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Wieder vertiefte er sich in das Spiel, starrte verloren in den ziehenden Fluß, sah formlose Schimmer auf dem Grunde beben, ahnte Königskronen und blanke Frauenschultern. Einstmals in Mariabronn, so erinnerte er sich, hatte er in den lateinischen und griechischen Buchstaben ähnliche Formträume und Verwandlungszauber gesehen. Hatte er nicht damals mit Narziß einmal darüber gesprochen? Ach, wann war das gewesen, vor wieviel hundert Jahren? Ach, Narziß! Um den zu sehen, um mit dem eine Stunde zu sprechen, seine Hand zu halten, seine ruhige kluge Stimme zu hören, hätte er gern seine zwei Golddukaten gegeben.

Warum waren denn diese Dinge so schön, dies Goldgeleucht unterm Wasser, diese Schatten und Ahnungen, alle diese unwirklichen und feenhaften Erscheinungen – warum waren sie denn so unsäglich schön und beglückend, da sie doch genau das Gegenteil von dem waren, was ein Künstler Schönes machen konnte? Denn wenn die Schönheit jener unnennbaren Dinge ohne jede Form war und ganz nur aus Geheimnis bestand, so war es ja bei Werken der Kunst gerade umgekehrt, sie waren ganz und gar Form, sie sprachen vollkommen klar. Nichts war unerbittlich klarer und bestimmter als die Linie eines gezeichneten oder in Holz geschnittenen Kopfes oder Mundes. Genau, haargenau hätte er die Unterlippe oder die Augenlider von Niklaus' Marienfigur nachzuzeichnen vermocht; da gab es nichts Unbestimmtes, Täuschendes, Zerfließendes.

Goldmund dachte hingegeben darüber nach. Es wurde ihm nicht klar, wie es möglich sei, daß das denkbar Bestimmteste und Geformteste ganz ähnlich auf die Seele wirke wie das Ungreifbarste und Gestaltloseste. Eines aber wurde ihm bei dieser Gedankenübung dennoch klar, nämlich warum so viele tadellose und gutgemachte Kunstwerke ihm ganz und gar nicht gefielen, sondern trotz einer gewissen Schönheit ihm langwellig und beinah verhaßt waren. Werkstätten, Kirchen und Paläste waren voll von solchen fatalen Kunstwerken, er selber hatte an einigen mitgearbeitet. Sie waren so schwer enttäuschend, weil sie das Verlangen nach Höchstem erweckten und es doch nicht erfüllten, weil ihnen die Hauptsache fehlte: das Geheimnis. Das war es, was Traum und höchstes Kunstwerk Gemeinsames hatten: das Geheimnis.

Weiter dachte Goldmund: ein Geheimnis ist es, das ich liebe, dem ich auf der Spur bin, das ich mehrmals habe aufblitzen sehen und das ich als Künstler, wenn es mir einmal möglich sein wird, darstellen und zum Sprechen bringen möchte. Es ist die Gestalt der größten Gebärerin, der Urmutter, und ihr Geheimnis besteht nicht, wie das einer anderen Figur, in dieser oder jener Einzelheit, in besonderer Fülle oder Magerkeit, Derbheit oder Zierlichkeit, Kraft oder Anmut, sondern es besteht darin, daß die größten Gegensätze der Welt, die sonst unvereinbar sind, in dieser Gestalt Frieden geschlossen haben und beisammenwohnen: Geburt und Tod, Güte und Grausamkeit, Leben und Vernichtung. Hätte ich diese Figur mir ausgesonnen, wäre sie nur mein Gedankenspiel oder ein ehrgeiziger Künstlerwünsch, so wäre es nicht schade um sie, ich könnte ihren Fehler einsehen und sie vergessen. Aber die Urmutter ist kein Gedanke, denn ich habe sie nicht erdacht, sondern gesehen! Sie lebt in mir, immer wieder ist sie mir begegnet. Zuerst habe ich sie geahnt, als ich in einem Dorf, in einer Winternacht, über dem Bett einer gebärenden Bäuerin das Licht halten mußte: damals fing das Bild in mir zu leben an. Oft ist es ferne und verloren, lange Zeit; aber plötzlich zuckt es wieder auf, auch heute wieder. Das Bild meiner eigenen Mutter, einst mein liebstes, hat sich ganz in dies neue Bild verwandelt, es ist in ihm drinnen wie der Kern in einer Kirsche.

