ЛитМир - Электронная Библиотека
A
A

»Du bist brav«, meinte sie ermunternd, »du machst es einem nicht schwer. Wollen wir wetten, daß es lange her ist, seit du zum letztenmal jemandem hast gehorchen müssen?«

»Ja, Sie haben die Wette gewonnen. Woher wußten Sie denn das?«

»Keine Kunst. Gehorchen ist wie Essen und Trinken – wer es lang entbehrt hat, dem geht nichts darüber. Nicht wahr, du gehorchst mir gern?«

»Sehr gern. Sie wissen alles.«

»Du machst es einem leicht. Vielleicht, Freund, könnte ich dir auch sagen, was das ist, was daheim auf dich wartet und wovor du solche Angst hast. Aber du weißt es ja selber, wir brauchen nicht davon zu reden, gelt? Dummes Zeug! Entweder einer hängt sich auf, nun ja, dann hängt er sich eben auf, er wird Grund dazu haben. Oder er lebt noch, und dann hat er sich bloß um das Leben zu kümmern. Nichts ist einfacher.«

»Oh«, rief ich, »wenn das so einfach wäre! Ich habe mich, bei Gott, genug um das Leben gekümmert, und es hat nichts genützt. Sich aufhängen ist vielleicht schwer, ich weiß es nicht. Aber leben ist viel, viel schwerer! Weiß Gott, wie schwer es ist!«

»Nun, du wirst sehen, daß es kinderleicht ist. Den Anfang haben wir schon gemacht, du hast deine Brille geputzt, hast gegessen, hast getrunken. Jetzt gehen wir und bürsten deine Hosen und Schuhe ein wenig, sie haben es nötig. Und dann wirst du einen Shimmy mit mir tanzen.«

»Da sehen Sie«, rief ich eifrig, »daß ich doch recht hatte! Nichts tut mir mehr leid, als einen Befehl von Ihnen nicht ausführen zu können. Aber diesen kann ich nicht ausführen. Ich kann keinen Shimmy tanzen und auch keinen Walzer und keine Polka und wie die Dinger alle heißen, ich habe nie in meinem Leben tanzen gelernt. Sehen Sie jetzt, daß doch nicht alles so einfach ist, wie Sie meinen?« Das schöne Mädchen lächelte mit seinen blutroten Lippen und schüttelte den festen, knabenhaft frisierten Kopf: Indem ich sie ansah, wollte mir scheinen, sie gleiche der Rosa Kreisler, dem ersten Mädchen, in das ich mich einst als Knabe verliebt hatte, aber die war ja bräunlich und dunkelhaarig gewesen. Nein, ich wußte nicht, an wen dies fremde Mädchen mich erinnerte, ich wußte nur, es war etwas aus sehr früher Jugend, aus der Knabenzeit.

»Langsam«, rief sie, »langsam! Du kannst also nicht tanzen? Überhaupt nicht? Nicht einmal einen Onestep? Und dabei behauptest du, weiß Gott, welche Mühe du dir mit dem Leben gegeben habest! Da hast du geflunkert, Junge, das soll man in deinem Alter nicht mehr tun. Ja, wie kannst du sagen, du habest dir mit dem Leben Mühe gegeben, wenn du nicht einmal tanzen willst?«

»Wenn ich es doch nicht kann! Ich habe es nie gelernt.« – Sie lachte.

»Aber lesen und schreiben hast du gelernt, gelt, und rechnen und wahrscheinlich auch noch Latein und Französisch und allerlei solche Sachen? Ich will wetten, du bist zehn oder zwölf Jahre in der Schule gesessen und hast womöglich auch noch studiert und hast vielleicht sogar den Doktortitel und kannst Chinesisch oder Spanisch. Oder nicht? Also. Aber das bißchen Zeit und Geld für ein paar Tanzstunden hast du nicht aufgebracht! Na!«

»Es waren meine Eltern«, rechtfertigte ich mich, »sie haben mich Latein und Griechisch und all das Zeug lernen lassen. Aber tanzen lernen ließen sie mich nicht, es war bei uns nicht Mode, meine Eltern haben selber nie getanzt.« Ganz kalt sah sie mich an, voller Verachtung, und wieder sprach aus ihrem Gesicht etwas, was mich an frühe Jugendzeiten erinnerte.

