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»Dennoch scheinen sie die Netze zu erkennen. Die Fischereiflotten jedenfalls beklagen gewaltige Einbußen. Die ganze Nahrungsmittelindustrie ist betroffen.« Peak räusperte sich. »Der zweite Grund für das Verschwinden von Schiffen und Menschen ist hinreichend bekannt. Aber es dauerte eine Weile, bis KH-12 einen solchen Vorgang dokumentieren konnte.«

Anawak starrte auf den Bildschirm. Er wusste, was kam. Er hatte die Bilder schon gesehen und selber Material beigesteuert, aber sie schnürten ihm jedes Mal aufs Neue die Kehle zu.

Er dachte an Susan Stringer.

Die Aufnahmen waren so dicht aufeinander geschossen worden, dass sie fast wie eine Filmsequenz abliefen. Auf dem offenen Meer trieb eine Segelyacht von schätzungsweise zwölf Metern Länge. Es war windstill, die See spiegelglatt, das Segel eingeholt. Im Heck saßen zwei Männer, auf dem Vorderdeck lagen Frauen in der Sonne.

Etwas Großes, Massiges schwamm dicht neben dem Boot vorbei, jede Einzelheit des riesigen Körpers war deutlich zu erkennen. Es war ein ausgewachsener Buckelwal. Zwei weitere folgten. Ihre Rücken durchbrachen die Wasseroberfläche, und einer der Männer stand auf und zeigte hinaus. Vorn hoben die Frauen die Köpfe.

»Jetzt«, sagte Peak.

Die Wale passierten das Boot. Backbord erschien etwas im tiefen Blau und gelangte näher an die Oberfläche. Es war ein weiterer Wal, der senkrecht nach oben schoss. Er stieg aus dem Wasser, die Flipper weit abgespreizt. Die Leute auf dem Boot wandten die Köpfe, verharrten gebannt.

Der Körper kippte.

Er schlug quer über das Segelboot und zerschmetterte es in zwei Teile. Trümmer wirbelten umher. Wie Puppen flogen die Menschen durch die Luft. Anawak sah den Mast brechen, dann sprang ein zweiter Wal auf das Wrack. Im Nu hatte sich die Idylle in ein aufgewühltes Inferno verwandelt. Das Boot sank. Bruchstücke trieben verloren in einem sich ausbreitenden Ring aus marmorierter Gischt. Von den Menschen war nichts mehr zu sehen.

»Die wenigsten hier haben solche Attacken unmittelbar erlebt«, sagte Peak. »Darum die Demonstration. Mittlerweile beschränken sich die Angriffe nicht länger auf Kanada und die Vereinigten Staaten, sondern haben weltweit einen erheblichen Teil der Kleinschifffahrt lahm gelegt.«

Anawak schloss die Augen.

Wie musste es von oben ausgesehen haben, als die DHC-2 mit dem Buckelwal kollidiert war? Gab es auch darüber eine geisterhafte Chronik? Er hatte nicht den Mut aufgebracht, danach zu fragen. Die Vorstellung, dass ein teilnahmsloses, gläsernes Auge alles mit angesehen hatte, erschien ihm unerträglich.

Wie als Antwort auf seine Gedanken sagte Peak:

»Diese Art der Dokumentation mag Ihnen zynisch erscheinen, ladies and gentlemen. Aber wir sind keine Voyeure. Wo es uns möglich war, haben wir uns um sofortige Hilfe bemüht.« Er hob den Blick vom Bildschirm seines Laptops. Seine Augen waren ausdruckslos. »Leider kommt man in solchen Fällen grundsätzlich zu spät.«

Peak war klar, dass er sich soeben auf dünnes Eis begab. Er deutete an, dass man nach Unglücksfällen Ausschau gehalten hatte, was die Frage aufwarf, warum man nicht bemüht gewesen war, sie zu verhindern.

»Stellen wir uns die Ausbreitung der Attacken nach Art einer Epidemie vor«, sagte er, »dann hat diese Epidemie vor Vancouver Island begonnen. Die ersten nachgewiesenen Fälle ereigneten sich vor Tofino. Vielfach — so unwahrscheinlich es klingt — sind strategische Allianzen zu beobachten. Grauwale, Buckelwale, auch Finnwale, Pottwale und andere Großwale, greifen die Boote an. Die kleineren, schnelleren Orcas erledigen dann die im Wasser treibenden Menschen.«

Der norwegische Professor hob die Hand.