Deutlich fühlte er jetzt seine augenblickliche Lage, das Bangen vor einer Entscheidung. Er war, nicht minder als damals beim Abschied von Narziß und dem Kloster, auf einem wichtigen Wege: dem Weg zur Mutter. Vielleicht würde einmal aus der Mutter ein allen sichtbares, gestaltetes Bild werden, ein Werk seiner Hände. Vielleicht lag dort das Ziel, war dort der Sinn seines Lebens verborgen. Vielleicht; er wußte es nicht. Eines aber wußte er: der Mutter zu folgen, zu ihr unterwegs zu sein, von ihr gezogen und gerufen zu werden, das war gut, das war Leben. Vielleicht konnte er nie ihr Bild gestalten, vielleicht blieb sie immer Traum, Ahnung, Lockung, goldenes Aufblinken heiligen Geheimnisses. Nun, auf jeden Fall hatte er ihr zu folgen, ihr hatte er sein Schicksal anheimzustellen, sie war sein Stern.

Und nun lag die Entscheidung schon nahe vor ihm, es war alles klar geworden. Die Kunst war eine schöne Sache, aber sie war keine Göttin und kein Ziel, für ihn nicht; nicht der Kunst hatte er zu folgen, nur dem Ruf der Mutter. Was konnte es nützen, seine Finger noch immer geschickter zu machen? Am Meister Niklaus konnte man sehen, wohin das führte. Es führte zu Ruhm und Namen, zu Geld und seßhaftem Leben, und zu einer Verdorrung und Verkümmerung jener inneren Sinne, denen allein das Geheimnis zugänglich ist. Es führte zum Herstellen hübscher kostbarer Spielwaren, zu allerlei reichen Altären und Kanzeln, heiligen Sebastianen und hübsch gelockten Engelsköpfchen, das Stück zu vier Talern. Oh, das Gold im Aug' eines Karpfens und der süße dünne Silberflaum am Rand eines Schmetterlingsflügels war unendlich viel schöner, lebendiger, köstlicher als ein ganzer Saal voll von jenen Kunstwerken.

Ein Knabe kam singend die Uferstraße herabgegangen, manchmal verstummte sein Gesang, und er biß in ein großes Stück Weißbrot, das er in der Hand trug. Ihn sah Goldmund und bat ihn um ein Stückchen von seinem Brot, krallte ein Stück Weiches mit zwei Fingern heraus und formte daraus kleine Kugeln. Über die Mauerbrüstung hinausliegend, warf er die Brotkugeln, langsam eine um die andere, ins Wasser hinab, sah im dunkeln Wasser die helle Kugel hinabsinken und sah sie von den raschen drängenden Köpfen der Fische umschwärmt, bis sie in einem der Mäuler verschwand. Kugel um Kugel sah er sinken und verschwinden, tief befriedigt. Dann fühlte er Hunger und suchte eine seiner Geliebten auf, die im Hause eines Fleischers Magd war und die er »Gebieterin der Würste und Schinken« nannte. Mit dem gewohnten Pfiff lockte er sie ans Küchenfenster und war willens, sich dies oder jenes Nahrhafte von ihr geben zu lassen, um es zu sich zu stecken und draußen überm Fluß auf einem der Rebhügel zu verzehren, deren roter fetter Boden so kräftig unterm satten Weinlaub leuchtete, und wo im Frühling die kleinen blauen Hyazinthen blühten, die so zart nach Steinobst dufteten.

