A
A
1
2
3
...
122
123
124
...
273

Das Erstaunlichste aber war, dass der Vater sich bei der Heirat entschlossen hatte, den Namen seiner Frau anzunehmen, was einen langwierigen Kampf gegen die Behörden in Gang setzte. Diese Geste gegenüber der Frau, die er liebte und die ihr Land aus Liebe verlassen hatte, ließ Judith Li in glühender Bewunderung für ihn entflammen. Er war ein Mann der Gegensätze, mit teils liberalen, teils erzkonservativ republikanischen Ansichten, die jede für sich als unumstößlich galten. Jemand mit geringerer Charakterstärke wäre vielleicht am Bestreben dieser Familie, in allen Disziplinen perfekt zu sein, zugrunde gegangen. Doch das Mädchen wuchs daran, übersprang zwei Schulklassen, legte einen glänzenden High-School-Abschluss hin und kultivierte ihre Überzeugung, alles werden zu können, wonach ihr der Sinn stand, und sei es Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mitte der Neunziger hatte man ihr die Position des Stellvertretenden Stabschefs für Operationen und Einsatzplanungen im US-Heeresministerium und zugleich eine Dozentur für Geschichte in West Point offeriert. Im Verteidigungsministerium wurde sie jetzt hoch gehandelt. Zudem registrierten gewisse Kreise ihr verstärktes Interesse an Politik. Einzig fehlte ihr noch der maßgebliche militärische Erfolg. Das Pentagon legte Wert auf Kampferfahrung, bevor es den Weg zu höheren administrativen Weihen freigab, und Li sehnte sich von Herzen nach einer schönen globalen Krise. Lange musste sie nicht warten. 1999 wurde sie Deputy Commander im Kosovo-Konflikt und schrieb sich endgültig ein ins Buch der Helden.

Der abermaligen Heimkehr folgte die Position des Kommandierenden Generals in Fort Lewis und die Berufung in den Sicherheitsstab des Präsidenten, nachdem sie diesem mit einer von ihr verfassten Denkschrift zum Thema Nationale Sicherheit bis ins Mark imponiert hatte. Li vertrat darin eine harte Gangart. Tatsächlich dachte sie in vielem noch um einiges kompromissloser als die republikanische Administration, vor allem aber dachte sie patriotisch. Bei aller Weitläufigkeit war sie tatsächlich der Meinung, dass es kein besseres und gerechteres Land auf der Welt gab als die Vereinigten Staaten von Amerika, und sie hatte eine Reihe akuter Fragen in eben diesem Sinne beantwortet.

Plötzlich war sie im Zentrum der Macht.

Li, die kaltblütige Perfektionistin, kannte das Tier, das in ihr lauerte, nur zu gut, die heiße, unbändige Emotionalität, die ihr an diesem Punkt ebenso nützen wie gefährlich werden konnte, je nachdem, was sie als Nächstes tat. Jeden Anflug von Eitelkeit und übertriebener Zurschaustellung ihres Könnens musste sie sich unter diesen Umständen versagen. Es reichte, dass sie an manchen Abenden im Weißen Haus die Uniform mit dem trägerlosen Abendkleid vertauschte und den hingerissenen Zuhörern Chopin, Brahms und Schubert vorspielte, dass sie den Präsidenten beim Tanz auf dem Festparkett zu führen wusste, bis er zu schweben glaubte wie Fred Astaire, dass sie für seine Familie und alte republikanische Freunde Lieder aus der Zeit der Gründerväter sang. Dieser Teil der Inszenierung gehörte ihr allein. Geschickt knüpfte sie enge persönliche Beziehungen, teilte die Begeisterung des Verteidigungsministers für Baseball und die der Außenministerin für europäische Geschichte, ließ sich mit zunehmender Häufigkeit ins Private einladen und verbrachte ganze Wochenenden auf der präsidentialen Ranch.

Nach außen blieb sie bescheiden. Ihre Privatansicht in politischen Dingen behielt sie für sich. Sie spielte den Ball zwischen Militär und Politik, trat kultiviert, charmant und selbstsicher auf, stets korrekt gekleidet, aber niemals steif oder gar aufgeblasen. Man dichtete ihr eine Reihe von Verhältnissen mit einflussreichen Männern an, die sie sämtlich nicht hatte. Li ignorierte es mit gewohnter Souveränität. Keine Frage vermochte sie aus der Ruhe zu bringen. Sie fütterte Journalisten, Abgeordnete und Untergebene mit gut verdaulichen Happen aus Gewissheit und Überzeugung, war immer bestens organisiert und vorbereitet, hatte Unmengen von Details gespeichert und rief sie auf wie Dateien, reduziert auf griffige, klare Formeln.

