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Help! Мой босс – обезьяна! Социальное поведение на работе с точки зрения биологии
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Атлант расправил плечи
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»Tanker und Frachter sind Gebilde, die zur Hälfte aus Hightech bestehen. Die andere Hälfte ist archaisch. Schiffsdiesel und Rudermaschinen mögen komplizierte, hoch entwickelte Konstrukte sein, aber unterm Strich dienen sie dazu, eine Schraube im Kreis zu drehen und ein Stück Stahl hin— und herzubewegen. Man navigiert mit GPS, aber Kühlwasser wird durch ein Loch ins Innere gepumpt. Warum auch anders? Man schwimmt ja darin. So einfach ist das. Hin und wieder setzt sich einer der Kästen zu, wenn zufällig Seegras hineingerät oder sonst was, aber dann wird er gereinigt. Ist einer verstopft, benutzt man den anderen. Nie hat die Natur offensiv Angriffe auf Seekästen gestartet, wozu also hätte man das System verbessern sollen?« Er ließ einige Sekunden verstreichen. »Dr. Roche, wenn winzige Insekten morgen beschließen sollten, gezielt Ihre Nasenlöcher zuzusetzen, besteht für Ihren wunderbaren, hochkomplexen Körper die Gefahr des Ablebens. Haben Sie je darüber nachgedacht, dass es geschehen könnte? Genau hier liegt das Problem in allem, was uns heimsucht. — Haben wir je darüber nachgedacht, dass es geschehen könnte?«

Johanson hörte nicht mehr richtig hin. Das nächste Kapitel kannte er in allen Einzelheiten. Er und Bohrmann hatten es für Peaks Vortrag strukturiert. Es handelte von Würmern und Methanhydraten. Während Peak sprach, vertraute er seinem Laptop in loser Folge Gedankengänge an:

Die Beeinflussung der neuronalen Systeme durch die …

Durch die was?

Er musste einen Begriff dafür finden. Es war lästig, ständig drum herum zu formulieren. Gedankenverloren starrte er den Bildschirm an. Hatte der Stab Zugriff auf die Programme? Der Gedanke, Li und ihre Leute könnten seine Gedanken ausspionieren, drängte sich auf und missfiel ihm. Er hatte seine Theorie, und er wollte den Stab zu einem Zeitpunkt damit konfrontieren, den er bestimmte.

Der reine Zufall wollte es, dass Ringfinger und Mittelfinger seiner linken Hand plötzlich ein Wort produzierten. Eigentlich war es noch weniger als ein Wort. Drei Buchstaben erschienen auf dem Bildschirm des Laptops.

Yrr Johanson war versucht, sie wieder zu löschen. Dann hielt er inne. Warum eigentlich nicht?

Ein Wort war so gut wie jedes andere. Dieses war sogar noch besser als ein richtiges Wort, weil es sich jedem Versuch einer Interpretation entzog. Im Grunde wusste er ja nicht, worüber er schrieb. Es gab keinerlei Begriff dafür, also empfahl sich der Weg in die Abstraktion.

Yrr

Yrr klang gut. Er würde vorerst dabei bleiben.

Weaver zerkaute ihren dritten Bleistift, während sie zuhörte.

»Vielleicht war die Sintflut ähnlich verheerend«, schloss Peak seinen minutiösen Exkurs. »Flutschilderungen sind Teil etlicher Mythen und religiöser Überlieferungen. Die vielleicht früheste Beschreibung eines Tsunami, der wir glauben können, erzählt von einer Naturkatastrophe in der Ägäis 479 vor Christus. Nachgewiesen sind die 60000 Toten, die 1755 in Lissabon starben, als Portugal von zehn Meter hohen Wellen getroffen wurde. Definitiv wissen wir auch von der Explosion des Krakatau 1883. Der größte Teil des Gipfels wurde abgesprengt, die unterseeische Caldera stürzte in die Magmakammer. Zwei Stunden später trafen 40 Meter hohe Wellen die Küstenregionen um Sumatra und Java, über 300 Orte wurden verwüstet, fast 36000 Menschen starben. 1933 suchte ein weit kleinerer Tsunami die japanische Stadt Sanriku heim und überrollte den Nordosten von Honshu. Bilanz: 3000 Tote, 9000 Gebäude zerstört, 8000 Schiffe gesunken. Keines dieser Ereignisse kommt auch nur annähernd dem nordeuropäischen Tsunami gleich. Die Anrainerstaaten dort sind ausnahmslos hoch entwickelte Industrienationen. Insgesamt 240 Millionen Menschen leben dort, die meisten an der Küste.«

Er sah in die Runde. Es war totenstill im Raum.

