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Dann fiel ihm ein, dass sie den Schein seiner Lampe unter Wasser sehen konnten.

Er schaltete sie aus. Dunkelheit umfing ihn.

Wie dumm. Wo waren die beiden entlanggelaufen? Sie gingen in Richtung Heck. Vielleicht konnte er zum Bug schwimmen und seine Untersuchung dort fortsetzen. Mit gleichmäßigen Flossenschlägen machte er sich auf den Weg. Nach einer Weile kam er wieder hoch, drehte sich auf den Rücken und sog Luft in sich hinein, den Blick auf die Kaimauer gerichtet, aber niemand war zu sehen.

Auf Höhe des Ankers ließ er sich wieder nach unten sinken. Seine Finger ertasteten vorsichtig die Bordwand. Auch hier bildeten die Muscheln bizarre Wucherungen. Er suchte nach einem Spalt oder größeren Vertiefungen, fand aber nichts Derartiges. Das Beste würde sein, die Box mit weiteren Muscheln zu füllen und schleunigst wieder zu verschwinden. In seiner Hast schnitt er die Tiere jetzt weniger sorgfältig ab. Seine Hände zitterten. Diese ganze Aktion war der Plan eines Dilettanten, das wurde ihm deutlich bewusst. Ihm war schrecklich kalt, seine Fingerspitzen hatten jedes Gefühl verloren.

Seine Fingerspitzen …

Plötzlich fiel ihm auf, dass er sie sehen konnte. Er schaute an sich hinab. Auch seine Arme und seine Beine. Sie leuchteten. Nein, das Wasser hatte zu leuchten begonnen. Es fluoreszierte in tiefdunklem Blau.

Mein Gott, dachte Anawak.

Im nächsten Moment blendete ihn grelles Licht. Instinktiv riss er die Arme hoch und schirmte seine Augen ab. Lichtblitze. Die Wolke. Was geschah mit ihm? Worauf hatte er sich bloß eingelassen?

Aber es war kein Lichtblitz. Das grelle Licht blieb. Anawak erkannte, dass er von einem Unterwasserscheinwerfer angeleuchtet wurde. Weitere Scheinwerfer flammten entlang der Docksohle auf. Sie tauchten den Rumpf der Barrier Queen in harte Helligkeit. Deutlich sah er die furchigen, hügeligen Krusten aus Muscheln und erschauderte.

Das galt ihm. Sie hatten ihn entdeckt!

Einen Moment lang wusste er nicht, was er tun sollte. Aber es gab nur einen Weg. Er musste versuchen, zurück ans Heck zu gelangen, dorthin, wo die Stiege nach oben führte und wo seine Tasche auf ihn wartete. Mit klopfendem Herzen schnellte er vorbei an den grellen Lichtern. In seinen Ohren rauschte das Wasser. Die Luft wurde ihm knapp, aber er wollte nicht auftauchen, bevor er nicht die Stiege erreicht hatte.

Da war sie, im Zickzack der Docksohle zustrebend.

Seine Hände umklammerten das Geländer, und er zog sich hoch. Von oben hörte er lautes Rufen und das Getrampel laufender Füße. Hastig streifte er Flossen und Maske ab, klinkte die Stablampe an seinem Gürtel fest und schlich geduckt nach oben, bis er über den Rand schauen konnte.

Drei Gewehrmündungen waren auf ihn gerichtet.

In der Baracke gab man Anawak eine Decke. Er hatte versucht, den Soldaten zu erklären, dass er Mitglied des Wissenschaftlichen Krisen-Stabs sei, aber sie hörten ihm überhaupt nicht zu. Ihre Aufgabe bestand darin, ihn dingfest zu machen. Nachdem er offensichtlich keinen Widerstand leistete und auch nicht zu fliehen versuchte, hatten sie ihn in die Baracke getrieben, wo noch mehr Soldaten waren und ein diensthabender Offizier, der ihn mit Fragen löcherte. Anawak wusste, dass es zwecklos war, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Sie würden ihn ohnehin nicht laufen lassen. Also erzählte er, wer er war und warum er hier war — kurz, die Wahrheit.

Der Offizier hörte nachdenklich zu. »Können Sie sich ausweisen?«, fragte er.

Anawak schüttelte den Kopf. »Meine Papiere sind in meiner Tasche, und die steht draußen. Ich könnte sie holen.«

»Sagen Sie uns einfach, wo die Tasche ist.«

Er beschrieb den Soldaten, wo er die Sporttasche abgestellt hatte. Fünf Minuten später hielt der Offizier seinen Ausweis in Händen und studierte ihn aufmerksam.