»Was bringt Sie zu der Annahme, es handele sich um eine Epidemie?«

»Wir sagen nicht, dass es eine Epidemie ist, Dr. Johanson«, erwiderte Peak. »Sondern dass die Art der Ausbreitung epidemieartig zu verlaufen scheint. Von Tofino binnen weniger Stunden bis hinunter zur Baja California und hoch nach Alaska.«

»Ich bin nicht sicher, dass sich da etwas ausbreitete.«

»Augenscheinlich doch.«

Johanson schüttelte den Kopf. »Worauf ich hinaus will, ist, dass uns diese Augenscheinlichkeit zu falschen Schlüssen verleiten könnte.«

»Dr. Johanson«, sagte Peak geduldig, »wenn Sie dem Verlauf meiner Ausführungen mehr Zeit einräumen würden …«

»Wäre es nicht möglich«, fuhr Johanson unbeirrt fort, »dass wir es mit einem zeitgleichen Vorgehen zu tun haben, das lediglich ein bisschen unsauber koordiniert war?«

Peak sah ihn an.

»Ja«, sagte er widerwillig. »Das wäre möglich.«

Sie hatte es gewusst. Johanson bewegte seine eigene Theorie. Und Peak, der es nicht mochte, wenn Offiziere von Zivilisten unterbrochen wurden, hatte sich ärgern müssen.

Li war amüsiert.

Sie schlug die Beine übereinander, lehnte sich zurück und empfing einen fragenden Blick von Vanderbilt. Der CIA-Mann schien anzunehmen, sie habe Johanson im Vorfeld einiges erzählt. Sie sah zurück, schüttelte den Kopf und lauschte weiterhin Peaks Ausführungen.

»Wir wissen«, sagte Peak gerade, »dass es sich bei den aggressiven Walen ausschließlich um Non-Residents handelt. Residents gehören sozusagen zum festen Repertoire einer Lokalität. Transients hingegen wandern über große Strecken, so wie Grauwale und Buckelwale, oder sie treiben sich auf hoher See herum wie Offshore-Orcas. Wir haben daraus — mit einiger Vorsicht — eine Theorie entwickelt: dass die Ursache für die Verhaltensänderung der Tiere weiter draußen zu finden ist, im offenen Meer.«

Eine Weltkarte erschien. Sie zeigte, wo Angriffe durch Wale bekundet waren. Eine rote Schraffierung zog sich von Alaska bis Kap Horn. Weitere Gebiete erstreckten sich beiderseits des afrikanischen Kontinents und entlang Australiens. Dann verschwand die Karte und machte einer anderen Platz. Auch hier waren Küstenbereiche farbig unterlegt.

»Insgesamt nimmt die Zahl meeresbewohnender Arten, deren Verhalten sich gezielt gegen den Menschen richtet, dramatisch zu. Vor Australien kumulieren Angriffe durch Haie, ebenso vor Südafrika. Niemand geht noch schwimmen oder fischen. Hainetze, die für gewöhnlich ausreichen, um die Tiere fern zu halten, hängen in Fetzen, ohne dass jemand verlässlich sagen könnte, was sie zerstört. Unsere optischen Systeme tragen wenig zur Aufklärung bei, und was Tauchroboter angeht, sind die Länder der Dritten Welt technisch unterrepräsentiert.«

»An eine Häufung von Zufällen glauben Sie nicht?«, fragte ein deutscher Diplomat.

Peak schüttelte den Kopf.

»Das Erste, was Sie in der Navy lernen, Sir, ist, die Gefahr durch Haie richtig einzuschätzen. Die Tiere sind gefährlich, aber nicht grundsätzlich aggressiv. Wir schmecken ihnen nicht mal sonderlich. Die meisten Haie spucken einen Arm oder ein Bein sofort wieder aus.«

»Wie tröstlich«, murmelte Johanson.

»Aber diverse Arten scheinen ihre Meinung über den Wohlgeschmack von Menschenfleisch geändert zu haben. Innerhalb weniger Wochen hat sich die Zahl der Haiattacken verzehnfacht. Tausende von Blauhaien, eigentlich Hochseebewohner, dringen in Schelfregionen vor. Mako-, Weiß— und Hammerhaie treten rudelartig auf wie Wölfe, fallen über ein Küstengebiet her und richten innerhalb kürzester Zeit gewaltigen Schaden an.«

»Schaden?«, fragte ein französischer Abgeordneter mit starkem Akzent. »Was heißt das? Todesfälle?«

Was sonst, du Idiot, schien Peak zu denken.

»Ja, Todesfälle«, sagte er. »Sie greifen auch Boote an.«

»Mon Dieu! Was kann ein Hai gegen ein Boot ausrichten?«

»Täuschen Sie sich nicht!« Peak lächelte dünn. »Ein ausgewachsener Weißhai ist durchaus in der Lage, ein kleines Boot durch Rammen oder Bisse zu versenken. Haiangriffe auf Flöße mit Schiffbrüchigen sind belegt. Wenn mehrere Tiere zugleich beteiligt sind, besteht kaum Hoffnung, den Angriff zu überleben.«

Er zeigte das Bild eines hübsch aussehenden kleinen Kraken, dessen Oberfläche mit leuchtend blauen Ringen überzogen war.

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