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»Orangenblüte, Limette, Nelke, Moschus, Jasmin, Weingeist und etwas, von dem ich den Namen nicht kenne, hier, sehen Sie, da! In dieser Flasche!« Und er deutete mit dem Finger ins Dunkle. Baldini hielt den Leuchter in die angegebene Richtung, sein Blick folgte dem Zeigefinger des Jungen und fiel auf eine Flasche im Regal, die mit einem graugelben Balsam gefüllt war.

»Storax?« fragte er.

Grenouille nickte. »Ja. Das ist drin. Storax.« Und dann krümmte er sich wie von einem Krampf zusammengezogen und murmelte mindestens ein dutzendmal das Wort >Storax< vor sich hin:

»Storaxstoraxstoraxstorax…«

Baldini hielt die Kerze gegen das storaxkrächzende Häuflein Mensch und dachte: Entweder ist er besessen, oder er ist ein betrügerischer Gauner, oder er ist ein begnadetes Talent. Denn dass die angegebenen Stoffe in richtiger Zusammensetzung das Parfum >Amor und Psyche< ergeben konnten, war durchaus möglich; es war sogar wahrscheinlich. Rosenöl, Nelke und Storax – nach diesen drei Komponenten hatte er heute Nachmittag so verzweifelt gesucht; mit ihnen fügten sich die anderen Teile der Komposition – die auch er erkannt zu haben glaubte – wie Segmente zu einem hübschen runden Kuchen. Es war jetzt nur noch die Frage, in welchem exakten Verhältnis zueinander man sie fügen musste. Um das herauszufinden, würde er, Baldini, tagelang herumexperimentieren müssen, eine entsetzliche Arbeit, fast noch schlimmer als das bloße Identifizieren der Teile, denn nun galt es, zu messen und zu wägen und zu notieren und dabei doch höllisch aufzupassen, denn die kleinste Unaufmerksamkeit – ein Zittern mit der Pipette, ein Fehler beim Tropfenzählen – konnte alles verderben. Und jeder verpatzte Versuch war gräßlich teuer. Jede verdorbene Mischung kostete ein kleines Vermögen… Er wollte den kleinen Menschen auf die Probe stellen, wollte ihn nach der exakten Formel von >Amor und Psyche< fragen. Wenn er sie wusste, auf Gramm und Tropfen genau – dann war er offenkundig ein Betrüger, der sich auf irgendeine Weise das Rezept von Pelissier ergaunert hatte, um sich bei Baldini Zutritt und Anstellung zu verschaffen. Erriet er sie aber ungefähr, dann war er ein Geruchsgenie und forderte als solches Baldinis professionelles Interesse heraus. Nicht dass Baldini seinen gefassten Entschluss, das Geschäft aufzugeben, in Frage stellte! Es kam ihm nicht auf das Parfum von Pelissier als solches an. Selbst wenn der Bursche es ihm literweise verschaffte, Baldini dachte nicht im Traum daran, die spanische Haut des Grafen Verhamont damit zu beduften, aber… Aber man war doch nicht sein Leben lang Parfumeur gewesen, hatte sich nicht ein Leben lang mit der Zusammensetzung von Düften beschäftigt, um von einer Stunde zur anderen seine ganze professionelle Leidenschaft zu verlieren! Es interessierte ihn jetzt, die Formel dieses verfluchten Parfums herauszubekommen, und mehr noch, das Talent dieses unheimlichen Jungen zu erforschen, der ihm einen Duft von der Stirne abgelesen hatte. Er wollte wissen, was da dahintersteckte. Er war ganz einfach neugierig.

»Du hast, so scheint es, eine feine Nase, junger Mann«, sagte er, nachdem Grenouille mit seinem Gekrächze aufgehört hatte, und trat zurück in die Werkstatt, um den Leuchter vorsichtig auf dem Arbeitstisch abzustellen, »eine zweifellos feine Nase, aber…«

»Ich habe die beste Nase von Paris, Maitre Baldini«, schnarrte Grenouille dazwischen. »Ich kenne alle Gerüche der Welt, alle, die in Paris sind, alle, nur kenne ich von manchen die Namen nicht, aber ich kann auch die Namen lernen, alle Gerüche, die Namen haben, das sind nicht viele, das sind nur einige Tausende, ich werde sie alle lernen, ich werde den Namen des Balsams nie vergessen, Storax, der Balsam heisst Storax heisst er, Storax…«

»Schweig!« rief Baldini, »unterbrich mich nicht, wenn ich spreche! Du bist vorlaut und anmaßend. Kein Mensch kennt tausend Gerüche beim Namen. Selbst ich kenne nicht tausend beim Namen, sondern nur einige hundert, denn mehr gibt es nicht in unserem Gewerbe als einige hundert, alles andre ist nicht Geruch, sondern Gestank!«

Grenouille, der sich während seiner längeren eruptiven Zwischenrede beinahe körperlich entfaltet, in der Erregung sogar für einen Moment mit beiden Armen im Kreis gefuchtelt hatte, um das >alles, alles<, was er kenne, zu umschreiben, klappte bei Baldinis Entgegnung augenblicks wieder in sich zusammen wie eine kleine schwarze Kröte und verharrte auf der Türschwelle, bewegungslos lauernd.