»So, also deine Eltern müssen schuldig sein! Hast du sie auch gefragt, ob du heut abend in den Schwarzen Adler gehen dürfest? Hast du? Sie sind schon lange tot, sagst du? Na also! Wenn du aus lauter Folgsamkeit in deiner Jugend nicht hast tanzen lernen wollen – meinetwegen! Obwohl ich nicht glaube, daß du damals so ein Musterknabe warst. Aber nachher – was hast du denn nachher alle die Jahre lang getrieben?«

»Ach«, gestand ich, »ich weiß es selber nicht mehr. Ich habe studiert, Musik gemacht, Bücher gelesen, Bücher geschrieben, Reisen gemacht –«

»Merkwürdige Ansichten, die du vom Leben hast! Du hast also immer schwierige und komplizierte Sachen getrieben, und die einfachen hast du gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine Lust? Na meinetwegen, Gott sei Dank bin ich nicht deine Mutter. Aber dann so tun, als hättest du das Leben durchprobiert und nichts daran gefunden, nein, das geht nicht!«

»Schelten Sie nicht!« bat ich. »Ich weiß schon, daß ich verrückt bin.«

»Ach was, sing mir keine Lieder vor! Du bist keineswegs verrückt, Herr Professor, du bist mir sogar viel zu wenig verrückt! Du bist so auf eine dumme Art gescheit, scheint mir, richtig wie ein Professor. Komm, iß noch ein Brötchen. Nachher erzählst du weiter.«

Sie besorgte mir nochmals ein Brötchen, tat etwas Salz daran, strich ein wenig Senf darauf, schnitt ein Stückchen für sich selber ab und hieß mich essen. Ich aß. Ich hätte alles getan, was sie mich geheißen hätte, alles außer Tanzen. Es tat ungeheuer wohl, jemand zu gehorchen, neben jemand zu sitzen, der einen ausfragte, einem befahl, einen ausschalt. Hätte der Professor oder seine Frau das vor ein paar Stunden getan, es wäre mir viel erspart geblieben. Aber nein, es war gut so, es wäre mir viel entgangen!

»Wie heißt du eigentlich?« fragte sie plötzlich. »Harry.«

»Harry? Ein Bubenname! Und ein Bub bist du auch, Harry, trotz den paar grauen Flecken im Haar. Du bist ein Bub, und du solltest jemand haben, der ein wenig nach dir schaut. Vom Tanzen sage ich nichts mehr. Aber wie du frisiert bist! Hast du denn keine Frau, keinen Schatz?«

»Ich habe keine Frau mehr, wir sind geschieden. Einen Schatz habe ich schon, aber er wohnt nicht hier, ich sehe ihn nur selten, wir kommen nicht sehr gut miteinander aus.«

Sie pfiff leise durch die Zähne.

»Du scheinst ein recht schwieriger Herr zu sein, daß keine bei dir bleibt. Aber sag jetzt: was war denn heut abend Besonderes los, daß du so vergeistert in der Welt herumgelaufen bist? Krach gehabt? Geld verspielt?«

Das war nun schwierig zu sagen.

»Sehen Sie«, fing ich an, »es war eigentlich eine Kleinigkeit. Ich war eingeladen, bei einem Professor – ich selber bin aber keiner –, und eigentlich hätte ich gar nicht hingehen sollen, ich bin es nicht mehr gewohnt, so bei Leuten zu sitzen und zu schwatzen, ich habe es verlernt. Ich ging auch schon in das Haus hinein mit dem Gefühl, es werde nicht gut gehen – als ich meinen Hut aufhängte, kam mir schon der Gedanke, ich würde ihn vielleicht schon bald wieder brauchen. Ja, und bei diesem Professor also, da stand auf dem Tisch so ein Bild herum, ein dummes Bild, das mich ärgerte …«

»Was für ein Bild? Warum ärgerte?« unterbrach sie mich.

