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Mit beinahe jugendlichem Elan warf er die Perücke auf seinen kahlen Schädel, schlüpfte in den blauen Rock, ergriff den Leuchter, der auf dem Schreibtischstand, und verließ das Arbeitszimmer. Er hatte gerade die Kerze am Talglicht des Treppenhauses angezündet, um sich den Weg hinauf zur Wohnung zu beleuchten, als er es unten im Erdgeschoss klingeln hörte. Es war nicht das schöne persische Geläute der Ladentür, sondern die scheppernde Klingel des Dienstboteneingangs, ein ekelhaftes Geräusch, das ihn schon immer gestört hatte. Oft wollte er das Ding entfernen und durch eine angenehmere Glocke ersetzen lassen, aber dann war es ihm immer um die Ausgabe leid gewesen, und jetzt, fiel ihm plötzlich ein, und er kicherte bei dem Gedanken, jetzt war's egal; er würde die aufdringliche Klingel samt dem Haus verkaufen. Sollte sein Nachfolger sich darüber ärgern!

Wieder schepperte die Klingel. Er lauschte nach unten. Offenbar hatte Chenier den Laden schon verlassen. Auch das Dienstmädchen machte keine Anstalten zu kommen. So stieg Baldini selbst hinab, um zu öffnen.

Er riss den Riegel zurück, schwenkte die schwere Tür auf – und sah nichts. Die Dunkelheit verschluckte den Schein der Kerze vollständig. Dann, sehr allmählich, konnte er eine kleine Gestalt ausmachen, ein Kind oder einen halbwüchsigen Jungen, der etwas über dem Arm trug.

»Was willst du?«

»Ich komme von Maitre Grimal, ich bringe das Ziegenleder«, sagte die Gestalt und trat näher und hielt Baldini den abgewinkelten Arm mit einigen übereinandergehängten Häuten entgegen. Im Lichtschein erkannte Baldini das Gesicht eines Jungen mit ängstlich lauernden Augen. Seine Haltung war geduckt. Es schien, als verstecke er sich hinter seinem vorgehaltenen Arm wie einer, der Schläge erwartet. Es war Grenouille.

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Das Ziegenleder für die spanische Haut! Baldini erinnerte sich. Er hatte die Häute vor ein paar Tagen bei Grimal bestellt, feinstes weichstes Waschleder für die Schreibunterlage des Grafen Verhamont, fünfzehn Franc das Stück. Aber jetzt brauchte er sie eigentlich nicht mehr, er konnte sich das Geld sparen. Andrerseits, wenn er den Jungen einfach zurückschickte…? Wer weiß – es könnte einen ungünstigen Eindruck machen, man würde vielleicht reden, Gerüchte könnten entstehen: Baldini sei unzuverlässig geworden, Baldini bekomme keine Aufträge mehr, Baldini könne nicht mehr zahlen… und so etwas war nicht gut, nein, nein, denn so etwas drückte womöglich den Verkaufswert des Geschäfts. Es war besser, diese nutzlosen Ziegenhäute anzunehmen. Niemand brauchte zur Unzeit zu erfahren, dass Giuseppe Baldini sein Leben geändert hatte.

»Komm herein!«

Er ließ den Jungen eintreten, und sie gingen in den Laden hinüber, Baldini mit dem Leuchter voran, Grenouille mit seinen Häuten hinterdrein. Es war das erste Mal, dass Grenouille eine Parfumerie betrat, einen Ort, wo Gerüche nicht Beiwerk waren, sondern ganz unverblümt im Mittelpunkt des Interesses standen. Natürlich kannte er sämtliche Parfum – und Drogenhandlungen der Stadt, nächtelang war er vor den Auslagen gestanden, hatte seine Nase an die Spalten der Türen gedrückt. Er kannte sämtliche Düfte, die hier gehandelt wurden, und hatte sie in seinem Innern schon oft zu herrlichsten Parfums zusammengedacht. Es erwartete ihn also nichts Neues. Aber ebenso wie ein musikalisches Kind darauf brennt, ein Orchester aus der Nähe zu sehen oder einmal in der Kirche auf die Empore hinaufzusteigen, zum verborgenen Manual der Orgel, so brannte Grenouille darauf, eine Parfumerie von innen zu sehen, und er hatte, als er hörte, es solle Leder zu Baldini geliefert werden, alles daran gesetzt, diese Besorgung übernehmen zu dürfen.