Obwohl sie nicht im Mindesten wusste, was in den Ozeanen vor sich ging, schaffte sie es auch diesmal, ihrem Präsidenten ein genaues Bild der Lage zu vermitteln. Das umfangreiche Dossier der CIA brach sie auf wenige, entscheidende Punkte herunter. Als Folge saß Li nun im Chateau Whistler, und sie wusste sehr genau, was das bedeutete.

Es war der letzte, große Schritt, den sie zu gehen hatte.

Vielleicht sollte sie doch den Präsidenten anrufen. Einfach so. Er mochte es. Sie konnte ihm erzählen, dass die Wissenschaftler und Experten vollständig versammelt waren, was hieß, dass sie der informellen Einladung der Vereinigten Staaten gefolgt waren, obwohl sie zu Hause weiß Gott genug zu tun hatten. Oder dass die NOAA Ähnlichkeiten zwischen unidentifizierbaren Geräuschen festgestellt hatte. So etwas gefiel ihm, es klang nach »Sir, wir sind ein Stück weitergekommen«. Natürlich konnte sie nicht erwarten, dass er wusste, was unter Bloop und Upsweep zu verstehen war, und warum die NOAA glaubte, den Ursprung von Slowdown enträtselt zu haben. Das alles ging zu sehr ins Detail, aber es war auch nicht nötig. Ein paar Worte der Zuversicht über die abhörsichere Satellitenverbindung, der Präsident wäre glücklich, und glücklich war er nützlich.

Sie entschied sich dafür.

Neun Stockwerke unter ihr bemerkte Leon Anawak einen gut aussehenden Mann mit grau meliertem Haar und Vollbart. Er ging über den Vorplatz zum Hotel. Eine Frau begleitete ihn, klein, breitschultrig und braun gebrannt, Jeans und Lederjacke. Anawak schätzte sie auf Ende zwanzig. Kastanienfarbene Locken ringelten sich über Schulter und Rücken. Beide Ankömmlinge trugen Gepäck, das ihnen soeben von Bediensteten des Hotels abgenommen wurde. Die Frau sprach kurz mit dem Bärtigen, sah sich um und heftete ihren Blick für eine Sekunde auf Anawak. Sie strich sich die Locken aus der Stirn und verschwand in der Lobby.

Gedankenverloren starrte Anawak auf die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte. Dann legte er den Kopf in den Nacken, schirmte die Augen mit der Hand gegen das schräg einfallende Sonnenlicht ab und ließ seinen Blick die neoklassizistische Fassade des Chateaus erwandern.

Das Luxushotel lag inmitten des Traums, den jeder irgendwann von Kanada träumte. Nahm man den Highway 99 entlang der Horseshoe Bay, gelangte man von Vancouver in die Berge und fand das riesige Hotel eingebettet in sanft ansteigende Wälder und gekrönt von mächtigen Bergen, deren Gipfel auch in den Sommermonaten weiß schimmerten. Das Blackcomb— und Whistler-Massiv galt als eines der schönsten Skigebiete der Welt. Jetzt im Mai kamen die Gäste vorwiegend, um Golf zu spielen oder zu wandern. Ringsum lagen verschwiegene Seen. Man konnte die Gegend mit dem Mountainbike erkunden oder sich mit dem Helikopter in den ewigen Schnee fliegen lassen. Das Chateau selber verfügte über einige hervorragende Restaurants und bot jede nur erdenkliche Annehmlichkeit.

Alles hätte man an diesem Platz fernab der Welt erwartet. Nur nicht ein Dutzend Militärhubschrauber.

Anawak war schon vor zwei Tagen eingetroffen. Er hatte bei den Vorbereitungen für Lis Präsentation geholfen, zusammen mit Ford, der seit achtundvierzig Stunden zwischen dem Vancouver Aquarium, Nanaimo und dem Chateau hin— und herflog, um Material zu sichten, Daten auszuwerten und letzte Erkenntnisse zusammenzutragen. Sein Knie schmerzte immer noch, aber er humpelte nicht mehr. Die klare Bergluft hatte auch sein Denken irgendwie geklärt, und die Mutlosigkeit nach dem Flugzeugabsturz war nervösem Tatendrang gewichen.

Mittlerweile war so viel passiert, dass seine Festnahme durch die Militärpatrouille in unendlich weiter Ferne zu liegen schien. Dabei war er Li vor nicht einmal zwei Wochen erstmals begegnet — unter peinlichen Umständen, wie er sich eingestehen musste. Sie war amüsiert gewesen über den Dilettantismus, mit dem er seine nächtliche Aktion ausgeführt hatte, denn natürlich hatte man ihn bereits registriert, als er noch im Auto gesessen und die Docks entlanggefahren war. Sie hatten ihn einfach eine Weile beobachtet, um herauszufinden, was er eigentlich wollte. Dann hatten sie zugegriffen, und Anawak war sich vorgekommen wie der sprichwörtliche Mann, der nie wieder auftaucht.

123
{"b":"744","o":1}