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Aber trotzdem, obwohl ihn mittlerweile von allen Seiten her die >Amor-und-Psyche<-schwere Luft umwallte, trat er an den alten Eichentisch, um eine Probe vorzunehmen. Zog ein frisches, schneeweißes Spitzentüchlein aus der Rocktasche, aus der linken, entfaltete es und tupfte darauf ein paar Tropfen, die er mit der langen Pipette aus der Mischflasche gezogen hatte. Schwenkte das Tüchlein am ausgestreckten Arm, um es zu aerieren, und zog es dann mit der geübten zierlichen Bewegung unter seiner Nase hindurch, den Duft in sich einsaugend. Während er ihn ruckweise ausströmen ließ, setzte er sich auf einen Hocker. Er war zuvor von seinem – Wutausbruch noch tiefrot im Gesicht gewesen – mit einem Mal ganz blass geworden. »Unglaublich«, murmelte er leise vor sich hin, »bei Gott – unglaublich.«

Und wieder und wieder drückte er die Nase gegen das Tüchlein und schnüffelte und schüttelte den Kopf und murmelte »unglaublich.«: Es war >Amor und Psyche<, ohne den geringsten Zweifel >Amor und Psyche<, das hassenswert geniale Duftgemisch, so präzise kopiert, dass nicht einmal Pelissier selber es von seinem Produkt würde unterscheiden können. »Unglaublich…«

Klein und blass saß der große Baldini auf dem Hocker und sah lächerlich aus mit seinem Tüchlein in der Hand, das er wie eine verschnupfte Jungfer gegen die Nase drückte. Die Sprache hatte es ihm nun vollständig verschlagen. Er sagte nicht einmal »unglaublich« mehr, sondern stieß nur noch, indem er fortwährend leise nickte und auf den Inhalt der Mischflasche starrte, ein monotones »Hm, hm, hm…hm, hm, hm…hm, hm, hm..« aus. Nach einer Weile näherte sich Grenouille und trat lautlos wie ein Schatten an den Tisch.

»Es ist kein gutes Parfum«, sagte er, »es ist sehr schlecht zusammengesetzt, dieses Parfum.«

»Hm, hm, hm«, sagte Baldini, und Grenouille fuhr fort: »Wenn Sie erlauben, Maitre, will ich es verbessern. Geben Sie mir eine Minute, und ich mache Ihnen ein anständiges Parfum daraus!«

»Hm, hm, hm«, sagte Baldini und nickte. Nicht weil er zustimmte, sondern weil er eben in einem so hilflos apathischen Zustand war, dass er zu allem und jedem »hm, hm, hm« gesagt und genickt hätte. Und er nickte auch weiter und murmelte »hm, hm, hm« und machte keine Anstalten einzugreifen, als Grenouille zum zweiten Mal zu mischen anfing, ein zweites Mal den Weingeist aus dem Ballon in die Mischflasche goss, zum bereits darin befindlichen Parfum hinzu, zum zweiten Mal den Inhalt der Flakons in scheinbar wahlloser Reihenfolge und Menge in den Trichter kippte. Erst gegen Ende der Prozedur – Grenouille schüttelte die Flasche diesmal nicht, sondern schwenkte sie nur sachte wie ein Cognacglas, vielleicht mit Rücksicht auf Baldinis Zartgefühl, vielleicht weil ihm der Inhalt diesmal kostbarer erschien – erst jetzt also, als die Flüssigkeit schon fertig in der Flasche kreiselte, erwachte Baldini aus seinem betäubten Zustand und erhob sich, das Tüchlein freilich immer noch vor die Nase gepresst, als wolle er sich gegen einen neuerlichen Angriff auf sein Inneres wappnen.

»Es ist fertig, Maitre«, sagte Grenouille. »Jetzt ist es ein recht guter Duft.«

»Jaja, schon gut, schon gut«, erwiderte Baldini und winkte ab mit seiner freien Hand.

»Wollen Sie nicht eine Probe nehmen?« gurgelte Grenouille weiter, »wollen Sie nicht, Maitre? Keine Probe?«

»Später, bin jetzt nicht aufgelegt zu einer Probe… habe andere Sachen im Kopf. Geh jetzt! Komm!«

Und er nahm einen der Leuchter und ging zur Tür hinaus, hinüber in den Laden. Grenouille folgte ihm. Sie kamen in den schmalen Korridor, der zum Dienstboteneingang führte. Der Alte schlurfte auf die Pforte zu, riss den Riegel zurück und öffnete. Er trat beiseite, um den Jungen hinauszulassen.

»Darf ich nun bei Ihnen arbeiten, Maitre, darf ich?« fragte Grenouille, schon auf der Schwelle stehend, wieder geduckt, wieder lauernden Auges.