»Ich bin mir«, fuhr Baldini fort, »selbstverständlich längst darüber im klaren, dass >Amor und Psyche< aus Storax, Rosenöl und Nelke sowie Bergamott und Rosmarinextrakt et cetera besteht. Um das herauszufinden, bedarf es, wie gesagt, bloß einer leidlich feinen Nase, und es mag durchaus sein, dass Gott dir eine leidlich feine Nase gegeben hat, wie vielen, vielen anderen Menschen auch – namentlich in deinem Alter. Der Parfumeur jedoch« – und hier hob Baldini den Zeigefinger und wölbte seine Brust heraus – »der Parfumeur jedoch braucht mehr als eine leidlich feine Nase. Er braucht ein über viele Jahrzehnte geschultes, unbestechlich arbeitendes Riechorgan, das ihn in Stand versetzt, auch komplizierteste Gerüche nach Art und Menge sicher zu enträtseln, ebenso wie neue, unbekannte Duftgemische zu kreieren. Eine solche Nase« – und er tippte mit dem Finger an die seine »hat man nicht, junger Mann! Eine solche Nase erwirbt man sich mit Ausdauer und Fleiß. Oder könntest du mir vielleicht auf Anhieb die exakte Formel von >Amor und Psyche< nennen? Nun? Könntest du das?«

Grenouille antwortete nicht.

»Könntest du sie mir vielleicht ungefähr verraten?« sagte Baldini und beugte sich ein wenig vor, um die Kröte in der Tür genauer zu sehen, »nur so in etwa, schätzungsweise? Nun? Sprich, du beste Nase von Paris!«

Doch Grenouille schwieg.

»Siehst du?« sagte Baldini gleichermaßen befriedigt wie enttäuscht und richtete sich wieder auf, »du kannst es nicht. Natürlich nicht. Wie solltest du es auch können. Du bist wie einer, der beim Essen schmeckt, ob Kerbel oder Petersilie in der Suppe ist. Nun gut das ist schon etwas. Aber deshalb bist du noch lange kein Koch. In jeder Kunst und auch in jedem Handwerk – merke dir das, bevor du gehst! – gilt das Talent so gut wie nichts, aber alles die Erfahrung, die durch Bescheidenheit und Fleiß erworben wird.«

Er griff nach dem Leuchter auf dem Tisch, als Grenouilles gePresste Stimme von der Tür her schnarrte:

»Ich weiß nicht, was eine Formel ist, Mahre, das weiß ich nicht, sonst weiß ich alles!«

»Eine Formel ist das A und O jeden Parfums«, erwiderte Baldini streng, denn er wollte dem Gespräch nun ein Ende machen. »Sie ist die akribische Anweisung, in welchem Verhältnis die einzelnen Ingredienzen zu mischen sind, damit der eine gewünschte, unverwechselbare Duft entstehe; das ist die Formel. Sie ist das Rezept – wenn du dieses Wort besser verstehst.« »Formel, Formel«, krächzte Grenouille und wurde etwas größer in der Tür, »ich brauche keine Formel. Ich habe das Rezept in meiner Nase. Soll ich es für Sie mischen, Maitre, soll ich es mischen, soll ich?«

»Wie denn?« rief Baldini mit ziemlicher Lautstärke und hielt dem Gnom die Kerze vors Gesicht. »Wie denn mischen?«

Grenouille zuckte zum ersten Mal nicht mehr zurück. »Aber sie sind doch alle da, die man braucht, die Gerüche, sind doch alle da, in diesem Raum«, sagte er und deutete wieder ins Dunkle. »Rosenöl da! Orangenblüte da! Nelke da! Rosmarin da…!«

»Freilich sind sie da!« brüllte Baldini. »Alle sind sie da! Aber ich sage dir doch, Holzkopf, das nützt nichts, wenn man die Formel nicht hat!«

»…Jasmin da! Weingeist da! Bergamotte da! Storax da!« krächzte Grenouille weiter und deutete bei jedem Namen auf einen anderen Punkt im Raum, wo es so dunkel war, dass man den Schatten der Regale mit den Flaschen höchstens ahnen konnte.