Und nun stand er in Baldinis Laden, an dem Ort von Paris, an dem die größte Anzahl professioneller Düfte auf engstem Raum versammelt war. Viel sah er nicht im vorüberfliegenden Kerzenlicht, nur kurz den Schatten des Kontors mit der Waage, die beiden Reiher über dem Becken, einen Sessel für die Kunden, die dunklen Regale an den Wänden, das kurze Aufblinken von Messinggerät und weißen Etiketten auf Gläsern und Tiegeln; und er roch auch nicht mehr, als er schon von der Straße her gerochen hatte. Aber er spürte sofort den Ernst, der in diesen Räumen herrschte, fast möchte man sagen, den heiligen Ernst, wenn das Wort »heilig« für Grenouille irgendeine Bedeutung besessen hätte; den kalten Ernst spürte er, die handwerkliche Nüchternheit, den trockenen Geschäftssinn, die an jedem Möbel, an jedem Gerät, an den Bottichen und Flaschen und Töpfen klebten. Und während er hinter Baldini herging, in Baldinis Schatten, denn Baldini nahm sich nicht die Mühe, ihm zu leuchten, überkam ihn der Gedanke, dass er hierhergehöre und nirgendwo anders hin, dass er hier bleiben werde, dass er von hier die Welt aus den Angeln heben würde.

Dieser Gedanke war natürlich von geradezu grotesker Unbescheidenheit. Es gab nichts, aber schon wirklich rein gar nichts, was einen dahergelaufenen Gerbereihilfsarbeiter dubioser Abkunft, ohne Verbindung oder Protektion, ohne die geringste ständische Position, zu der Hoffnung berechtigte, in der renommiertesten Duftstoffhandlung von Paris Fuß zu fassen; um so weniger, als, wie wir wissen, die Auflösung des Geschäfts bereits beschlossene Sache war. Aber es handelte sich ja auch nicht um eine Hoffnung, die sich in Grenouilles unbescheidenen Gedanken ausdrückte, sondern um eine Gewissheit. Diesen Laden, so wusste er, würde er nur noch verlassen, um seine Kleider bei Grimal abzuholen, und dann nicht mehr. Der Zeck hatte Blut gewittert. Jahrelang war er still gewesen, in sich verkapselt, und hatte gewartet. Jetzt ließ er sich fallen auf Gedeih und Verderb, vollkommen hoffnungslos. Und deshalb war seine Sicherheit so groß.

Sie hatten den Laden durchquert. Baldini öffnete den nach der Flussseite gelegenen Hinterraum, der teils als Lager, teils als Werkstatt und Labor diente, wo die Seifen gekocht und die Pomaden gerührt und die Riechwässer in bauchigen Flaschen gemischt wurden. »Da!« sagte er und wies auf einen großen Tisch, der vor dem Fenster stand, »da leg sie hin!«

Grenouille trat aus Baldinis Schatten heraus, legte die Leder auf den Tisch, sprang dann rasch wieder zurück und stellte sich zwischen Baldini und die Tür. Baldini blieb noch eine Weile stehen. Er hielt die Kerze etwas beiseite, damit keine Wachstropfen auf den Tisch fielen, und strich mit dem Fingerrücken über die glatte Fläche des Leders. Dann schlug er das oberste um und fuhr über die samtige, zugleich rauhe und weiche Innenseite. Es war sehr gut, dieses Leder. Wie geschaffen für eine spanische Haut. Es würde sich beim Trocknen kaum verziehen, es würde, wenn man es richtig mit dem Falzbein strich, wieder geschmeidig werden, er spürte das sofort, wenn er es nur zwischen Daumen und Zeigefinger drückte; es konnte Duft für fünf oder zehn Jahre aufnehmen; es war ein sehr, sehr gutes Leder – vielleicht würde er Handschuhe daraus machen, drei Paar für sich und drei Paar für seine Frau, für die Reise nach Messina.