»Ich weiß es nicht«, sagte Baldini, »ich werde darüber nachdenken. Geh!«

Und dann war Grenouille verschwunden, mit einem Mal weg, weggeschluckt von der Dunkelheit. Baldini stand da und glotzte in die Nacht. In der rechten Hand hielt er den Leuchter, in der linken das Tüchlein, wie einer, der Nasenbluten hat, und hatte doch nur Angst. Rasch riegelte er die Türe zu. Dann nahm er das schützende Tuch vom Gesicht, schob es in die Tasche und ging durch den Laden in die Werkstatt zurück. Der Duft war so himmlisch gut, dass Baldini schlagartig das Wasser in die Augen trat. Er brauchte keine Probe zu nehmen, er stand nur am Werktisch vor der Mischflasche und atmete. Das Parfum war herrlich. Es war im Vergleich zu >Amor und Psyche< wie eine Sinfonie im Vergleich zum einsamen Gekratze einer Geige. Und es war mehr. Baldini schloss die Augen und sah sublimste Erinnerungen in sich wachgerufen. Er sah sich als einen jungen Menschen durch abendliche Gärten von Neapel gehen; er sah sich in den Armen einer Frau mit schwarzen Locken liegen und sah die Silhouette eines Strauchs von Rosen auf dem Fenstersims, über das ein Nachtwind ging; er hörte versprengte Vögel singen und von Ferne die Musik aus einer Hafenschenke; er hörte Flüsterndes ganz dicht am Ohr, er hörte ein Ich lieb dich und spürte, wie sich ihm vor Wonne die Haare sträubten, jetzt! jetzt in diesem Augenblick! Er riss die Augen auf und stöhnte vor Vergnügen. Dieses Parfum war kein Parfum, wie man es bisher kannte. Das war kein Duft, der besser riechen machte, kein Sentbon, kein Toilettenartikel. Das war ein völlig neuartiges Ding, das eine ganze Welt aus sich erschaffen konnte, eine zauberhafte, reiche Welt, und man vergaß mit einem Schlag die Ekelhaftigkeiten um sich her und fühlte sich so reich, so wohl, so frei, so gut…

Die gesträubten Haare an Baldinis Arm legten sich, und eine betörende Seelenruhe ergriff Besitz von ihm. Er nahm das Leder, das Ziegenleder, das am Rand des Tisches lag und nahm ein Messer und schnitt das Leder zu. Dann legte er die Stücke in die Wanne aus Glas und übergoss sie mit dem neuen Parfum. Er stürzte eine Glasplatte auf die Wanne, zog den Rest des Duftes auf zwei Fläschchen, die er mit Etiketts versah, darauf schrieb er den Namen >Nuit Napolitaine<. Dann löschte er das Licht und ging.

Oben bei seiner Frau beim Essen sagte er nichts. Vor allem sagte er nichts von dem hochheiligen Entschluss, den er am Nachmittag gefasst hatte. Auch seine Frau sagte nichts, denn sie merkte, dass er heiter war, und damit war sie sehr zufrieden. Er ging auch nicht mehr hinüber nach Notre-Dame, um Gott zu danken für seine Charakterstärke. Ja, er vergaß an diesem Tag sogar zum ersten Mal, zur Nacht zu beten.

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Am nächsten Morgen ging er schnurstracks zu Grimal. Als erster bezahlte er das Ziegenleder, und zwar den vollen Preis, ohne Murren und ohne die geringste Feilscherei. Und dann lud er Grimal zu einer Flasche Weißwein in die Tour d'Argent ein und handelte ihm den Lehrling Grenouille ab. Selbstverständlich verriet er nicht, weshalb er ihn wollte und wozu er ihn brauchte. Er schwindelte etwas daher von einem großen Auftrag in Duftleder, zu dessen Bewältigung er einer ungelernten Hilfskraft bedürfe. Einen genügsamen Burschen brauche er, der ihm einfachste Dienste verrichte, Leder zuschneide und so weiter. Er bestellte noch eine Flasche Wein und bot zwanzig Livre als Entschädigung für die Unannehmlichkeit, die er Grimal durch den Ausfall Grenouilles verursachte. Zwanzig Livre waren eine enorme Summe. Grimal schlug sofort ein. Sie gingen in die Gerberei, wo Grenouille sonderbarerweise schon mit gepacktem Bündel wartete, Baldini zahlte seine zwanzig Livre und nahm ihn, im Bewusstsein, das beste Geschäft seines Lebens gemacht zu haben, gleich mit.

