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Peak starrte sie an.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will wissen, ob Sie etwas hätten tun können!«

Peaks Ausdruck blieb ohne Regung. Er heftete seinen Blick unverwandt auf Weaver. Es war unangenehm still geworden.

»Wir haben es falsch eingeschätzt«, sagte er schließlich.

Li kannte solche Situationen zur Genüge. Peak würde keine andere Wahl bleiben, als das Versagen der Luftaufklärung teilweise einzugestehen. Tatsächlich hatten sie eine Zunahme von Blowouts vor Norwegen registriert, aber eben auch alles Mögliche andere. Von Würmern hatten sie nichts gewusst.

Sie erhob sich. Es wurde Zeit, Peak Beistand zu leisten.

»Wir hätten überhaupt nichts tun können«, sagte sie ruhig. »Ich möchte Sie im Übrigen bitten, den Ausführungen des Majors zuzuhören, anstatt Urteile zu fällen. Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, dass die wissenschaftlichen Berater hier im Raum unter zwei Gesichtspunkten ausgesucht wurden: Fachkompetenz und Erfahrung. Einige von Ihnen waren in die Geschehnisse unmittelbar verwickelt. Was hätte Dr. Bohrmann verhindern können? Dr. Johanson? Statoil? Was hätten Sie verhindern können, Miss Weaver? Glauben Sie wirklich, der Blick aus dem Orbit gehe einher mit einer omnipräsenten Task Force, die sofort zur Stelle ist und die Betroffenen raushaut, egal was passiert? Sollen wir lieber wegsehen?«

Die Journalistin runzelte die Stirn.

»Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig Vorwürfe zu machen«, sagte Li mit Nachdruck, bevor Weaver etwas erwidern konnte. »Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. So habe ich es gelernt. So steht es in der Bibel, und die Bibel hat in vielen Dingen Recht. Wir sind hier, um zu verhindern, dass noch mehr passiert. Sind wir uns einig?«

»Halleluja«, murmelte Weaver.

Li ließ ein kurzes Schweigen verstreichen.

Dann lächelte sie unvermittelt. Zeit für Zuckerbrot.

»Wir sind alle sehr aufgewühlt«, sagte sie. »Ich habe jedes Verständnis für Sie, Miss Weaver. Major Peak, bitte fahren Sie fort.«

Peak war vorübergehend mulmig geworden. Soldaten äußerten Kritik oder Bedenken nicht auf diese Weise. Er hatte nichts gegen Bedenken und Kritik, aber er hasste es, vorgeführt zu werden, ohne mit einem knappen Befehl die Verhältnisse wieder herstellen zu können. Plötzlich verspürte er dumpfen Hass auf die Journalistin. Er fragte sich, wie er mit diesem Haufen Wissenschaftler je zurechtkommen sollte.

»Was Sie eben gesehen haben«, sagte er, »war die Freisetzung einer größeren Menge Methan. So sehr ich den Tod der Seeleute bedaure, stellt uns das freigesetzte Gas vor weit größere Probleme. Infolge der Rutschung ist ein Millionenfaches dessen, was zum Untergang der Juno geführt hat, in die Atmosphäre gelangt. Es gibt Szenarien für den Fall, dass alles Methan weltweit auf gleiche Art entweicht. Das Resultat kommt einem Todesurteil gleich. Die Atmosphäre würde kippen.«

Er schwieg einen Moment. Peak war hartgesotten, aber was er nun zu verkünden hatte, bereitete auch ihm eine Höllenangst.

»Ich muss Sie darüber in Kenntnis setzen«, sagte er bedächtig, »dass die Würmer sowohl im Atlantik als auch im Pazifischen Ozean aufgetaucht sind. Explizit hat man die Spezies an den Kontinentalabhängen vor Nord— und Südamerika, vor der kanadischen Westküste und vor Japan entdeckt.«

Atemlose Stille.

»Das war die schlechte Nachricht.«

Jemand hüstelte. Es klang wie eine kleine Explosion.

»Die gute ist, dass der Befall bei weitem nicht die Ausmaße erreicht wie vor Norwegen. Die Organismen besiedeln nur vereinzelte Flächen. Definitiv sind sie nicht in der Lage, in diesen Konzentrationen ernsthaften Schaden anzurichten. Aber wir müssen davon ausgehen, dass sie sich verstärken werden, auf welche Weise auch immer. Offenbar sind vor Norwegen schon im letzten Jahr kleinere Populationen verzeichnet worden, in einem Gebiet, das Statoil zur Erprobung neuartiger Fabriken ausgesucht hatte.«

»Unsere Regierung kann das nicht bestätigen«, sagte ein norwegischer Diplomat in der letzten Reihe.

»Das ist mir klar«, sagte Peak spöttisch. »Praktischerweise scheint so gut wie jeder, der mit dem Projekt befasst war, tot zu sein. Unsere Quellen beschränken sich also auf Dr. Johanson und die Forschungsgruppe aus Kiel. Nun, wir haben Aufschub erhalten. Wir sollten ihn nutzen, um möglichst rasch etwas gegen die Scheißviecher zu unternehmen.«

Er stockte. Scheißviecher. Zu emotional. Das war nicht gut. Er hatte sich sozusagen auf den letzten Metern hinreißen lassen.

