis zu ihnen spritzte das Wasser, aber größere Schäden blieben aus. Anders am Ende des fast hundert Kilometer langen Fjords, wo auf einer flachen Halbinsel mehrere Kleinstädte und Dörfer beieinander lagen. Die Welle radierte sie aus und wurde erst vom dahinter liegenden Steilgebirge gestoppt. Dabei schlug die Gischt bis in eine Höhe von zweihundert Metern und rasierte jeglichen Pflanzenbewuchs ab, bevor die Wassermassen in sich zusammenstürzten und sich in den angrenzenden Flüssen weiter fortpflanzten.

Der Trondheimfjord war breiter als der Sognefjord, und seine Wände waren weniger hoch. Weil er zudem nach hinten breiter wurde, konnten sich die Fluten besser verteilen. Dennoch war der Wasserberg, der Trondheim erreichte, noch hoch genug, um über den Hafen hinwegzufegen und einen Teil der Altstadt zu zerstören. Die Nidelva schoss über die Ufer und drängte in die Viertel Bakklandet und Mollenberg. Gischtlawinen mähten die alten Häuser nieder. In der Kirkegata fiel fast jedes Haus dem einströmenden Wasser zum Opfer, auch das von Sigur Johanson. Seine hübsche Fassade wurde eingedrückt, die Holzverkleidung zersplitterte, das Dach stürzte in die zusammenbrechende Front. Die Trümmer wurden fortgespült, nunmehr Teil der schäumenden Welle, die erst an den Grundmauern der NTNU ihre Kraft und Energie verlor, in wilden Wirbeln zum Stillstand kam und zurückzufließen begann.

Die Olsens wohnten in einer Straße hinter der Kirkegata. Ihr Haus, aus Holz gebaut wie das von Johanson, hielt dem Ansturm des Tsunamis stand. Es zitterte und wankte. In der Wohnung kippten Möbel um, Geschirr ging zu Bruch, und der Boden der vorderen Zimmer neigte sich. Die Kinder gerieten in Panik. Olsen schrie seiner Frau zu, sie in den hinteren Bereich des Hauses zu bringen. Er wusste im Grunde nicht, was das Beste war, aber er dachte, wenn das Wasser von vorn gegen das Haus geschlagen war, müsse es im rückwärtigen Teil vielleicht sicherer sein. Während seine Familie dorthin flüchtete, wagte er sich atemlos an eines der vorderen Fenster, um hinauszusehen. Der Holzboden unter seinen Füßen bog sich weiter und knackte vernehmlich, ohne jedoch einzubrechen. Olsen klammerte sich an den Fensterrahmen, entschlossen, sofort nach hinten zu laufen, wenn eine weitere Welle auf das Haus zurollen sollte. Fassungslos blickte er auf die zerstörte Stadt, sah Bäume, Autos und Menschen in den Wasserwirbeln treiben, hörte Schreie und das Bersten in sich zusammenbrechender Mauern. Dann erschütterten mehrere Explosionen die Luft, und am Hafen stiegen schwarzrote Wolken empor.

Es war das Grauenhafteste, was er je gesehen hatte. Dennoch verdrängte er den Schock zugunsten des einen Gedankens, seine Familie zu schützen. Was immer noch auf sie zukommen mochte, entscheidend war, dass seine Kinder und seine Frau überlebten.

Und er selber, wenn möglich.

Aber wie es schien, kam die Flut zum Stillstand.

Olsen schaute noch eine Weile nach draußen, dann ging er vorsichtig ins Hinterhaus. Sofort wurde er mit Fragen bestürmt. Er sah in die angstgeweiteten Augen seiner Kinder und hob beruhigend die Hand, obwohl ihm schrecklich zumute war. Er sagte, dass wohl alles vorbei sei, und sie sollten sich keine Sorgen machen. Natürlich war nichts in Ordnung, gar nichts. Sie mussten irgendwie aus dem Haus gelangen. Ihm kam die Idee, über die Dächer zu flüchten, dorthin, wo das Wasser nicht hingelangt war. Seine Frau fand, er habe zu viele Filme von Hitchcock gesehen. Sie fragte ihn, wie er sich das mit vier Kindern vorstelle. Olsen wusste keine Antwort. Sie schlug vor, einfach abzuwarten. Etwas Besseres fiel ihm auch nicht ein, also stimmte er zu und ging wieder nach vorn zum Fenster.

Als er diesmal hinaussah, bemerkte er, dass sich die Flut zurückzog. Immer schneller strebten die Wassermassen dem Fjord zu.

Wir haben es überstanden, dachte er.

Er beugte sich weiter vor. Im selben Moment ging ein Ruck durch das Haus. Olsen grub seine Finger in den Rahmen. Der Boden splitterte. Er wollte zurückspringen, aber da war nichts mehr. Ein riesiges Loch klaffte im Wohnzimmerboden. Regen schlug herein. Olsen kippte nach vorn. Zuerst dachte er, es habe ihn aus dem Fenster gerissen. Dann wurde ihm klar, dass sich die komplette vordere Hauswand ablöste, als sei sie eine schlecht aufgeklebte Pappe, und sich der Flut zuneigte.

Er schrie aus Leibeskräften.

Die Menschen auf Hawaii, die seit Generationen mit dem Ungeheuer lebten, wussten sehr genau, was sein Rückzug bedeutete. Die abfließenden Wassermassen erzeugten einen gewaltigen Sog, der alles, was noch stand oder sich zu halten versuchte, ins Meer spülte. Alles riss das Wasser mit sich fort. Menschen, die den ersten Akt der Katastrophe überlebt hatten, starben jetzt, und ihr Sterben verlief weit grausamer als das in der heranrasenden Welle. Es ging einher mit dem aussichtslosen Überlebenskampf in der brausenden Strömung, mit dem Anschwimmen gegen den unerbittlichen Sog, mit dem Nachlassen der Kräfte. Die Muskeln erlahmten. Man wurde von herumwirbelnden Gegenständen getroffen, Knochen brachen. In verzweifelter Gegenwehr klammerte man sich irgendwo fest, wurde losgerissen und trieb weiter davon zwischen Schlamm und Trümmern.

Das Ungeheuer aus dem Meer kam an Land, um zu fressen, und wenn es sich zurückzog, nahm es seine Beute mit.

All dies hatte Olsen nicht gewusst, als die Hauswand in den Mahlstrom kippte, aber es wurde ihm schlagartig klar, und darum schrie er. Er schrie um sein Leben. Er wusste, dass er nun sterben würde. Während er fiel, dröhnten weitere Explosionen vom Hafen, als demolierte Schiffe und Ölanlagen in die Luft flogen. Nahezu jedes elektrische System der Stadt war ausgefallen, Kurzschlüsse folgten dicht auf dicht. Vielleicht würde er schon darum sterben, weil das Wasser unter Starkstrom stand.

Er dachte an seine Familie. An seine Kinder. Seine Frau.

Dann dachte er kurz an Sigur Johanson und seine merkwürdigen Theorien, und er spürte eine rasende Wut in sich aufsteigen. Johanson war schuld. Er hatte ihm etwas verschwiegen. Etwas, das sie hätte retten können. Irgendetwas hatte der verdammte Hurensohn gewusst!

118
{"b":"744","o":1}