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»Es existiert also noch.«

»Was wir sehen, existiert. Aber wir wissen nicht, wie viel vorher da war und wie viel zersetzt wurde. Der Blasenaustritt hält sich im tolerierbaren Bereich. Ich würde mit einiger Vorsicht sagen, dass wir zumindest nicht unerfolgreich waren.«

»Doppelte Verneinung ist auch ein Ja«, nickte Frost befriedigt und stand auf. »Ich hole uns einen Kaffee.«

Anschließend hatten sie stundenlang weiter zugesehen, wie der Sauger das Plateau abgraste, bis ihnen die Augen brannten. Schließlich scheuchte van Maarten Frost ins Bett, damit er sich ausruhte. Frost und Bohrmann hatten drei Nächte lang kaum geschlafen. Während Frost noch protestierte, fielen ihm die Augen zu, und er wankte mit letzter Kraft in seine Kammer.

Bohrmann blieb mit van Maarten zurück. Es war 23.00 Uhr.

»Sie sind der Nächste, der schlafen geht«, bemerkte der Holländer.

»Ich kann nicht schlafen gehen.« Bohrmann fuhr sich über die Augen. »Außer mir kennt sich niemand hinreichend mit Hydraten aus.«

»Doch, wir kennen uns aus.«

»Es dauert ja nicht mehr lange«, sagte Bohrmann.

Er war wirklich am Ende. Die Pilotenteams waren schon dreimal ausgetauscht worden. Aber in wenigen Stunden würde Erwin Suess mit dem Helikopter aus Kiel eintreffen, und so lange musste er eben noch durchhalten.

Er gähnte. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen. Leises Summen erfüllte den Raum. Die Lichtinsel und der Sauger waren im Verlauf der letzten Stunden langsam, aber stetig nach Norden vorgerückt. Wenn die Daten der Polarstern -Expedition zutrafen, tummelten sich die Würmer nur auf dieser Terrasse. Er schätzte, dass es noch einige Tage dauern würde, um sie gänzlich abzusaugen, aber inzwischen regte sich wieder Hoffnung in ihm. Der Blasenaustritt lag über dem zu erwartenden Wert, gab jedoch nicht wirklich Anlass zur Besorgnis. Wenn die Würmer und die Bakterienhorden verschwanden, würden sich angefressene Hydrate vielleicht wieder stabilisieren.

Mit gesenkten Lidern beobachtete er die Monitore.

Seine Müdigkeit war schuld, dass die Veränderungen erst in sein Bewusstsein drangen, nachdem er schon eine Weile darauf gestarrt hatte. Er beugte sich vor.

»Da glitzert was«, sagte er. »Nehmen Sie den Sauger weg.«

Van Maarten kniff die Augen zusammen. »Wo?«

»Schauen Sie auf die Monitore. In dem Gewühl blitzte eben was auf. — Da, schon wieder!«

Auf einmal war er hellwach. Jetzt zeigten auch die Kameras der Lichtinsel, dass etwas nicht stimmte. Die obligatorische Sedimentwolke um den Schlund des Saugers hatte sich aufgebläht. Dunkle Brocken und Blasen wirbelten darin herum und trieben nach oben.

Die Saugerbildschirme wurden schwarz. Der Schlund des Rüssels schlug zur Seite aus.

»Verdammt, was passiert da?«

Aus dem Lautsprecher drang die Stimme des Piloten:

»Wir ziehen größere Sachen in uns rein. Der Sauger wird instabil. Ich weiß nicht, ob …«

»Weg damit!«, rief Bohrmann. »Weg vom Hang!«

Schon wieder, dachte er verzweifelt. Wie damals auf der Sonne. Ein Blowout. Sie hatten zu lange auf dieselbe Stelle gehalten, und hier war das Plateau instabil geworden. Der Unterdruck riss das Sediment auseinander.

Nein, kein Blowout. Schlimmer noch.

Der Saugrüssel versuchte sich aus der Sedimentwolke zurückzuziehen. Sie blähte sich weiter auf, und plötzlich schien sie regelrecht zu explodieren. Eine Druckwelle erschütterte die Lichtinsel. Das Bild schwankte auf und nieder.

»Wir haben eine Rutschung«, schrie der Pilot.

»Schalten Sie den Sauger ab.« Bohrmann sprang auf. »Zurückfahren.«

Jetzt erkannte er, wie von oben größere Felsbrocken herabfielen. Lavagestein stürzte auf die Terrasse. Irgendwo in der Schlamm— und Trümmerwolke wand sich kaum noch sichtbar der Schlauch des Saugrüssels.

»Sauger ist ausgeschaltet«, bestätigte van Maarten.

Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten sie den Verlauf der Rutschung. Mehr und mehr Gestein prasselte herab. Wenn sich der Effekt in der fast senkrechten Wand des Vulkankegels fortsetzte, würden sich immer größere Brocken lösen. Vulkangestein war porös. Aus einer kleinen Rutschung würde in Minutenschnelle eine große werden, und am Ende würde genau das eintreffen, was sie zu verhindern gesucht hatten.

Wir sollten uns in Gelassenheit fügen, dachte Bohrmann. Um zu fliehen, ist es ohnehin zu spät.

Ein sechshundert Meter hoher Wasserberg …

Das Geprassel hörte auf.

Lange Zeit sagte niemand etwas. Sie hielten ihre Blicke nur stumm auf die Monitore geheftet. Über der Terrasse stand eine diffuse Wolke, die das Licht der Halogenlampen streute und zurückwarf.

»Es hat aufgehört«, sagte van Maarten mit unmerklich zitternder Stimme.

»Ja.« Bohrmann nickte. »Sieht so aus.«

Van Maarten rief die Piloten.

»Die Lichtinsel hat ordentlich gewackelt«, meldete das Beleuchterteam. »Ein Spot ist ausgefallen. Macht sich allerdings nicht bemerkbar, wenn man’s nicht weiß.«

»Und der Rüssel?«

»Scheint festzuhängen«, war der Bescheid aus dem anderen Kran. »Die Systeme erhalten nach wie vor ihre Befehle, aber sie sind offenbar nicht in der Lage, sie auszuführen.«

»Schätze, der Schlund ist unter Trümmern verschüttet«, mutmaßte der andere Pilot.

»Wie viel kann da draufgefallen sein?«, fragte van Maarten leise.

»Erst muss sich die Wolke setzen«, erwiderte Bohrmann. »Sieht so aus, als seien wir mit einem blauen Auge davongekommen.«

»Gut. Dann müssen wir warten.« Van Maarten sprach ins Mikrophon. »Keine weiteren Versuche, den Rüssel frei zu bekommen. Kaffeepause. Ich will da unten keine unnötigen Erschütterungen. Wir warten eine Weile und sehen dann weiter.«

Drei Stunden später sahen sie weiter. Stellenweise zwar nur wenige Meter, denn das Sediment hatte sich immer noch nicht vollständig abgesetzt, aber die Mündung des Rüssels war einigermaßen gut zu erkennen. Inzwischen hatte sich auch Frost wieder eingefunden. Sein Haar stand in Korkenzieherlocken nach allen Himmelsrichtungen ab.

»Hat sich böse verkeilt«, konstatierte van Maarten.

»Ja.« Frost kratzte sich den Schädel. »Aber kaputt sieht er nicht aus.«

»Die Motoren sind blockiert.«

»Und wie kriegen wir ihn wieder frei?«

»Wir können einen Roboter runterschicken, der das Zeug beiseite räumt«, schlug Bohrmann vor.

»Heiliger Zorn Gottes und aller Engel!«, zeterte Frost. »Das kostet uns elend viel Zeit. Wo’s gerade so gut lief.«

»Wir müssen uns halt beeilen.« Bohrmann wandte den Kopf zu van Maarten. »Wie schnell können wir Rambo klarmachen?«

»Sofort.«

»Dann los. Versuchen wir’s.«

Rambo verdankte seinen Namen ganz unwissenschaftlich den Filmen mit Sylvester Stallone. Das ROV sah aus wie eine kleinere Version des Victor 6000, verfügte über vier Kameras, diverse Heck-und Seitenstrahler zur Stabilisierung und zwei überaus kräftige, gelenkige Greifarme. Das Gerät taugte nur für Tiefen bis 800 Meter, war jedoch in der Offshore-Szene sehr beliebt. Innerhalb einer Viertelstunde war Rambo einsatzbereit. Kurze Zeit später schwebte er am Vulkankegel entlang nach unten auf die Terrasse zu, über ein elektrooptisches Kabel mit dem Pilotenstand auf der Heerema verbunden. Die Lichtinsel kam in Sicht. Der Roboter sank weiter, nahm Fahrt auf und manövrierte zu dem eingeklemmten Saugschlund. Aus der Nähe war deutlich zu erkennen, dass die Motoren und Videosysteme des Rüssels intakt waren, allerdings hatten sich einige Brocken des Vulkangesteins so unglücklich verkeilt, dass er hoffnungslos feststeckte.

Rambos Greifarme begannen, die Brocken abzuräumen. Zu Anfang sah es so aus, als könne der Roboter den Rüssel freibekommen. Er trug die Trümmer nacheinander ab, bis er an einen schräg stehenden Zacken geriet, der sich ins Terrassensediment gebohrt hatte und den Rüssel gegen einen Felsvorsprung drückte. Die Arme fuhren aus und ein, drehten sich, versuchten den Zacken zu lösen. Es war illusorisch.

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