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»Ich habe eine glückliche Kind heit verlebt und in Bern die besten Schulen besucht. Dann bin ich zum Arbeiten nach Genf gekommen. Ich habe einen Mann kennengelernt, mich in ihn verliebt, ihn geheiratet. Ich habe alles für ihn getan, und er hat alles für mich getan. Die Zeit verging, und dann kam die Rente. Als er endlich Zeit hatte, um das zu machen, was er wollte, wurden seine Augen traurig vielleicht weil er sein ganzes Leben nie an sich selbst gedacht hatte. Wir haben nie ernsthaft gestritten, wir hatten keine großen Gefühle, er hat mich nie betrogen, und er hat mich nie schlecht behandelt. Wir haben ein normales Leben geführt, so normal, daß er sich ohne Arbeit nutzlos, bedeutungslos gefühlt hat und ein Jahr darauf an Krebs gestorben ist.«

So war es gewesen, aber die junge Frau könnte davon negativ beeinflußt werden.

»Wie auch immer, ein Leben ohne Überraschungen ist allemal besser«, schloß sie. »Vielleicht wäre mein Mann sonst noch früher gestorben.«

Mit den Büchern unter dem Arm verließ Maria die Bibliothek, entschlossen, alles über die Führung landwirtschaftlicher Betriebe zu lernen. Da sie den Nachmittag frei hatte, beschloß sie, einen Spaziergang zu machen, und entdeckte in der Altstadt neben einem normalen blauen Straßenschild eine kleine Plakette mit einer Sonne und der Inschrift ›Chemin de Saint-Jacques‹ – Jakobsweg. Was war das bloß? Da es auf der anderen Straßenseite ein Cafe gab und sie gelernt hatte zu fragen, wenn sie etwas nicht wußte, ging sie hinein und erkundigte sich.

»Keine Ahnung«, sagte das Mädchen hinter dem Tresen. Es war ein elegantes Lokal, und der Kaffee kostete dreimal soviel wie sonstwo. Aber da sie jetzt Geld und nichts weiter zu tun hatte, bestellte Maria einen Kaffee und vertiefte sich in ihre Fachbücher. Voller Begeisterung öffnete sie eines der Bücher, konnte sich aber nicht auf ihre Lektüre konzentrieren – sie war so langweilig. Wieviel interessanter wäre es doch, mit einem ihrer Freier über das Thema zu sprechen sie wußten am besten, wie man Geld nutzbringend einsetzte. Sie zahlte den Kaffee, dankte der Bedienung und hinterließ ein gutes Trinkgeld (sie hatte, was das betraf, einen Aberglauben entwickelt: wer viel gibt, bekommt auch viel zurück). Sie stand auf, ging zur Tür und hörte, ohne sich der Bedeutung des Augenblicks bewußt zu sein, die Worte, die ihre Zukunft, ihre Farm, ihre Vorstellung vom Glück, ihre weibliche Seele, ihre Einstellung als Mensch, ihren Platz in der Welt verändern sollten. »Moment mal!«

Sie schaute überrascht zur Seite. Dies hier war ein respektables Cafe, nicht das ›Copacabana‹, wo Männer Frauen anbaggern, die Frauen sich aber nichts gefallen lassen müssen.

Sie wollte so tun, als hätte sie nichts gehört, doch dann war ihre Neugier stärker, und sie blickte sich um und sah eine merkwürdige Szene. Auf dem Boden kniete ein etwa dreißigjähriger, langhaariger Mann (oder sollte sie besser sagen »ein junger Mann um die Dreißig«? Warum fühlte sie sich oft schon so alt?). Um sich herum hatte er Stifte ausgebreitet, und er zeichnete einen Herrn, der an einem Tisch saß, vor sich ein Glas Pastis. Beim Eintreten hatte sie die beiden nicht bemerkt.

»Geh noch nicht! Ich zeichne nur schnell dieses Porträt. Und dann würde ich gern dich porträtieren.«

Maria antwortete – und dadurch, daß sie antwortete, stellte sie die Verbindung zum Universum her, die ihr bislang gefehlt hatte: »Ich habe kein Interesse.«

»Du strahlst ein Licht aus. Laß mich wenigstens eine Skizze machen.«

Was hieß da Skizze? ›Licht‹? Andererseits war sie geschmeichelt: ein seriöser Maler wollte sie porträtieren! Sie begann zu spekulieren: Was, wenn er wirklich berühmt ist und das Bild mit mir in Paris oder Salvador de Bahia ausgestellt wird? Märchenhaft!

