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Die Kuppel zu öffnen, wäre zu gefährlich. Das Deepflight würde augenblicklich voll laufen. Also bleibt sie einfach liegen und starrt hinaus in der Hoffnung, dass sich die See irgendwann beruhigt. Sie hat noch einiges an Treibstoff. Nicht genug, um es bis nach Grönland oder Svalbard zu schaffen, aber wenigstens in die Nähe davon. Solange es stürmt, wird sie die Reserven schonen — es wäre sinnlos, gegen die Wogen anzufahren, und abtauchen möchte sie nicht mehr. Sobald es ruhiger wird, kann sie sich auf Kreuzfahrt begeben. Wohin auch immer.

Sie weiß nicht wirklich, was sie erlebt hat. Aber wenn das Wesen dort unten zu dem Schluss gekommen ist, dass Menschen etwas mit Yrr gemeinsam haben, und sei es nur den Duft, mag das Gefühl die Logik besiegt haben. Dann wurde der Menschheit Zeit geschenkt. Ein Kredit, zurückzahlbar in gutem Willen, Einsicht und Taten. Eines Tages werden die Yrr zu einem neuen Konsens gelangen, weil ihre Herkunft und Entwicklung, ihr ganzer Fortbestand auf Konsens gründet, und dann wird die Menschheit entschieden haben, wie dieser Konsens ausfällt.

An mehr mag Weaver nicht denken. Nicht an Sigur Johanson, nicht an Sam Crowe und Murray Shankar, nicht an die Toten, an Sue Oliviera, Alicia Delaware, Jack Greywolf. Nicht an Salomon Peak, Jack Vanderbilt, Luther Roscovitz, an niemanden, nicht mal an Judith Li.

Nicht an Leon, weil Denken Angst bedeutet.

Aber dann denkt sie doch.

Einer nach dem anderen stellen sie sich ein, als kämen sie zu einer Party, nehmen Platz in ihrem Kopf und machen sich breit.

»Die Gastgeberin ist voller Liebreiz«, sagt Johanson. »Aber es würde ihr anstehen, einen vernünftigen Wein an Bord zu haben.«

»Was erwartest du von einem Tauchboot?«, kontert Oliviera trocken. »Einen Weinkeller?«

»Es gibt Dinge, die man verlangen kann.«

»Mensch, Sigur.« Anawak schüttelt lachend den Kopf. »Du solltest ihr gratulieren. Gerade hat sie die Welt gerettet.«

»Sehr löblich.«

»Hat sie das?«, fragt Crowe. »Die Welt?«

Ratloses Schweigen.

»Also, die Welt, mal ehrlich.« Delaware schiebt ihren Kaugummi von einer Backe in die andere. »Der Welt ist das doch so was von egal. Ob sie nun mit oder ohne uns durchs Universum eiert. Retten oder zerstören können wir nur unsere Welt.«

»Hugh!« Greywolf neigt sein Haupt.

Anawak stimmt zu: »Der Atmosphäre geht es am Arsch vorbei, ob sie für unsereinen atembar ist oder nicht. Wenn der Mensch aufhört zu existieren, entfällt auch dieses unselige menschliche Wertesystem, und dann ist ein Tümpel blubbernden Schwefels genauso schön oder unschön wie Tofino im Sonnenschein.«

»Sehr treffend, Leon«, verkündet Johanson. »Trinken wir den Wein der Einsicht. Die Menschheit ist sowieso auf dem absteigenden Ast, ich meine, Kopernikus hat die Erde aus dem Zentrum der Welt verbannt, Darwin hat uns die Krone der Schöpfung vom Kopf gerissen, Freud hat gezeigt, dass der menschliche Verstand am Unbewussten scheitert. Bis zuletzt waren wir wenigstens noch die einzigen organisierten Klugscheißer auf diesem Planeten, und jetzt kommen ältere Mieter und werfen uns raus.«

»Gott hat uns verlassen«, polemisiert Oliviera.

»Na ja, nicht ganz«, sagt Anawak. »Karen hat uns immerhin eine Verlängerung rausgeschunden.« »Aber um welchen Preis!« Johanson zieht ein langes Gesicht. »Einige von uns mussten sterben.«

»Das bisschen Schwund«, frotzelt Delaware.

»Tu bloß nicht so, als hätt es dir nichts ausgemacht.«

»Was willst du? Ich fand mich sehr tapfer. Wenn du derlei Geschichten im Kino siehst, müssen immer die Alten sterben, während die Jungen überleben.«

»Das ist, weil wir Affen sind«, sagt Oliviera trocken. »Die alten Gene weichen den jüngeren, gesünderen, die eine optimale Fortpflanzung garantieren. Andersrum funktioniert die Sache nicht.«

»Nicht mal im Kino«, nickt Crowe. »Wenn die Alten überleben und die Jungen sterben, gibt’s Geschrei. In den Augen der meisten Menschen ist das kein Happy End. Nicht zu fassen, was? Selbst diese zutiefst romantische Sache mit dem Happy End resultiert aus biologischen Sachzwängen. Von wegen freier Wille. Hat jemand eine Zigarette?«

»Kein Wein, keine Zigaretten«, sagt Johanson maliziös.

