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Er könnte George Frank besuchen. Es war nicht weit. Frank wohnte unweit des Wickaninnish Inn. Je länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm der Gedanke.

Anstatt auf Fords Anruf zu warten, konnte er den Kreis durchbrechen und sehen, wohin es ihn führte. Er blätterte im Telefonbuch nach Franks Nummer und rief ihn an.

Der taayii hawiih war zu Hause. Er schlug vor, gemeinsam am Fluss spazieren zu gehen.

»Du bist also gekommen, um etwas über die Wale zu erfahren«, sagte Frank, als sie eine halbe Stunde später unter dicht belaubten Riesenbäumen hindurchgingen.

Anawak nickte. Er hatte Frank erklärt, warum er hier war. Der Chief rieb sich das Kinn. Er war ein kleiner Mann mit knittrigem Gesicht und freundlichen dunklen Augen. Sein Haar war ebenso schwarz wie das von Anawak. Unter seiner Windjacke trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift Salmon Corning Home.

»Du erwartest jetzt hoffentlich keine Indianerweisheiten von mir?«

»Nein.« Anawak war froh über diese Antwort. »John Ford hatte die Idee.«

»Welcher?« Frank lächelte. »Der Regisseur oder der Direktor des Vancouver Aquarium?«

»Der Regisseur ist, glaube ich, tot. Wir versuchend halt an allen Fronten. Und sei es nur, dass es in irgendeiner eurer Geschichten etwas gibt, das auf ähnliche Vorfälle hindeutet.«

Frank wies auf den Fluss, an dessen Ufer sie entlangwanderten. Das Wasser bahnte sich gurgelnd seinen Weg. Es trieb Geäst und Blätter mit sich. Der Fluss entsprang in den rauen Hochgebirgslandschaften und war teilweise versandet.

»Da hast du deine Antwort«, sagte er.

»Im Fluss?«

Frank grinste. »Hisbuk ish ts’awalk.«

»Okay. Also doch Indianerweisheiten.«

»Nur eine. Ich dachte, du kennst sie.«

»Ich kann eure Sprache nicht. Hier und da mal ein paar Brocken aufgeschnappt. Das war’s.«

Frank musterte ihn einige Sekunden.

»Na ja, es ist der Kerngedanke fast aller indianischen Kulturen. Die Nootka reklamieren ihn für sich, aber ich schätze, anderswo sagen die Menschen dasselbe in anderen Worten: Alles ist eins. Was mit dem Fluss passiert, passiert mit den Menschen, den Tieren, dem Meer. Was einem geschieht, geschieht allen.«

»Stimmt. Andere nennen es Ökologie.«

Frank bückte sich und zog einen losen Ast ans Ufer, der sich im Wurzelgestrüpp entlang des Flusses verfangen hatte.

»Was soll ich dir erzählen, Leon? Wir wissen nichts, was du nicht auch weißt. Ich kann gerne für dich die Ohren spitzen. Ich rufe ein paar Leute an. Es gibt viele Lieder und Legenden. Aber ich kenne keines, das euch weiterhelfen würde. Ich meine, in allen unseren Überlieferungen wirst du exakt das finden, wonach du suchst, und genau da liegt das Problem.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Na ja, wir sehen Tiere etwas anders. Die Nootka haben nie einfach das Leben eines Wals genommen. Der Wal hat sein Leben geschenkt, das ist ein bewusster Akt, verstehst du? Im Glauben der Nootka ist sich die ganze Natur ihrer selbst bewusst, ein großes, miteinander verflochtenes Bewusstsein.« Er ging einen morastigen Pfad entlang. Anawak folgte ihm. Der Wald öffnete sich zu einer großen, kahl geschlagenen Fläche. »Schau dir das an, eine Schande. Der Wald ist abgeholzt, Regen, Sonne und Wind erodieren den Boden, und die Flüsse verkommen zu Kloaken. Sieh es dir an, wenn du wissen willst, was die Wale umtreibt. Hishuk ish ts’awalk.«

»Mhm. Habe ich dir eigentlich je erzählt, worin meine Arbeit besteht?«

»Du suchst nach Bewusstsein, glaube ich.«

»Nach Selbstbewusstsein.«

»Ja, ich erinnere mich. Du hast es erzählt im Verlauf eines schönen Abends. Letztes Jahr war das. Ich habe Bier getrunken und du Wasser. Du trinkst immer Wasser, stimmt’s?«