»Geologisch hat sich die gesamte Region schlagartig verändert. Für die Menschheit als Ganzes sind die Folgen noch nicht abzusehen, für die Wirtschaft sind sie vernichtend! Einige der bedeutendsten Hafenstädte der Welt wurden teilweise oder vollständig zerstört. Rotterdam war bis vor wenigen Tagen der größte maritime Handelsplatz aller Zeiten, die Nordsee eine der wichtigsten Lagerstätten für fossile Energien. Rund 450000 Barrel Öl wurden hier täglich hoch gepumpt. Die Hälfte der europäischen Ölressourcen lagert vor der norwegischen Küste, ein weiterer Teil vor England, außerdem ein erheblicher Teil der globalen Gasvorräte. Diese gewaltige Industrie wurde innerhalb weniger Stunden vernichtet. Die Zahl der Todesopfer liegt vorsichtig geschätzt bei zwei bis drei Millionen, die der Verletzten und obdachlos Gewordenen weit darüber.«

Peak verlas die Zahlen wie einen Wetterbericht, sachlich und scheinbar ohne Emotion.

»Unklar ist, was die Rutschung auslöste. Die Würmer gehören zweifellos zu den bemerkenswertesten Mutationen, mit denen wir es im Augenblick zu tun bekommen. Kein natürlicher Vorgang erklärt das milliardenfache Auftreten dieser Wurm-Bakterien-Kohorten. Dennoch vertreten unsere Freunde aus Kiel und Dr. Johanson die Auffassung, dass in dem Puzzle noch ein Steinchen fehlt. So instabil die Hydratfelder durch den Befall wurden, war mit einer solchen Katastrophe einfach nicht zu rechnen. Ein zusätzlicher Faktor muss ins Spiel gekommen sein, der mit der Welle nur den vordergründigen Teil des Problems schuf.«

Weaver richtete sich auf. Sie spürte, wie sich ihre Nackenhaare sträubten. Auch wenn das Satellitenbild, das in dieser Sekunde auf dem Schirm erschien, aus großer Höhe geschossen worden war, unscharf und künstlich aufgehellt, erkannte sie das Schiff sofort.

»Diese Aufnahmen demonstrieren, was ich meine«, sagte Peak. »Wir haben das Schiff per Satellit überwacht …« Wie bitte? Weaver glaubte, sich verhört zu haben. Sie hatten Bauer überwacht? »Ein Forschungsschiff namens Juno«, fuhr Peak fort.

»Die Bilder sind nachts geschossen worden, von einem militärischen Aufklärungssatelliten namens EORSAT. Glücklicherweise hatten wir einwandfreie Sicht und sehr ruhige See, was ungewöhnlich ist für die Gegend. Die Juno lag zu diesem Zeitpunkt vor Spitzbergen.«

Verwaschen hoben sich die Schiffslichter von der schwarzen Oberfläche ab. Plötzlich sprenkelte sich das Meer mit hellen Flecken, die sich ausbreiteten, bis die See zu kochen schien.

Die Juno kippte von rechts nach links, drehte sich.

Dann sank sie wie ein Stein.

Weaver erstarrte. Niemand hatte sie darauf vorbereitet. Endlich wusste sie, wo Bauer abgeblieben war. Die Juno lag am Grund der Grönländischen See. Sie dachte an seine verstörenden Aufzeichnungen, seine Befürchtungen und Ängste. Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie nun mehr darüber wusste als jeder andere. Bauer hatte ihr sein geistiges Eigentum vermacht.

»Es war das erste Mal seit Beginn der Anomalien«, sagte Peak, »dass wir diesen Effekt beobachten konnten. Bekannt waren uns Methan-Blowouts in dieser Gegend schon des Längeren, allerdings …«

Weaver hob die Hand.

»Haben Sie vermutet, dass so etwas geschehen würde?«

Peak sah sie aus seinen weißen Augen an. Sein Gesicht wirkte wie geschnitzt, vollkommen reglos.

»Nein.«

»Und was haben Sie unternommen, als die Juno sank?«

»Nichts.«

»Sie konnten nichts tun, obwohl Sie die Gegend und das Schiff von einem Satelliten überwachen ließen?«

Peak schüttelte langsam den Kopf. »Wir haben eine ganze Reihe von Schiffen beobachtet, um Erfahrungen zu sammeln. Man kann nicht überall zugleich sein. Niemand konnte davon ausgehen, dass ausgerechnet dieses Schiff …«

»Täusche ich mich«, unterbrach ihn Weaver heftig, »oder sind Auswirkungen solcher Blowouts hinlänglich bekannt? Zum Beispiel aus dem angeblich so mysteriösen Bermuda-Dreieck?«

»Miss Weaver, wir …«

»Anders gefragt, wenn Sie wussten, dass in der Vergangenheit Schiffe auf diese Weise verschwunden sind, und wenn Sie ferner wussten, dass die Freisetzung von Methan im Nordmeer zunimmt — ahnten Sie dann nicht auch, was dem norwegischen Kontinentalhang blühen würde?«

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