»Scheißviecher sind es, bei Gott, dem Allmächtigen!«, dröhnte eine Stimme.

Ein Mann von bemerkenswertem Äußeren hatte sich erhoben. Wie ein Fels ragte er in die Höhe, groß und massig, mit einem orangefarbenen Overall angetan. Unter einer Baseballkappe ringelten sich drahtige, schwarze Locken nach allen Seiten. Eine getönte, überdimensionale Brille hielt sich mühsam auf der viel zu kleinen Nase, die sich trotzig gegen den froschartig breiten Mund behauptete, indem sie spitz hervorstach. Wann immer sich dieser Mund öffnete und das kolossale Kinn nach unten drückte, fühlte man sich auf fatale Weise an die Muppet Show erinnert.

Dr. Stanley Frost stand auf dem Namensschild des Riesen, Vulkanologe.

»Ich habe mir die Unterlagen im Vorfeld angesehen«, sagte Frost. Es klang, als predige er das Evangelium. »Und sie treffen keineswegs meinen Geschmack. Wir konzentrieren uns da auf Kontinentalabhänge im Umfeld dicht besiedelter Zonen.«

»Ja, weil es dem norwegischen Muster entspricht. Zuerst wenige Tiere, dann über Nacht ganze Horden.«

»Wir sollten uns nicht allein darauf konzentrieren.«

»Wollen Sie ein zweites Nordeuropa?«

»Major Peak! Sagte ich, wir sollten die Hänge außer Acht lassen? Das habe ich nicht gesagt! Ich sprach von der alleinigen Konzentration darauf, was — der Herr sei mein Zeuge — von gewaltiger Dummheit kündet. Mir ist das zu augenfällig. Der Teufel plant auf anderen Wegen.«

Peak kratzte sich den Schädel.

»Könnten Sie Ihre Ausführungen präzisieren, Dr. Frost?«

Der Vulkanologe holte tief Luft. Sein Brustkorb spannte sich. »Nein«, sagte er.

»Habe ich Sie richtig verstanden?«

»Das will ich doch hoffen. Sollen wir Pferde scheu machen? Ich muss erst Klarheit haben. Denken Sie an meine Worte.«

Er sah entschlossen in die Runde, das riesige Kinn vorgereckt, und setzte sich wieder.

Na wunderbar, dachte Peak. Erst dieser Idiot, und jetzt der nächste.

Vanderbilt wälzte seine Massen zum Pult. Li verfolgte ihn mit zusammengekniffenen Lidern. Sie sah zu, wie der Stellvertretende Direktor der CIA eine lächerlich kleine Brille auf seine Nase nestelte, was sie mit einer Mischung aus Belustigung und Widerwillen erfüllte.

»Scheißviecher ist durchaus der richtige Begriff, Sal«, sagte Vanderbilt gut gelaunt. Er strahlte in die Runde, als habe er die Frohe Botschaft zu verkünden. »Aber wir werden den kleinen Scheißern Feuer machen, dass ihnen der Arsch glüht. Ich versprech’s euch. — Gut, kommen wir zu dem, was wir vermuten. Viel ist es nicht. Das liebe Öl, von dem wir alle so abhängig sind, dass wir’s am liebsten saufen würden, kaputschnik! In Wirtschaftsparametern ausgedrückt heißt das, wir können einen erheblichen Teil der weltweiten Produktion abschreiben. Für die Kameltreiber von der OPEC eine feine Sache. Die internationale Schifffahrt schlägt sich mit immer neuen Tricks der Natur herum, sie lahm zu legen, wie Peak wortreich demonstrieren konnte. Und der Terror zeigt Wirkung! Ich meine, unter uns — Wal— und Haiattacken, mal ehrlich, so was ist im Grunde Kinderkacke, höherer Blödsinn. Ich meine, es ist ärgerlich, wenn eine anständige amerikanische Familie nicht mehr raus zum Angeln kann, der Menschheit im Ganzen geht es am Arsch vorbei. Auch dass der kleine Fischer in Entwicklungshausen, von dessen täglicher Sardelle siebzehn Kinder und sechs Frauen leben müssen, mit hohlem Blick am Strand sitzt, weil er auf See befürchten muss, gefressen zu werden, ist unschön, sehr beschissen. Geschüttelt von aufrichtigem Bedauern können wir rein gar nichts tun. Die Menschheit hat andere Sorgen. Reiche Länder sind betroffen. Die bösen Fische lassen sich überhaupt nicht mehr fangen und schicken stattdessen mutierte Giftschleudern in die Netze, oder sie bringen Trawler zum Kentern. Auch wenn es Einzelfälle sind, es sind leider verdammt viele Einzelfälle. Und das ist blöde für Entwicklungshausen, weil sie nun gar nichts mehr von uns abbekommen.«

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