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Li legte die Fingerspitzen aufeinander. »Sie meinen die Barrier Queen

Der Moderator warf einen Blick auf die Notizen in seiner Rechten. »Korrekt. Es ist so gut wie nichts darüber bekannt geworden.«

»Natürlich nicht«, entfuhr es Anawak.

Er hatte es gewusst. Er hatte nur vergessen, in den letzten beiden Tagen mit Shoemaker darüber zu sprechen.

»Die Barrier Queen«, sagte Li, »hatte einen Schaden am Ruderblatt. Ein Schlepper sank durch ein falsch durchgeführtes Ankopplungsmanöver.« »Nicht als Folge eines Angriffs? Meine Notizen …« »Ihre Notizen sind falsch.« Anawak erstarrte. Was zum Teufel redete diese Frau da? »Nun, General, können Sie uns wenigstens etwas über den Absturz eines Wasserflugzeugs der Tofino Air vor zwei Tagen sagen?« »Ein Flugzeug ist abgestürzt, ja.« »Es ist angeblich mit einem Wal kollidiert.«

»Wir untersuchen auch diesen Vorfall. Verzeihen Sie, wenn ich nicht zu jedem Ereignis Stellung beziehen kann, aber meine Arbeit ist eher übergeordneter Natur …«

»Natürlich.« Der Moderator nickte. »Also reden wir über Ihre Position. Was umfasst Ihre Arbeit? Wie muss man sich das vorstellen? Augenblicklich können Sie ja offenbar nur reagieren.«

Ein Anflug von Belustigung zuckte über Lis Gesichtszüge. »Es liegt nicht in der Natur von Krisenstäben, ausschließlich zu reagieren, wenn ich das sagen darf. Wir nehmen Krisenlagen auf, führen und wickeln sie ab. Das beinhaltet Früherkennung, vollständige und klare Darstellung, Prävention, Evakuierung, all das. — Aber wie ich schon sagte, haben wir es hier mit etwas Neuem zu tun. Vorsorge und Früherkennung waren sicher nicht in dem Maße möglich wie in vertrauteren Szenarien. Alles andere haben wir im Griff. Kein Schiff fährt noch hinaus aufs Meer, dem die Tiere gefährlich werden könnten. Wichtige Transporte gefährdeter Schiffe haben wir auf den küstennahen Flugverkehr umgelegt. Größere Schiffe erhalten militärisches Geleit, wir betreiben eine lückenlose Luftüberwachung und haben umfangreiche Mittel bewilligt zur wissenschaftlichen Erforschung.«

»Sie haben militärische Gewalt ausgeschlossen …«

»Nicht ausgeschlossen. Relativiert.«

»Umweltschützer meinen, die Verhaltensänderungen seien auf zivilisatorische Einflüsse zurückzuführen. Lärm, Gifte, Seeverkehr …«

»Wir sind auf dem besten Wege, es herauszufinden.«

»Und wie weit sind Sie?«

»Ich wiederhole: Wir werden uns nicht in Spekulationen ergehen, solange keine konkreten Resultate vorliegen, und wir werden auch niemandem gestatten, es zu tun. Ebenso wenig werden wir aufgebrachten Fischern, der Industrie, Reedereien, Whale-Watching-Firmen oder Anhängern des Walfangs erlauben, die Situation eigenmächtig in die Hand zu nehmen und möglicherweise eskalieren zu lassen. Wenn Tiere angreifen, sind sie entweder in die Enge getrieben oder krank. In beiden Fällen ist es unsinnig, Gewalt gegen sie anzuwenden. Wir müssen zu den Ursachen vorstoßen, dann werden die Symptome verschwinden. Und so lange werden wir halt das Wasser meiden.«

»Danke, General.«

Der Moderator wandte sein Gesicht in die Kamera.

»Das war General Commander Judith Li von der US Navy, die seit wenigen Tagen als Militärische Leiterin der Vereinigten Krisenstäbe und Untersuchungskommissionen von Kanada und den USA amtiert. Und jetzt weitere Nachrichten vom Tage.«

Anawak stellte den Fernseher leiser und rief John Ford an. »Wer zum Teufel ist diese Judith Li?«, fragte er.