Was machte dieser Mann mit all dem Kram um sich herum in diesem teuren, vornehmen Cafe?

Als hätte die Bedienung ihre Gedanken erraten, sagte sie leise: »Er ist ein sehr bekannter Maler.«

Ihr Instinkt hatte sie also nicht getäuscht. Maria versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren.

»Er kommt öfter her, immer in Begleitung von wichtigen Leuten. Er sagt, ihm gefällt das Ambiente hier, es inspiriert ihn; er macht ein großes Bild mit wichtigen Genfer Persönlichkeiten, im Auftrag der Stadtverwaltung.«

Maria blickte den Mann an, der gerade gemalt wurde. Wieder las die Kellnerin ihre Gedanken.

»Er ist Chemiker und hat eine revolutionäre Entdeckung gemacht. Er hat dafür den Nobelpreis bekommen.«

»Geh nicht«, wiederholte der Maler. »Ich bin in fünf Minuten fertig. Bestell, was du magst, es geht auf meine Rechnung.«

Wie hypnotisiert, setzte sich Maria an die Bar; da sie normalerweise nichts trank, bestellte sie einfach dasselbe wie der Nobelpreisträger, einen Pastis. Sie sah dem Mann bei der Arbeit zu. ›Ich bin keine stadtbekannte Persönlichkeit, deshalb wird er an etwas anderem interessiert sein‹, dachte Maria, die innerlich sofort abblockte: ›Er ist nicht mein Typ!‹ Das war immer ihre Rettung, wenn sie in Gefahr stand, sich zu verlieben. Innerlich gefestigt, konnte sie nun gefahrlos noch ein paar Minuten bleiben – wer weiß, vielleicht hatte die Kellnerin ja recht und dieser Mann konnte ihr die Tore zu einer unbekannten Welt öffnen. Hatte sie nicht von einer Karriere als Model geträumt?

Sie beobachtete, wie flink er seine Arbeit beendete – offenbar handelte es sich um ein sehr großes Bild, doch es war nach einem komplizierten System zusammengefaltet, und so konnte sie die anderen darauf abgebildeten Gesichter nicht sehen. Und wenn dies nun eine ganz besondere Gelegenheit wäre? Der Mann (sie beschloß, ihn für sich »Mann« und nicht »Junger Mann« zu nennen, weil sie sich sonst älter fühlen müßte) schien nicht der Typ Mann zu sein, der auf diese Tour eine Nacht mit ihr herausschinden wollte. Maria schwor sich, sich auf keine neuen Bekanntschaften einzulassen, die ihre schönen Zukunftspläne beeinträchtigen könnten.

»Danke, Sie können sich jetzt wieder bewegen«, sagte der Maler kurz darauf zu dem Chemiker, der aus einem Traum zu erwachen schien.

Und zu Maria knapp und energisch: »Und du, setz dich dort hinten in die Ecke! Das Licht ist großartig.«

Und dann war es, als wäre alles bereits vom Schicksal in die Wege geleitet, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, als hätte sie diesen Mann schon ein Leben lang gekannt oder diesen Augenblick im Traum erlebt und wüßte, was zu tun sei: Maria nahm ihr Glas Pastis, ihre Tasche, ihre Bücher über Landwirtschaft und ging zu dem ihr zugewiesenen Platz am Fenster. Der Maler brachte die Stifte, Farbtiegelchen, eine Packung Zigaretten und kniete vor ihr nieder.

»Bleib genau so sitzen und beweg dich nicht!«

»Das ist zuviel verlangt. Mein Leben ist immer in Bewegung.«

Sie versuchte, natürlich zu bleiben, obwohl der Blick dieses Mannes sie verunsicherte. Sie zeigte durch die Fensterscheibe hinaus auf die Straße und auf das Schild.

»Was ist der Jakobsweg?«

»Eine Pilgerstraße. Im Mittelalter kamen Menschen von überall her durch diese kleine Gasse; sie waren auf dem Weg nach Spanien, zu einer Stadt namens Santiago de Compostela.«

Er entfaltete einen Teil der Leinwand, legte sich die Stifte zurecht. Maria wußte immer noch nicht, was sie tun sollte.

