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»Trübe Angelegenheit«, meinte Frost angesichts der Wolke. »Sieh mal nach dem Rechten, Gärraad. Du erkennst in der Brühe mehr als ich.«

Bohrmann schaltete den Scheinwerfer seines Trackhounds ein. Dann überlegte er es sich und schaltete ihn wieder aus.

Was war da? Spielten ihm seine Sinne einen Streich?

Sein Blick wanderte erneut zur Lichtinsel. Diesmal sah er länger hinauf. Es kam ihm vor, als verströmten die Strahler ein stärkeres Licht als zuvor, aber das war unmöglich. Sie hatten die ganze Zeit über ihre volle Leuchtkraft entfaltet.

Es waren nicht die Strahler. Es war die blaue Aura. Sie hatte sich vergrößert.

»Siehst du das?«, Bohrmann deutete mit dem Arm zur Insel. Frost folgte der Bewegung mit Blicken.

»Ich kann nichts …« Er stockte. »Na so was.«

»Das Licht«, sagte Bohrmann. »Das blaue Leuchten.«

»Ariel und Uriel«, flüsterte Frost. »Du hast Recht. Es breitet sich aus.«

Um die Insel hatte sich ein großer, dunkelblauer Hof gebildet. Entfernungen waren unter Wasser schwer einzuschätzen, zumal der Lichtbrechungsindex alles ein Viertel näher und ein Drittel größer erscheinen ließ, aber eindeutig lag die Quelle des blauen Leuchtens ein ganzes Stück hinter der Insel. Die Halogenlampen im Gestänge blendeten ihn. Dennoch war es Bohrmann, als sehe er Blitze zucken. Dann verlor das Blau plötzlich an Intensität, wurde schwächer und erlosch.

»Das gefällt mir nicht«, sagte Bohrmann. »Ich denke, wir sollten aufsteigen.«

Frost antwortete nicht. Er starrte weiter auf die Insel.

»Stan? Hörst du? Wir sollten …«

»Nicht so hastig«, sagte Frost langsam. »Wir bekommen nämlich gerade Besuch.«

Er zeigte zum oberen Rand der Insel. Zwei längliche Schatten flitzten dort entlang. Blau beschienene Bäuche.

Im nächsten Moment waren sie verschwunden.

»Was war das?«

»Ganz ruhig, Junge. Schalt dein POD ein.«

Bohrmann drückte gegen den Sensor am Bauch des Exosuits.

»Ich wollte dich nicht beunruhigen«, sagte Frost. »Ich dachte, wenn ich dir erzähle, wozu es gut ist, wirst du vielleicht nervös und hältst ständig nur Ausschau nach …«

Weiter kam er nicht. Mitten aus dem Gestänge schossen zwei torpedoförmige Leiber hervor. Bohrmann sah bizarr geformte Köpfe. Die Tiere kamen geradewegs auf sie zu, mit unglaublicher Geschwindigkeit, die Kiefer vorgestülpt, die Mäuler weit offen. Wie eine Faust aus Eis schloss sich die Angst um sein Herz. Er stieß sich ab, trudelte nach hinten und hob schützend die Arme vor den Helm. Keine dieser Reaktionen ergab wirklich Sinn, aber soeben triumphierten die Instinkte der Frühzeit über seinen zivilisierten, hoch technisierten Geist. Sie befahlen ihm aufzuschreien, und Bohrmann gehorchte.

»Sie können dir nichts tun«, sagte Frost mit Nachdruck.

Dicht vor ihm drehten die Angreifer ab. Bohrmann schnappte nach Luft und kämpfte die Panik herunter. Frost schwamm mit schnellen Flossenschlägen an seine Seite.

»Wir haben das POD bereits getestet«, sagte er. »Es funktioniert.«

»Was zum Teufel ist denn ein POD?«

»Ein Protective Ocean Device. Der beste Schutz gegen Haie. Das POD baut ein elektrisches Feld auf, das dich wie ein Schutzwall umgibt. Sie kommen nicht näher als fünf Meter an dich heran.«

Bohrmann keuchte und versuchte, den Schock zu verwinden. Die Tiere waren in weitem Bogen hinter der Lichtinsel verschwunden.

»Die waren näher als fünf Meter«, sagte er.

»Nur beim ersten Mal. Jetzt haben sie ihre Lektion gelernt. Beruhige dich. Haie verfügen über hoch empfindliche elektrosensorische Organe. Das Feld überflutet sie mit Reizen und stört ihr Nervensystem. Es verursacht ihnen schmerzhafte Muskelkrämpfe. Wir haben Weißhaie und Tigerhaie mit Ködern angelockt und dann das POD aktiviert, und sie konnten das Feld nicht durchdringen.«

»Dr. Bohrmann? Stanley?« Van Maartens Stimme.

»Seid ihr okay?«

»Alles in Ordnung«, sagte Frost.