»Oh, ich habe sie noch nicht persönlich kennen gelernt«, erwiderte Ford. »Sie fliegt ständig durch die Gegend.«

»Ich wusste nichts davon, dass Kanada und die USA ihre Krisenstäbe zusammengelegt haben.«

»Du musst ja auch nicht alles wissen. Du bist Biologe.«

»Hat dich jemals einer zu den Walattacken interviewt?«

»Es gab Anfragen, die im Sande verliefen. Dich wollten sie mehrfach im Fernsehen haben.«

»Ach nein! Und warum hat mich niemand …«

»Leon.« Ford klang noch müder als am Vormittag. »Was soll ich sagen? Li hat alles abgeblockt. Vielleicht ist das gut so. Sobald du einen staatlichen oder militärischen Stab unterstützt, wird von dir erwartet, das Maul zu halten. Alles, was du tust, unterliegt der Geheimhaltung.«

»Und warum können wir beide uns dann ungehindert austauschen?«

»Weil wir im selben Boot sitzen.«

»Aber diese Generalin erzählt Mist! Das von der Barrier Queen zum Beispiel …«

»Leon.« Ford gähnte. »Warst du dabei, als es passierte?«

»Fang jetzt nicht so an.«

»Tue ich gar nicht. Ich zweifle ebenso wenig wie du daran, dass es sich exakt so zugetragen hat, wie dein Mr. Roberts von Inglewood sagt. Trotzdem, überleg mal: eine Invasion von Muscheln. Komische Tierchen, wissenschaftlich nicht beschrieben. Ominöser Glibber. Ein Wal springt auf eine Trosse. Das alles zusammen ergibt deinen Barrier-Queen -Vorfall — ach ja, nicht zu vergessen, dass dir im Dock irgendwas ins Gesicht geflatscht und abgehauen ist und Fenwick und Oliviera Glibberzeug in Walgehirnen vorfinden. Willst du das so in aller Öffentlichkeit breittreten?«

Anawak schwieg.

»Warum ist Inglewood nicht für mich erreichbar?«, fragte er schließlich. »Keine Ahnung.« »Irgendwas musst du doch wissen. Du bist Wissenschaftlicher Leiter des Kanadischen Stabs.«

»Klar! Und darum legen sie mir stapelweise Dossiers auf den Tisch. Mann, Leon, ich weiß es nicht! Sie halten uns kurz.«

»Inglewood und der Krisenstab sitzen auch in einem Boot.«

»Prima. Wir können stundenlang darüber diskutieren, aber ich würde gerne fertig werden mit den verdammten Videos, und es wird länger dauern, als ich dachte. Einer unserer Leute hat sich eben mit der Scheißerei ins Bett gelegt. Herzlichen Glückwunsch. Vor heute Nacht können wir uns gar nichts ansehen.«

»Mist«, fluchte Anawak.

»Pass auf, ich ruf dich an, okay? Oder Licia, falls du ein Nickerchen …«

»Ich bin erreichbar.«

»Sie macht sich übrigens gut, findest du nicht?«

Natürlich machte sie sich gut. Sie war so engagiert, wie man es sich überhaupt nur wünschen konnte.

»Ja«, brummte Anawak. »Nicht übel. Kann ich irgendwas tun?«

»Nachdenken. Vielleicht machst du einen Spaziergang oder fährst ein paar Nootka-Häuptlinge besuchen.« Ford lachte meckernd. »Die Indianer wissen bestimmt was. Wär doch toll, wenn sie dir plötzlich erzählen, das alles sei vor tausend Jahren schon mal passiert.«

Witzbold, dachte Anawak.

Er beendete das Gespräch und starrte in den laufenden Fernseher.

Nach einigen Minuten begann er im Raum auf und ab zu laufen. Sein Knie pochte, aber er lief weiter, als wolle er sich dafür bestrafen, nicht voll einsatzfähig zu sein.

Wenn es so weiterging, würde er in Paranoia verfallen. Jetzt schon beschlich ihn der Verdacht, dass ihn jeder zu umgehen versuchte. Niemand rief ihn an und erzählte ihm etwas, sofern er nicht danach fragte. Sie behandelten ihn wie einen Pflegefall. Dabei konnte er nur nicht richtig laufen. Gut, es war ein bisschen viel gewesen in letzter Zeit. Erst aus einem Boot geschleudert zu werden und ein paar Tage später aus einem abstürzenden Flugzeug, okay, okay …

Das alles war es nicht.

Er blieb vor den Plastikwalen stehen.

Niemand versuchte ihn irgendwo herauszuhalten. Kein Mensch behandelte ihn wie einen Kranken. Ford konnte ihm nichts zeigen, solange er nicht das komplette Material gesichtet hatte, und er wollte Anawak nicht damit belasten, ins Aquarium zu kommen und ihm dabei zu helfen. Delaware tat alles, um ihn zu unterstützen. Sie waren rücksichtsvoll, nicht mehr und nicht weniger. Er selber war es, der sich als Versehrten betrachtete und sich nicht leiden konnte.

Was sollte er tun?

Wenn du dich im Kreis drehst, dachte er, was machst du dann am besten? Durchbrich den Kreis. Tu etwas, das dich wieder auf geraden Kurs bringt. Etwas, bei dem du nicht die anderen forderst, sondern dich selber. Tu etwas Ungewöhnliches.

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