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Über dem Streit zwischen den beiden Harrys wurde der Professor beinahe vergessen; plötzlich war er mir wieder lästig, und ich eilte, ihn loszuwerden. Lange sah ich ihm nach, wie er unter der kahlen Allee davonging, mit dem gutmütigen und etwas komischen Gang eines Idealisten, eines Gläubigen. Heftig tobte die Schlacht in meinem Innern, und während ich mechanisch die steifen Finger krümmte und wieder streckte, im Kampf mit der heimlich wühlenden Gicht, mußte ich mir gestehen, daß ich mich da hatte übertölpeln lassen, daß ich mir nun eine Einladung auf halb acht Uhr zum Abendessen auf den Hals geladen hatte samt Verpflichtung zu Höflichkeiten, wissenschaftlichem Geschwatze und Betrachtung fremden Familienglücks. Zornig ging ich nach Hause, mischte Kognak und Wasser, schluckte dazu meine Gichtpillen hinunter, legte mich auf den Diwan und versuchte zu lesen. Als es mir endlich gelungen war, eine Weile in »Sophiens Reise von Memel nach Sachsen« zu lesen, einem entzückenden Schmöker aus dem achtzehnten Jahrhundert, fiel mir plötzlich die Einladung wieder ein und daß ich nicht rasiert war und daß ich mich anziehen müsse. Weiß Gott, warum ich mir das angetan hatte! Also, Harry, steh auf, lege dein Buch weg, seife dich ein, kratze dir das Kinn blutig, zieh dich an und habe ein Wohlgefallen an den Menschen! Und während ich mich einseifte, dachte ich an das dreckige Lehmloch im Friedhof, in das man heute den Unbekannten hinuntergeseilt hatte, und an die verkniffenen Gesichter der gelangweilten Mitchristen und konnte nicht einmal darüber lachen. Dort endete, so schien mir, an jenem dreckigen Lehmloch, bei den dummen verlegenen Worten des Predigers, bei den dummen verlegenen Mienen der Trauerversammlung, bei dem trostlosen Anblick all der Kreuze und Tafeln aus Blech und Marmor, bei all den falschen Draht- und Glasblumen, dort endete nicht nur der Unbekannte, dort würde nicht nur morgen oder übermorgen auch ich enden, verscharrt, unter Verlegenheit und Verlogenheit der Teilnehmer in den Dreck gescharrt, nein, so endete alles, unser ganzes Streben, unsre ganze Kultur, unser ganzer Glaube, unsre ganze Lebensfreude und Lebenslust, die so sehr krank war und bald auch dort eingescharrt werden würde. Ein Friedhof war unsre Kulturwelt, hier waren Jesus Christus und Sokrates, hieren waren Mozart und Haydn, waren Dante und Goethe bloß noch erblindete Namen auf rostenden Blechtafeln, umstanden von verlegenen und verlogenen Trauernden, die viel dafür gegeben hätten, wenn sie an die Blechtafeln noch hätten glauben können, die ihnen einst heilig gewesen waren, die viel dafür gegeben hätten, auch nur wenigstens ein redliches, ernstes Wort der Trauer und Verzweiflung über diese untergegangne Welt sagen zu können, und denen statt allem nichts blieb als das verlegne grinsende Herumstehen an einem Grab. Wütend kratzte ich mir am Kinn die ewige Stelle wieder auf und ätzte eine Weile an der Wunde, mußte aber dennoch den eben angelegten frischen Kragen nochmals wechseln und wußte durchaus nicht, warum ich das alles tue, denn ich fühlte nicht die mindeste Lust, zu jener Einladung zu gehen. Aber ein Stück von Harry spielte wieder Theater, nannte den Professor einen sympathischen Kerl, sehnte sich nach ein wenig Menschengeruch, Schwatz und Geselligkeit, erinnerte sich an des Professors hübsche Frau, fand den Gedanken an einen Abend bei freundlichen Gastgebern im Grunde doch recht ermunternd und half mir ein englisches Pflaster aufs Kinn kleben, half mir mich anziehen und eine anständige Krawatte umbinden und brachte mich sanft davon ab, meinem eigentlichen Wunsch zu folgen und zu Hause zu bleiben. Zugleich dachte ich: so, wie ich jetzt mich anziehe und ausgehe, den Professor besuche und mehr oder weniger erlogene Artigkeiten mit ihm austausche, alles ohne es eigentlich zu wollen, so tun und leben und handeln die