»POD hin, POD her, ihr solltet hoch kommen.«

Bohrmanns Augen suchten nervös die Lichtinsel ab. Was Frost ihm da erzählte, wusste er zum größten Teil. Haie besaßen im vorderen Bereich ihres Kopfes kleine Gruben, so genannte Lorenzinische Ampullen. Selbst schwächste elektrische Impulse nahmen sie damit wahr, wie sie durch Muskelbewegungen anderer Tiere erzeugt wurden. Er hatte nur nicht gewusst, dass es ein POD gab, mit dem man den elektrischen Sinn stören konnte.

»Das waren Hammerhaie«, sagte er.

»Große Hammerhaie, ja. Jeder um die vier Meter, schätze ich.«

»Scheiße.«

»Bei Hammerhaien funktioniert es besonders gut.« Frost kicherte. »Guck dir ihren Quadratschädel an. Sie haben mehr Lorenzinische Ampullen als jeder andere Hai.«

»Und jetzt?«

Er sah eine Bewegung. Aus dem Dunkel hinter der Insel kamen die beiden Haie erneut zum Vorschein. Bohrmann rührte sich nicht. Er beobachtete, wie die Tiere zum Angriff übergingen. Zielstrebig, ohne die typischen pendelnden Kopfbewegungen, mit denen Haie Duftspuren im Wasser folgten, stießen sie herab, um plötzlich abzustoppen, als seien sie gegen eine Mauer geschwommen. Ihre Mäuler verzerrten sich. Verwirrt schwammen sie ein Stück in die entgegengesetzte Richtung, dann kehrten sie zurück und begannen die Taucher nervös, aber in respektvollem Abstand zu umkreisen.

Es funktionierte tatsächlich.

Frost durfte mit seiner Einschätzung richtig liegen. Jedes der Exemplare maß gut und gern vier Meter. Der Körper war haitypisch. Hingegen wies ihr Kopf eine höchst eigentümliche Form auf, die den Tieren ihren Namen eingetragen hatte. Die Seiten waren zu abgeflachten Flügeln verlängert, an deren äußeren Enden sich Augen und Nasenöffnungen befanden. Die Vorderkante des Hammers war glatt und gerade wie ein Beil.

Langsam begann er sich besser zu fühlen. Wahrscheinlich hatte er sich wie ein Idiot verhalten. Er schätzte, dass die Tiere nicht mal in der Lage waren, dem Exosuit etwas anzuhaben.

Dennoch wollte er weg.

»Wie lange brauchen wir nach oben?«, fragte er.

»Wenige Minuten mit dem Trackhound. Nicht länger als runter. Wir schwimmen über die Lichtinsel. Dort schalten wir die Programmierung ein und lassen uns hoch ziehen.«

»In Ordnung.«

»Nicht vorher einschalten, hörst du? Sonst rasselst du mir noch in die Beleuchtung!«

»Okay.«

»Geht’s dir gut?«

»Ja, verdammt! Alles bestens. Wie lange hält der Schutz?«

»Das POD holt locker vier Stunden aus dem Akku.« Frost stieg mit gleichmäßigen Flossenschlägen nach oben, die Konsole des Trackhounds im Greifer des rechten Arms. Bohrmann folgte ihm.

»Tja, ihr Lieben«, sagte Frost. »Wir müssen euch leider verlassen.«

Die Haie nahmen die Verfolgung auf. Sie versuchten, näher heranzukommen. Ihre Körper zuckten, die Mäuler verzerrten sich. Frost lachte und paddelte weiter auf die Lichtinsel zu. Seine Silhouette hing klein und bläulich vor der riesigen, leuchtenden Fläche, die Konturen überstrahlt. Weiß und Blau, die Farben der Tiefe.

Bohrmann dachte an die blaue Wolke, die sie in der Ferne gesehen hatten.

Natürlich!

Plötzlich fiel sie ihm wieder ein. Vor lauter Schreck hatte er völlig vergessen, dass sie sich unmittelbar vor dem Erscheinen der Haie gebildet hatte. Dasselbe Phänomen war für die Veränderung der Wale verantwortlich gewesen und wahrscheinlich für eine ganze Reihe weiterer Anomalien und Katastrophen. Wenn das stimmte, hatten sie es nicht mit gewöhnlichen Haien zu tun.

Warum waren die Tiere überhaupt hier? Haie hörten ausgezeichnet. Vielleicht hatte sie der Krach angelockt. Aber warum griffen sie an? Weder er noch Frost sonderten irgendwelche Düfte ab. Sie passten nicht ins Beuteschema. Überhaupt waren Haiattacken auf Menschen im tiefen Wasser äußerst selten.

Sie näherten sich dem oberen Rand der Insel.

»Stan? Mit den beiden ist irgendwas nicht in Ordnung.«

»Sie können dir nichts tun.«

»Trotzdem.«

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