»Ihr müsst das positiv sehen«, mischt sich Shankar mit seiner sanften Stimme ein. »Die Yrr sind ein Wunder, und das Wunder hat uns überdauert. Ich meine, King Kong, der Weiße Hai, immer muss das mythische Ungeheuer sterben. Der Mensch, der ihm auf die Spur kommt, bestaunt und bewundert es, lässt sich von seiner Fremdartigkeit verzaubern und bringt es dann um. Wollen wir das wirklich? Wir haben uns von Scratch verzaubern lassen, vom Fremdartigen, Ungewissen — wozu? Um es aus der Welt zu schaffen? Warum sollten wir dem Wunder schon wieder den Garaus machen?«

»Damit sich Held und Heldin in die Arme sinken und einen Haufen langweiliger Nachkommen zeugen können«, knurrt Greywolf.

»Jawohl!« Johanson schlägt sich gegen die Brust. »Und auch der weise, alte Wissenschaftler muss sterben zugunsten hirnloser Spießer, deren einziges Verdienst darin besteht, jung zu sein.«

»Danke«, sagt Delaware.

»Dich meine ich nicht.«

»Ruhig, Kinder.« Oliviera hebt die Hände. »Einzeller, Affen, Ungeheuer, Menschen, Wunder, alles dasselbe. Alles Biomasse. Kein Grund zur Aufregung. Unsere Spezies stellt sich sofort anders dar, wenn man sie unterm Mikroskop betrachtet oder in biologischen Begrifflichkeiten umschreibt. Aus Mann und Frau werden Männchen und Weibchen, der vordringliche Lebenszweck des Einzelnen ist Nahrungserwerb, aus Essen wird Fressen …«

»Aus Sex Paarung«, ruft Delaware gut gelaunt.

»Ganz richtig. Krieg benennen wir um in Dezimierung der Art und schlimmstenfalls Gefährdung des Bestands, und wir müssen uns nicht weiter für unsere Blödheit verantworten, weil wir alles den Genen und Trieben in die Schuhe schieben können.«

»Triebe?« Greywolf legt einen Arm um Delaware. »Nichts dagegen.«

Ein leises Lachen kommt auf, wird konspirativ weitergereicht und sorgsam wieder verstaut.

Anawak zögert.

»Also, um nochmal auf die Sache mit dem Happy End zurückzukommen …«

Alle schauen ihn an.

»Ich weiß, man könnte sich die Frage stellen, ob die Menschheit es verdient weiterzubestehen. Aber es gibt keine Menschheit. Es gibt nur Menschen. Einzelne Menschen, von denen viele einen Haufen guter Gründe anführen könnten, warum sie auf alle Fälle weiterleben sollten.«

»Und warum willst du weiterleben, Leon?«, fragt Crowe.

»Weil …« Anawak zuckt die Achseln. »Ganz einfach. Weil es jemanden gibt, für den ich weiterleben möchte.«

»Happy End«, seufzt Johanson. »Ich wusste es.«

Crowe lächelt Anawak an.

»Solltest du am Ende verliebt sein, Leon?«

»Am Ende?« Anawak überlegt. »Ja. Ich schätze, am Ende bin ich wohl verliebt.«

Sie unterhalten sich weiter, und die Stimmen verhallen in Weavers Kopf, bis sie sich mit dem Rauschen der Wellen vermischt haben.

Traumtänzerin, denkt sie. Du elende Traumtänzerin.

Sie ist wieder allein.

Weaver weint.

Nach etwa einer Stunde wird es ruhiger. Nach einer weiteren Stunde hat der Wind so weit nachgelassen, dass die Wogen zu ausgedehnten Hügeln verflacht sind.

Drei Stunden später wagt sie es, die Kuppel zu öffnen.

Mit einem Klicken löst sich die Arretierung. Summend fährt die Abdeckung hoch. Eisige Kälte umgibt sie. Sie starrt hinaus und sieht in der Ferne einen Buckel auftauchen und wieder verschwinden. Es ist kein Orca, der sich nähert, sondern etwas Größeres. Beim zweiten Auf— und Abtauchen, nun wesentlich näher, stößt die gewaltige Fluke aus dem Wasser.

Ein Buckelwal.

Kurz überlegt sie, die Röhre wieder zu schließen. Aber was hat sie dem Tonnengewicht eines Buckelwals entgegenzusetzen? Ob sie nun in der Röhre liegt oder aufrecht darin sitzt. Wenn der Wal nicht will, dass sie die nächsten paar Minuten überlebt, dann überlebt sie nicht.

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