meisten Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft und ohne es eigentlich zu wollen, machen Besuche, führen Unterhaltungen, sitzen Amts- und Bureaustunden ab, alles zwanghaft, mechanisch, ungewollt, alles könnte ebensogut von Maschinen gemacht werden oder unterbleiben; und diese ewige fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen und zu fühlen. Oh, und sie haben recht, unendlich recht, die Menschen, daß sie so leben, daß sie ihre Spielchen spielen und ihren Wichtigkeiten nachlaufen, statt sich gegen die betrübende Mechanik zu wehren und verzweifelt ins Leere zu starren, wie ich entgleister Mensch es tue. Wenn ich in diesen Blättern zuweilen die Menschen verachte und auch verspotte, so glaube doch darum niemand, daß ich ihnen die Schuld zuwälzen, daß ich sie anklagen, daß ich andre für mein persönliches Elend verantwortlich machen möchte! Ich aber, der ich nun einmal so weit gegangen bin und am Rande des Lebens stehe, wo es ins bodenlose Dunkel fällt, ich tue unrecht und lüge, wenn ich mir und andern vorzutäuschen versuche, als laufe auch für mich jene Mechanik noch, als sei auch ich noch zu jener holden kindlichen Welt des ewigen Spiels gehörig!

Der Abend wurde denn auch entsprechend wunderbar. Vor dem Hause meines Bekannten blieb ich einen Augenblick stehen und sah zu den Fenstern empor. Da wohnt dieser Mann, dachte ich, und tut Jahr um Jahr seine Arbeit weiter, liest und kommentiert Texte, sucht nach Zusammenhängen zwischen vorderasiatischen und indischen Mythologien und ist vergnügt dabei, denn er glaubt an den Wert seines Tuns, er glaubt an die Wissenschaft, deren Diener er ist, er glaubt an den Wert des bloßen Wissens, des Aufspeicherns, denn er glaubt an den Fortschritt, an die Entwicklung. Er hat den Krieg nicht miterlebt, nicht die Erschütterung der bisherigen Denkgrundlagen durch Einstein (das, denkt er, geht nur die Mathematiker an), er sieht nichts davon, wie rings um ihn der nächste Krieg vorbereitet wird, er hält Juden und Kommunisten für hassenswert, er ist ein gutes, gedankenloses, vergnügtes, sich wichtig nehmendes Kind, er ist sehr zu beneiden. Ich gab mir einen Ruck und trat ein, wurde vom weißbeschürzten Dienstmädchen empfangen, aus irgendeiner Ahnung mir genau die Stelle merkend, wohin sie meinen Hut und Mantel brachte, ich wurde in ein warmes helles Zimmer geführt und zu warten gebeten, und statt ein Gebet zu sprechen oder ein wenig zu schlafen, folgte ich einem spielerischen Trieb und nahm den nächsten Gegenstand in die Hände, der sich mir anbot. Es war ein kleines gerahmtes Bild, das auf dem runden Tisch seinen Standort hatte, durch eine steife Kartonklappe zum Schrägstehen gezwungen. Es war eine Radierung und stellte den Dichter Goethe dar, einen charaktervollen, genial frisierten Greis mit schön modelliertem Gesicht, in welchem weder das berühmte Feuerauge fehlte noch der Zug von leicht hofmännisch übertünchter Einsamkeit und Tragik, auf welche der Künstler ganz besondere Mühe verwandt hatte. Es war ihm gelungen, diesem dämonischen Alten, seiner Tiefe unbeschadet, einen etwas professoralen oder auch schauspielerischen Zug von Beherrschtheit und Biederkeit mitzugeben und ihn, alles in allem, zu einem wahrhaft schönen alten Herrn zu gestalten, welcher jedem Bürgerhause zum Schmuck gereichen konnte. Vermutlich war dieses Bild nicht dümmer als alle Bilder dieser Art, alle diese von fleißigen Kunsthandwerkern hergestellten holden Heilande, Apostel, Heroen, Geisteshelden und Staatsmänner, vielleicht wirkte es nur durch eine gewisse virtuose Gekonntheit so aufreizend auf mich; sei dem wie ihm wolle, auf jeden Fall schrie mir, der ich schon hinlänglich gereizt und geladen war, diese eitle und selbstgefällige Darstellung des alten Goethe sogleich als ein fataler Mißklang entgegen und zeigte mir, daß ich hier nicht am richtigen Ort sei. Hier waren schön stilisierte Altmeister und nationale Größen zu Hause, keine Steppenwölfe.