»Ich mag keinen Alkohol.«

»Nie welchen getrunken?«

»So gut wie nie.«

Frank blieb stehen. »Tja, der Alkohol. Du bist ein guter Indianer, Leon. Trinkst Wasser und kommst zu mir, weil du denkst, wir sind im Besitz geheimen Wissens.« Er seufzte. »Wann werden Leute endlich aufhören, einander als Klischees zu behandeln. Die Indianer hatten ein Alkoholproblem und manche haben es immer noch, aber es gibt auch welche, die einfach hin und wieder gerne mal was trinken. Wenn heute ein Weißer einen Indianer bei einem Bier sieht, sagt er sofort, wie tragisch, schrecklich, wir haben die Leute an die Flasche gebracht. Entweder sind wir die armen Verführten oder die Hüter höherer Weisheiten. — Was bist du eigentlich, Leon? Christ?«

Anawak war nicht sonderlich überrascht. Die wenigen Male, die er mit George Frank zusammengewesen war, waren immer ähnlich verlaufen. Der taayii hawil führte Unterhaltungen scheinbar ziellos, er sprang wie ein Eichhörnchen von einem Thema zum nächsten.

»Ich bin in keiner Kirche«, sagte Anawak.

»Weißt du was? Ich habe mich mal mit der Bibel beschäftigt. Voll höherer Weisheit. Fragst du einen Christen, warum es im Wald brennt, wird er dir antworten, Gott manifestiere sich in den Flammen. Er wird auf die alten Überlieferungen verweisen, und da findest du dann tatsächlich einen brennenden Dornbusch. Was meinst du, würde ein Christ auf diese Weise einen Waldbrand erklären?«

»Natürlich nicht.«

»Trotzdem wird ihm die Geschichte vom brennenden Dornbusch viel bedeuten, wenn er ein gläubiger Christ ist. Auch die Indianer glauben an ihre Überlieferungen, aber sie wissen sehr genau, welche Schnittmenge diese Geschichten mit der Wirklichkeit aufweisen. Es geht nicht darum, ob etwas so oder so ist, sondern um die Idee davon, wie es ist. In unseren Legenden wirst du alles und gar nichts finden, nichts davon wirst du wörtlich nehmen können, aber alles macht Sinn.«

»Weiß ich, George. Ich habe einfach nur das Gefühl, wir kommen nicht voran. Wir zermartern uns den Kopf darüber, was die Tiere wild gemacht hat.«

»Und du glaubst, ihr seid mit eurer Wissenschaft am Ende?«

»Irgendwie ja.«

Frank schüttelte den Kopf. »Das seid ihr nicht. Die Wissenschaft ist eine großartige Sache. Die Menschen vermögen unglaublich viel damit. Das Problem ist die Sichtweise. Worauf schaust du, wenn du dein Wissen anwendest? Du schaust auf den Wal, der sich verändert hat. Du erkennst ihn nicht wieder, deinen Freund. Warum? Er ist zum Feind geworden. Was hat ihn dazu bewogen? Hast du ihm etwas angetan? Oder seiner Welt? Aber in welcher Welt lebt ein Wal? Du suchst nach Schaden, der ihm unmittelbar zugefügt wurde, und du findest eine Menge. Da gibt es das sinnlose Abschlachten, die Gewässer werden vergiftet, der Waltourismus gerät aus den Fugen, wir zerstören die Nahrungsgrundlage der Tiere und verschmutzen ihre Welt mit Lärm. Wir nehmen ihnen die Stätten, wo sie ihre Jungen aufziehen — soll nicht in der Baja California eine Salzgewinnungsanlage entstehen?«

Anawak nickte düster. 1993 hatte die UNESCO die Lagune San Ignacio in der Baja California zum Weltnaturerbe erklärt. Sie war die letzte ursprüngliche und unberührte Geburtslagune der Pazifischen Grauwale und beherbergte zudem eine Vielzahl weiterer vom Aussterben bedrohter Pflanzen— und Tierarten. Ungeachtet dessen baute der Mitsubishi-Konzern dort nun eine Salzgewinnungsanlage, die künftig pro Sekunde über 20000 Liter Salzwasser aus der Lagune pumpen und damit 116 Quadratmeilen Verdunstungspools an Land fluten würde. Das Wasser floss als Abwasser zurück. Kein Mensch wusste, welche Auswirkungen das auf die Wale haben würde. Unzählige Forscher, Aktivisten und ein Konsortium von Nobelpreisträgern protestierten gegen die Anlage, die ein tragischer Präzedenzfall zu werden drohte.

»Siehst du«, fuhr Frank fort, »das ist die Welt der Wale, wie du sie kennst. Sie leben darin, aber ist diese Welt nicht ungleich mehr als eine Kette von Bedingungen, unter denen sich Wale wohl oder unwohl fühlen? Vielleicht sind gar nicht die Wale das Problem, Leon. Vielleicht sind sie nur der Teil des Problems, den wir sehen.«

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