»Du siehst wohl auch bei Nacht, he?« fuhr Baldini ihn an, »du hast nicht nur die feinste Nase, sondern auch die schärfsten Augen von Paris, wie? Wenn du nur leidlich gute Ohren hast, dann mach sie auf, denn ich sage dir: Du bist ein kleiner Betrüger. Wahrscheinlich hast du irgend etwas aufgeschnappt bei Pelissier, hast was ausspioniert, wie? Und glaubst, du könntest mich hinters Licht führen?«

Grenouille stand jetzt ganz auseinandergefaltet, sozusagen in voller Körpergröße in der Türe, mit leicht auseinandergestellten Beinen und leicht abgespreizten Armen, so dass er aussah wie eine schwarze Spinne, die sich an Schwelle und Rahmen festkrallte. »Geben Sie mir zehn Minuten«, sagte er in ziemlich flüssiger Rede, »und ich werde Ihnen das Parfum >Amor und Psyche< herstellen. Jetzt gleich und hier in diesem Raum. Maitre, geben Sie mir fünf Minuten!«

»Du glaubst, ich lasse dich in meiner Werkstatt herumpantschen? Mit Essenzen, die ein Vermögen wert sind? Dich?«

»Ja«, sagte Grenouille.

»Pah!« rief Baldini und stieß dabei den ganzen Atem, den er hatte, auf einmal heraus. Dann holte er tief Luft, sah den spinnenhaften Grenouille lange an und überlegte. Im Grunde ist es egal, dachte er, denn morgen hat sowie soalles ein Ende. Ich weiß zwar, dass er das, was er behauptet, nicht kann, ja gar nicht können kann, er wäre denn noch größer als der große Frangipani. Aber warum soll ich mir das, was ich weiß, nicht noch vor Augen demonstrieren lassen? Womöglich kommt mir sonst in Messina eines Tages man wird ja manchmal sonderbar im Alter und versteift sich auf die verrücktesten Ideen – der Gedanke, ich hätte ein olfaktorisches Genie, ein Wesen, auf dem die Gnade Gottes überreichlich ruhte, ein Wunderkind, als solches nicht erkannt… – Es ist ganz ausgeschlossen. Nach allem, was mir der Verstand sagt, ist es ausgeschlossen – aber Wunder gibt es, das steht fest. Nun, wenn ich dereinst sterbe in Messina, und auf dem Sterbelager kommt mir der Gedanke: Damals in Paris, an jenem Abend, hast du vor einem Wunder die Augen zugemacht…? Das wäre nicht sehr angenehm, Baldini! Soll der Narr die paar Tropfen Rosenöl und Moschustinktur verkleckern, du selbst hättest sie auch verkleckert, wenn dich das Parfum von Pelissier noch wirklich interessierte. Und was sind schon die paar Tropfen – wiewohl teuer, sehr, sehr teuer! – gemessen an der Sicherheit des Wissens und an einem ruhigen Lebensabend?

»Pass auf!« sagte er mit künstlich strenger Stimme, »pass auf! Ich… – wie heisst du überhaupt?«

»Grenouille«, sagte Grenouille. »Jean-Baptiste Grenouille.«

»Aha«, sagte Baldini. »Also pass auf, Jean-Baptiste Grenouille! Ich habe es mir überlegt. Du sollst die Gelegenheit bekommen, jetzt, sofort, deine Behauptung zu beweisen. Dies ist zugleich eine Gelegenheit für dich, durch ein eklatantes Scheitern die Tugend der Bescheidenheit zu lernen, welche – in deinem jungen Alter vielleicht verzeihlicherweise noch kaum entwickelt – eine unabdingbare Voraussetzung für dein späteres Fortkommen als Mitglied deiner Zunft und deines Standes, als Ehemann, als Untertan, als Mensch und als ein guter Christ sein wird. Ich bin bereit, dir diese Lehre auf meine Kosten zu erteilen, denn aus bestimmten Gründen bin ich heute spendabel aufgelegt, und, wer weiß, vielleicht wird mir eines Tages die Rückerinnerung an diese Szene etwas Heiterkeit bereiten. Aber glaube nicht, du könntest mich übertölpeln! Giuseppe Baldinis Nase ist alt, aber sie ist scharf, scharf genug, auch den kleinsten Unterschied zwischen deiner Mixtur und diesem Produkt hier« – und dabei zog er sein >Amor und Psyche< – getränktes Tüchlein aus der Tasche und wedelte es Grenouille vor die Nase – »sofort festzustellen. Tritt näher, beste Nase von Paris! Tritt näher an diesen Tisch und zeige, was du kannst! Doch gib acht, dass du mir nichts umstößt und herunterwirfst! Rühre mir nichts an! Erst will ich mehr Licht machen. Wir wollen große Beleuchtung haben für dieses kleine Experiment, nicht wahr?«

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