Er zog seine Hand zurück. Rührend sah der Arbeitstisch aus: wie alles bereit lag; die Glaswanne für das Duftbad, die Glasplatte zum Trocknen, die Reibschalen zum Anmischen der Tinktur, Pistill und Spatel, Pinsel und Falzbein und Schere. Es war, als schliefen die Dinge nur, weil es dunkel war, und als würden sie morgen wieder lebendig. Vielleicht sollte er den Tisch mitnehmen nach Messina? Und einen Teil seines Werkzeugs, nur die wichtigsten Stücke…? Man saß und arbeitete sehr gut an diesem Tisch. Er bestand aus Eichenbrettern, und das Gestell ebenfalls, und er war quer verstrebt, da zitterte und wackelte nichts an diesem Tisch, dem machte keine Säure etwas aus und kein Öl und kein Messerschnitt – und ein Vermögen würde es kosten, ihn nach Messina zu bringen! Selbst mit dem Schiff! Und darum wird er verkauft, der Tisch, morgen wird er verkauft, und alles, was darauf, darunter und daneben ist, wird ebenfalls verkauft! Denn er, Baldini, hatte zwar ein sentimentales Herz, aber er hatte auch einen starken Charakter, und deshalb würde er, so schwer es ihm fiel, seinen Entschluss durchführen; mit Tränen in den Augen gab er alles weg, aber er würde es trotzdem tun, denn er wusste, dass es richtig war, er hatte ein Zeichen bekommen.

Er drehte sich um, um zu gehen. Da stand dieser kleine verwachsene Mensch in der Tür, den hatte er fast schon vergessen. »Es ist gut«, sagte Baldini. »Richte dem Meister aus, das Leder ist gut. Ich werde in den nächsten Tagen vorbeikommen, um zu bezahlen.«

»Jawohl«, sagte Grenouille und blieb stehen und verstellte Baldini, der sich anschickte, seine Werkstatt zu verlassen, den Weg. Baldini stutzte ein wenig, hielt aber in seiner Ahnungslosigkeit das Verhalten des Jungen nicht für Chuzpe, sondern für Schüchternheit.

»Was ist?« fragte er. »Hast du mir noch etwas zu bestellen? Nun? Sag es nur!« Grenouille stand geduckt und schaute Baldini mit jenem Blick an, der scheinbar Ängstlichkeit verriet, in Wirklichkeit aber einer lauernden Gespanntheit entsprang.

»Ich will bei Ihnen arbeiten, Maitre Baldini. Bei Ihnen, in Ihrem Geschäft will ich arbeiten.«

Das war nicht bittend gesagt, sondern fordernd, und es war auch nicht eigentlich gesagt, sondern herausgepresst, hervorgezischelt, schlangenhaft. Und wieder verkannte Baldini das unheimliche Selbstbewusstsein Grenouilles als knabenhafte Unbeholfenheit. Er lächelte ihn freundlich an. »Du bist Gerberlehrling, mein Sohn«, sagte er, »ich habe keine Verwendung für einen Gerberlehrling. Ich habe selbst einen Gesellen, und einen Lehrling brauche ich nicht.«

»Sie wollen diese Ziegenleder riechen machen, Maitre Baldini? Diese Leder, die ich Ihnen gebracht habe, die wollen Sie doch riechen machen?« zischelte Grenouille, als habe er Baldinis Antwort gar nicht zur Kenntnis genommen.

»In der Tat«, sagte Baldini.

»Mit >Amor und Psyche< von Pelissier?« fragte Grenouille und duckte sich noch tiefer zusammen. Jetzt zuckte ein milder Schrecken durch Baldinis Körper. Nicht weil er sich fragte, woher der Bursche so genau Bescheid wusste, sondern einfach wegen der Namensnennung dieses verhassten Parfums, an dessen Enträtselung er heute gescheitert war.

»Wie kommst du auf die absurde Idee, ich würde ein fremdes Parfum benutzen, um…«

»Sie riechen danach!« zischelte Grenouille. »Sie tragen es auf der Stirn, und in der rechten Rocktasche haben Sie ein Tuch, das ist getränkt davon. Es ist nicht gut, dieses >Amor und Psyche<, es ist schlecht, es ist zu viel Bergamotte darin und zu viel Rosmarin und zu wenig Rosenöl.«

»Aha«, sagte Baldini, der von der Wendung des Gesprächs ins Exakte völlig überrascht war, »was noch?«

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