Aber es schien heut ein Tag der Entscheidungen und Einsichten zu sein. Als Kathrine am Fenster erschien und mit dem festen, etwas derben Gesicht herüberlächelte, als er schon die Hand ausstreckte, um ihr das gewohnte Zeichen zu geben, da mußte er sich plötzlich anderer Male erinnern, da er ebenso hier gestanden war und gewartet hatte. Und mit langweilender Deutlichkeit sah er zugleich alles voraus, was in den nächsten Minuten geschehen würde: wie sie sein Zeichen erkennen und sich zurückziehen, wie sie in Bälde an der Hintertür des Hauses erscheinen würde, etwas Geräuchertes in der Hand, wie er es entgegennehmen und sie dabei ein wenig streicheln und an sich drücken würde, wie sie es erwartete – und plötzlich schien es ihm unendlich dumm und häßlich, diesen ganzen mechanischen Ablauf oft erlebter Dinge wieder hervorzurufen und seine Rolle darin zu spielen, die Wurst in Empfang zu nehmen, die kräftigen Brüste sich an ihn drängen zu fühlen und sie wie zum Gegengeschenk ein wenig zu drücken. Plötzlich meinte er in ihrem guten derben Gesicht einen Zug von entseelter Gewohnheit, in ihrem freundlichen Lächeln etwas allzuoft Gesehenes, etwas Mechanisches und Geheimnisloses, etwas seiner Unwürdiges zu sehen. Er beschrieb den gewohnten Wink mit der Hand nicht zu Ende, auf seinem Gesicht erfror das Lächeln. Liebte er sie denn noch, begehrte er sie noch ernstlich? Nein, allzuoft schon war er hier gewesen, allzuoft hatte er dies immer gleiche Lächeln gesehen und ohne Herzensantrieb erwidert. Was er gestern noch unbedenklich gekonnt hätte, war ihm heut plötzlich nicht mehr möglich. Die Magd stand noch und schaute, da hatte er sich schon umgewendet und war aus der Gasse verschwunden, entschlossen, sich nie mehr dort zu zeigen. Mochte ein anderer diese Brüste streicheln! Mochte ein anderer diese guten Würste essen! Überhaupt, was wurde hier in dieser fetten vergnügten Stadt nicht Tag für Tag gefressen und vergeudet! Wie faul, wie verwöhnt, wie wählerisch waren diese feisten Bürger, wegen deren jeden Tag so viel Säue und Kälber geschlachtet und so viel schöne arme Fische aus dem Fluß gezogen wurden! Und er selbst – wie war er selbst verwöhnt und verdorben, wie ekelhaft ähnlich war er diesen fetten Bürgern geworden! Auf Wanderung, im verschneiten Feld, da schmeckte eine gedörrte Pflaume oder eine alte Brotrinde köstlicher als hier im Wohlleben ein ganzes Zunftessen. O Wanderung, o Freiheit, o mondbeschienene Heide und vorsichtig beäugte Tierspur im graufeuchten Morgengras! Hier in der Stadt, bei den Seßhaften, ging alles so leicht und kostete so wenig, sogar die Liebe. Er hatte genug davon, plötzlich, er spie darauf. Dies Leben hier hatte seinen Sinn verloren, es war ein Knochen ohne Mark. Es war schön gewesen und hatte Sinn gehabt, solang der Meister ein Vorbild, Lisbeth eine Prinzessin gewesen war; es war erträglich gewesen, solang er an seinem Johannes gearbeitet hatte. Jetzt war es zu Ende damit, der Duft war dahin, das Blümlein war verwelkt. Mit heftiger Welle ergriff ihn das Gefühl der Vergänglichkeit, das ihn oft so tief peinigen und so tief berauschen konnte. Schnell verblühte alles, schnell war jede Lust erschöpft, und nichts blieb übrig als Knochen und Staub. Doch, eines blieb: die ewige Mutter, die uralte und ewig junge, mit dem traurigen und grausamen Liebeslächeln. Wieder sah er sie für Augenblicke: eine Riesin, Sterne im Haar, träumerisch sitzend am Rande der Welt, mit verspielter Hand pflückte sie Blume um Blume, Leben um Leben, und ließ sie langsam ins Bodenlose fallen.

In diesen Tagen, während Goldmund ein verblühtes Stück Leben hinter sich erblassen sah und in einem traurigen Rausch von Abschiednehmen durch die vertraute Gegend schweifte, gab sich Meister Niklaus große Mühe, für seine Zukunft zu sorgen und diesen unruhigen Gast für immer seßhaft zu machen. Er bewog die Zunft, Goldmund das Meisterzeugnis auszustellen, und erwog den Plan, ihn nicht als Untergebenen, sondern als Mitarbeiter dauernd an sich zu fesseln, alle großen Aufträge mit ihm zu beraten und auszuführen und ihn zum Teilhaber an deren Ertrag zu machen. Es mochte ein Wagnis sein, auch Lisbeths wegen, denn natürlich würde der junge Mensch dann bald sein Schwiegersohn werden. Aber eine Figur wie den Johannes hätte auch der beste aller Gehilfen, die Niklaus je besoldet hatte, niemals zu machen vermocht, und er selbst wurde alt und wurde ärmer an Einfallen und Schöpferkraft, und zu einem gewöhnlichen handwerklichen Gewerbe wollte er seine berühmte Werkstatt nicht herabsinken sehen. Es würde schwierig sein mit diesem Goldmund, aber es mußte gewagt werden.

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