Wäre jetzt der Hausherr eingetreten, so wäre es mir vielleicht geglückt, unter annehmbaren Vorwänden meinen Rückzug auszuführen. Es kam jedoch seine Frau herein, und ich ergab mich ins Geschick, obwohl ich Unheil ahnte. Wir begrüßten uns, und dem ersten Mißklang folgten lauter neue. Die Frau beglückwünschte mich zu meinem guten Aussehen, während mir nur allzu bewußt war, wie sehr ich in den Jahren seit unsrer letzten Begegnung gealtert war; schon bei ihrem Händedruck hatte der Schmerz in den Gichtfingern mich fatal daran erinnert. Ja, und dann fragte sie, wie es denn meiner lieben Frau gehe, und ich mußte ihr sagen, daß meine Frau mich verlassen habe und unsre Ehe geschieden sei. Wir waren froh, als der Professor eintrat. Auch er begrüßte mich herzlich, und die Schiefheit und Komik der Situation fand alsbald den denkbar hübschesten Ausdruck. Er hielt eine Zeitung in Händen, das Blatt, auf das er abonniert war, eine Zeitung der Militaristen- und Kriegshetzepartei, und nachdem er mir die Hand gegeben hatte, deutete er auf das Blatt und erzählte, darin stehe etwas über einen Namensvetter von mir, einen Publizisten Haller, der ein übler Kerl und vaterlandsloser Geselle sein müsse, er habe sich über den Kaiser lustig gemacht und sich zu der Ansicht bekannt, daß sein Vaterland am Entstehen des Krieges um nichts minder schuldig sei als die feindlichen Länder. Was das für ein Kerl sein müsse! Na, hier kriege der Bursche es gesagt, die Redaktion habe diesen Schädling recht schneidig erledigt und an den Pranger gestellt. Wir gingen jedoch zu anderem über, als er sah, daß dies Thema mich nicht interessierte, und die beiden dachten wirklich nicht von ferne an die Möglichkeit, daß jenes Scheusal vor ihnen sitzen könne, und doch war es so, das Scheusal war ich selbst. Na, wozu Lärm machen und die Leute beunruhigen! Ich lachte in mich hinein, gab aber jetzt die Hoffnung verloren, an diesem Abend noch etwas Angenehmes zu erleben. Ich habe den Augenblick deutlich in Erinnerung. In diesem Augenblick nämlich, während der Professor vom Vaterlandsverräter Haller sprach, verdichtete sich in mir das schlimme Gefühl von Depression und Verzweiflung, das sich seit der Begräbnisszene in mir angehäuft und immer verstärkt hatte, zu einem wüsten Druck, zu einer körperlich (im Unterleib) fühlbaren Not, einem würgend angstvollen Schicksalsgefühl. Es lag etwas gegen mich auf der Lauer, fühlte ich, es beschlich mich von hinten eine Gefahr. Zum Glück kam jetzt die Meldung, daß das Essen bereitstehe. Wir gingen ins Speisezimmer, und während ich mich bemühte, immer wieder irgend etwas ganz Harmloses zu sagen oder zu fragen, aß ich mehr, als ich gewohnt war, und fühlte mich von Augenblick zu Augenblick jämmerlicher. Mein Gott, dachte ich beständig, warum strengen wir uns denn so an? Deutlich fühlte ich, daß auch meine Gastgeber sich gar nicht wohl fühlten und daß ihre Munterkeit ihnen Mühe machte, sei es nun, daß ich so lähmend wirkte, sei es, daß sonst eine Verstimmung im Hause war. Sie fragten mich nach lauter Dingen, auf welche eine aufrichtige Antwort nicht zu geben war, bald hatte ich mich richtig festgelogen und kämpfte mit dem Ekel bei jedem Wort. Schließlich begann ich, um abzulenken, von dem Begräbnis zu erzählen, dessen Zuschauer ich heute gewesen war. Aber ich traf den Ton nicht, meine Anläufe zum Humor wirkten verstimmend, wir kamen mehr und mehr auseinander, in mir lachte der Steppenwolf mit grinsendem Gebiß, und beim Nachtisch waren wir alle drei recht schweigsam.

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