Grimal, der seinerseits überzeugt war, das beste Geschäft seines Lebens gemacht zu haben, kehrte in die Tour d'Argent zurück, trank dort zwei weitere Flaschen Wein, zog dann gegen Mittag in den Lion d'Or am andern Ufer um und besoff sich dort so hemmungslos, dass er, als er spät nachts abermals in die Tour d'Argent umziehen wollte, die Rue Geoffroi L'Anier mit der Rue des Nonaindieres verwechselte und somit, statt, wie er gehofft hatte, direkt auf den Pont Marie zu stoßen, verhängnisvollerweise auf den Quai des Ormes geriet, von wo aus er der Länge nach mit dem Gesicht voraus ins Wasser platschte wie in ein weiches Bett. Er war augenblicklich tot. Der Fluss aber brauchte noch geraume Zeit, ihn vom seichten Ufer weg, an den vertäuten Lastkähnen vorbei, in die stärkere mittlere Strömung zu ziehen, und erst in den frühen Morgenstunden schwamm der Gerber Grimal, oder vielmehr seine nasse Leiche, in flotterer Fahrt flussabwärts, gen Westen.

Als er den Pont au Change passierte, lautlos, ohne an den Brückenpfeiler anzuecken, ging Jean-Baptiste Grenouille zwanzig Meter über ihm gerade zu Bett. Er hatte in der hinteren Ecke von Baldinis Werkstatt eine Pritsche hingestellt bekommen, von der er nun Besitz ergriff, während sein ehemaliger Brotherr, alle viere von sich gestreckt, die kalte Seine hinunter schwamm. Wohlig rollte er sich zusammen und machte sich klein wie der Zeck. Mit beginnendem Schlaf versenkte er sich tiefer und tiefer in sich hinein und hielt triumphalen Einzug in seiner inneren Festung, auf der er sich ein geruchliches Siegesfest erträumte, eine gigantische Orgie mit Weihrauchqualm und Myrrhendampf, zu Ehren seiner selbst.

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Mit dem Erwerb von Grenouille begann der Aufstieg des Hauses Giuseppe Baldini zu nationalem, ja europäischem Ansehen. Das persische Glockenspiel stand nicht mehr still, und die Reiher hörten nicht mehr auf zu speien im Laden auf dem Pont au Change.

Am ersten Abend noch musste Grenouille einen großen Ballon >Nuit Napolitaine< ansetzen, von dem im Laufe des folgenden Tages über achtzig Flakons verkauft wurden. Der Ruf des Duftes verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Chenier bekam ganz glasige Augen vom Geldzählen und einen schmerzenden Rücken von den tiefen Bücklingen, die er verrichten musste, denn es erschienen hohe und höchste Herrschaften, oder zumindest die Diener von hohen und höchsten Herrschaften. Und einmal flog sogar die Tür auf, dass es nur so schepperte, und herein trat der Lakai des Grafen d'Argenson und schrie, wie nur Lakaien schreien können, dass er fünf Flaschen von dem neuen Duft haben wolle, und Chenier zitterte noch eine Viertelstunde später vor Ehrfurcht, denn der Graf d'Argenson war Intendant und Kriegsminister Seiner Majestät und der mächtigste Mann von Paris.

Während Chenier im Laden allein dem Ansturm der Kundschaft ausgesetzt war, hatte sich Baldini mit seinem neuen Lehrling in der Werkstatt eingeschlossen. Chenier gegenüber rechtfertigte er diesen Umstand mit einer phantastischen Theorie, die er als »Arbeitsteilung und Rationalisierung« bezeichnete. Jahrelang, so erklärte er, habe er geduldig mitangesehen, wie Pelissier und seinesgleichen zunftverachtende Gestalten ihm die Kundschaft abspenstig gemacht und das Geschäft versaut hätten. Jetzt sei sein Langmut zu Ende. Jetzt nehme er die Herausforderung an und schlage wider diese frechen Parvenüs zurück, und zwar mit deren eigenen Mitteln: Zu jeder Saison, jeden Monat, wenn es sein musste auch jede Woche, werde er mit neuen Düften auftrumpfen, und mit was für welchen! Er wolle aus dem vollen seiner kreativen Ader schöpfen. Und dazu sei es nötig, dass er – unterstützt allein von einer ungelernten Hilfskraft – ganz und ausschließlich die Produktion der Düfte betreibe, während Chenier sich ausschließlich deren Verkauf zu widmen habe. Mit dieser modernen Methode werde man ein neues Kapitel in der Geschichte der Parfumerie aufschlagen, die Konkurrenz hinwegfegen und unermesslich reich werden – ja, er sage bewusst und ausdrücklich »man«, denn er gedenke, seinen altgedienten Gesellen an diesen unermesslichen Reichtümern mit einem bestimmten Prozentsatz zu beteiligen.

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