»Das heißt, wenn ich diesem Weg immer weiter folge, gelange ich nach Spanien?«

»Nach zwei oder drei Monaten. Darf ich dich um einen Gefallen bitten? Sag einfach mal einen Moment lang gar nichts! Es wird nicht länger als zehn Minuten dauern. Und nimm das Paket vom Tisch!«

»Es sind Bücher!« entgegnete sie leicht irritiert wegen seines resoluten Tons. Er sollte merken, daß er eine gebildete Frau vor sich hatte, die ihre Zeit in Bibliotheken verbrachte, nicht in Boutiquen. Aber er nahm selbst das Paket und stellte es einfach auf den Boden.

Sie hatte ihn nicht beeindrucken können, hatte es auch nicht ernsthaft versucht, sie war schließlich »außerdienstlich« hier und sparte sich ihre Verführungskünste für später und für Männer auf, die für ihre Dienste gut zahlten. Warum sollte sie mit diesem Maler anbandeln, der womöglich nicht einmal genug Geld hatte, sie zu einem Kaffee einzuladen? Ein Mann in seinem Alter sollte das Haar nicht lang tragen, das wirkt lächerlich, fand sie. Wie kam sie bloß darauf, daß er kein Geld hatte? Das Mädchen an der Bar hatte gesagt, er sei bekannt – oder war es der Chemiker, der berühmt war? Sie musterte ihn eingehend. Nach ihrer Erfahrung hatten Männer, die sich wie er nachlässig kleideten, oft mehr Geld als Herren in Anzug und Krawatte. Die Kleidung des Malers ließ jedoch keine Rückschlüsse zu.

›Wieso denke ich über diesen Mann nach? Was interessiert mich das Bild?‹

Zehn Minuten waren kein zu hoher Preis für die Chance, durch ein Bild unsterblich zu werden. Sie sah, daß er sie neben den preisgekrönten Chemiker malte, und fragte sich, ob er am Ende doch eine Form von Bezahlung fordern würde.

»Dreh den Kopf zum Fenster!«

Wieder gehorchte sie widerspruchslos – was absolut nicht ihre Art war. Sie sah den Leuten nach, die draußen vorbeigingen, blickte zur Plakette mit der Sonne hoch, überlegte, daß diese Gasse nicht nur die Jahrhunderte, sondern all den Fortschritt, die großen Veränderungen in der Welt und in den Menschen überdauert hatte. Vielleicht war das ja ein gutes Omen, und das Bild würde auch in fünfhundert Jahren noch in einem Museum hängen…

Der Mann begann zu zeichnen, und je länger er zeichnete, desto mehr verlor Maria ihre anfängliche Begeisterung, desto kleiner und unbedeutender fühlte sie sich. Als sie das Cafe betreten hatte, war sie eine selbstbewußte Frau gewesen, fähig, eine schwierige Entscheidung zu treffen eine Arbeit aufzugeben, die Geld einbrachte –, um sich einer noch schwierigeren Herausforderung zu stellen: in ihrem Heimatland eine Farm zu führen. Jetzt fühlte sie sich völlig verunsichert, und das war ein Gefühl, das sie sich als Prostituierte nicht leisten konnte.

Sie entdeckte schließlich den Grund für ihr Unbehagen: Zum ersten Mal seit vielen Monaten betrachtete sie jemand nicht wie ein Objekt und auch nicht als Frau, sondern als eine Herausforderung – etwas, was er nicht verstehen konnte. Dabei war sie sicher leicht zu durchschauen: ›Sieht er wohl meine Seele, meine Ängste, meine Zerbrechlichkeit, meine Unfähigkeit, mit einer Welt klarzukommen, die ich im Griff zu haben vorgebe, über die ich aber nichts weiß?‹

Lächerlich. Sie machte sich etwas vor.

»Ich würde gern…«

»Schscht«, sagte der Mann. »Ich sehe dein Licht.«

Das hatte noch niemand zu ihr gesagt. »Ich sehe deine harten Brüste«, »ich sehe deine wohlgeformten Schenkel«, »ich sehe diese exotische Schönheit aus den Tropen« oder allerhöchstem »ich sehe, daß du aus diesem Leben herauswillst, warum erlaubst du mir nicht, dir ein Apartment einzurichten« – ja, diese Art von Bemerkungen war sie gewohnt, aber »dein Licht«? Meinte er vielleicht das Abendlicht?

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