»Falls Ihre Papiere nicht gefälscht sind, heißen Sie Leon Anawak, wohnhaft in Vancouver …«

»Nichts anderes erzähle ich die ganze Zeit.«

»Erzählt wird vieles. Wollen Sie einen Kaffee? Sie sehen ziemlich durchgefroren aus.«

»Ich bin ziemlich durchgefroren.«

Der Offizier stand von seinem Schreibtisch auf, ging zu einem Automaten und drückte auf eine Taste. Ein Pappbecher fiel unten heraus und füllte sich mit dampfender Flüssigkeit. Anawak trank in kleinen Schlucken und fühlte ein bisschen Wärme in seinen klammen Körper zurückkehren.

»Ich weiß nicht, was ich von Ihrer Geschichte halten soll«, sagte der Offizier, während er langsam um ihn herumwanderte. »Wenn Sie zum Krisenstab gehören, warum haben Sie dann kein offizielles Ersuchen eingereicht?«

»Fragen Sie das Ihre Vorgesetzten. Ich versuche seit Wochen, Kontakt mit Inglewood aufzunehmen.«

Der Offizier legte die Stirn in Falten.

»Sie sind freier Mitarbeiter des Stabs?«

»Ja.«

»Verstehe.«

Anawak sah sich um. Er vermutete, dass der mit Resopalstühlen und schäbigen Tischen möblierte Raum als Pausenraum für die Dockarbeiter diente. Jetzt war er offenbar umfunktioniert worden zu einer provisorischen Kommandostelle.

Er hatte die ganze Sachlage vollkommen falsch eingeschätzt.

»Und jetzt?«, fragte er.

»Jetzt?« Der Offizier setzte sich ihm gegenüber und verschränkte die Finger. »Ich muss Sie bitten, vorerst hier zu bleiben. Der Fall ist nicht so einfach. Sie befinden sich auf militärischem Sperrgebiet.«

»Nirgendwo steht ein Schild, wenn ich das anmerken darf.«

»Ein Schild mit der Genehmigung einzudringen steht hier ebenso wenig, Dr. Anawak.«

Anawak nickte. Was sollte er sich beschweren? Es war eine Schnapsidee gewesen. Oder auch nicht, immerhin wusste er nun, dass die Armee an der Sache arbeitete, dass sie die Organismen am Rumpf studierte und am Leben erhielt. Die Muscheln, die er für Oliviera gesammelt hatte, würden Nanaimo wohl kaum erreichen, sofern die Verantwortlichen weiterhin mauerten.

Der Offizier zog ein Funkgerät vom Gürtel und führte ein kurzes Gespräch. »Sie haben wirklich Glück«, sagte er dann. »Es wird jemand kommen, um sich mit Ihnen zu befassen.«

»Warum nehmen Sie nicht einfach meine Personalien auf und lassen mich gehen?«

»So einfach ist das nicht.«

»Ich habe nichts Unrechtmäßiges getan«, sagte Anawak. Es klang nicht sonderlich überzeugend, nicht mal in seinen eigenen Ohren.

Der Offizier lächelte. »Auch für Mitglieder eines Krisenstabs gelten die Regeln des Hausfriedensbruchs. Im zivilrechtlichen Sinne.«

Er ging hinaus. Anawak blieb zusammen mit den übrigen Soldaten in der Baracke. Sie sprachen nicht mit ihm, behielten ihn aber im Auge. Allmählich wurde ihm wieder warm vom Kaffee und vom Ärger darüber, es verpatzt zu haben. Er hatte sich angestellt wie der letzte Idiot. Der einzige Trost war die Aussicht auf ein paar Informationen, wenn wer auch immer eintraf, um sich mit ihm ›zu befassen‹.

Eine halbe Stunde verstrich in untätigem Warten. Dann hörte er einen Helikopter näher kommen. Er wandte den Kopf und schaute aus dem Fenster, das zum Hafenbecken hinausging. Licht strömte ins Innere der Baracke. Ein starker Scheinwerfer schwebte dicht über dem Wasser. Kurz schwoll das Knattern der Rotoren ohrenbetäubend an, als der Helikopter das Gebäude überflog und tiefer ging. Das Knattern verwandelte sich in rhythmisches Flappen. Die Maschine war gelandet.

Anawak seufzte. Jetzt würde er alles ein zweites Mal erzählen müssen. Wer er war, was er hier zu suchen hatte.

Über den gepflasterten Platz näherten sich Schritte. Gesprächsfetzen klangen auf. Zwei Soldaten traten ein. Ihnen folgte der Offizier.

»Sie haben Besuch, Dr. Anawak.«

Er ging einen Schritt zur Seite. Eine weitere Person erschien als Schattenriss im erleuchteten Türrahmen. Anawak erkannte sie sofort. Kurz verharrte sie dort, als wolle sie sich einen Überblick verschaffen. Dann kam sie langsam näher, bis sie dicht vor ihm stand. Anawak sah in wasserblaue Augen. Zwei Aquamarine in einem asiatischen Gesicht.

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