»Ja, es war ein Bild, das den Goethe vorstellte – wissen Sie, den Dichter Goethe. Er war aber darauf nicht so, wie er wirklich ausgesehen hat – das weiß man nämlich überhaupt nicht genau, er ist seit hundert Jahren tot. Sondern irgendein moderner Maler hatte den Goethe da so zurechtfrisiert, wie er sich ihn vorstellt, und dieses Bild ärgerte mich und war mir scheußlich zuwider – ich weiß nicht, ob Sie das verstehen?«

»Kann ich sehr gut verstehen, sei ohne Sorge. Weiter!«

»Schon vorher war ich mit dem Professor uneins; er ist, wie die Professoren fast alle, ein großer Patriot und hat während des Krieges brav mitgeholfen, das Volk anzulügen – im besten Glauben natürlich. Ich aber bin ein Kriegsgegner. Na, einerlei. Also weiter. Ich hätte ja das Bild gar nicht anzusehen brauchen …«

»Hättest du allerdings nicht.«

»Aber erstens tat es mir wegen Goethe leid, der ist mir nämlich sehr, sehr lieb, und dann war es so, daß ich dachte – nun, ich dachte oder fühlte etwa so: da sitze ich nun bei Leuten, die ich für meinesgleichen ansehe und von denen ich dachte, auch sie werden den Goethe ähnlich wie ich lieben und sich etwa ein ähnliches Bild von ihm machen wie ich, und nun haben sie da dieses geschmacklose, verfälschte, versüßte Bild stehen und finden es herrlich und merken gar nicht, daß der Geist dieses Bildes genau das Gegenteil von Goethes Geist ist. Sie finden das Bild wunderbar, und meinetwegen können sie das ja auch – aber für mich ist dann auf einmal alles Vertrauen zu diesen Leuten, alle Freundschaft für sie und alles Gefühl von Verwandtschaft und Zusammengehören aus und vorbei. Übrigens war die Freundschaft ohnehin nicht groß. Also da wurde ich wütend und traurig und sah, daß ich ganz allein war und niemand mich verstand. Begreifen Sie?«

»Leicht zu begreifen, Harry. Und dann? Hast du ihnen das Bild an die Köpfe gehauen?«

»Nein, ich habe geschimpft und bin fortgelaufen, ich wollte nach Hause, aber –«

»Aber da wäre keine Mama gewesen, um den dummen Buben zu trösten oder auszuschelten. Nun ja, Harry, du tust mir beinahe leid, du bist ein Kindskopf ohnegleichen.«

Gewiß, das sah ich ein, wie mir schien. Sie gab mir ein Glas Wein zu trinken. Sie war in der Tat wie eine Mama mit mir. Zwischenein aber sah ich für Augenblicke, wie schön und jung sie war.

»Also«, fing sie dann wieder an, »also der Goethe ist vor hundert Jahren gestorben, und der Harry hat ihn sehr gern, und er macht sich eine wunderbare Vorstellung von ihm, wie er ausgesehen haben mag, und dazu hat Harry auch das Recht, nicht? Aber der Maler, der auch für den Goethe schwärmt und sich ein Bild von ihm macht, der hat kein Recht dazu, und der Professor auch nicht, und überhaupt niemand, denn das paßt Harry nicht, er verträgt das nicht, er muß dann schimpfen und davonlaufen! Wenn er klug wäre, so würde er über den Maler und den Professor einfach lachen. Wenn er verrückt wäre, würde er ihnen ihren Goethe ins Gesicht schmeißen. Da er aber bloß ein kleiner Bub ist, läuft er heim und will sich aufhängen. – Ich habe deine Geschichte gut verstanden, Harry. Es ist eine komische Geschichte. Sie macht mich lachen. Halt, trink nicht so rasch! Burgunder trinkt man langsam, er macht sonst zu heiß. Aber dir muß man alles sagen, kleiner Bub.« Ihr Blick war streng und mahnend wie der einer sechzigjährigen Gouvernante.

»O ja«, bat ich zufrieden, »sagen Sie mir nur alles.«

»Was soll ich dir sagen?«

»Alles, was Sie mögen.«

»Gut, ich sage dir etwas. Seit einer Stunde hörst du, daß ich du zu dir sage, und du sagst immer noch Sie zu mir. Immer Lateinisch und Griechisch, immer möglichst kompliziert! Wenn ein Mädchen du zu dir sagt und sie dir nicht zuwider ist, dann sagst du auch du zu ihr. So, da hast du etwas zugelernt. Und zweitens: seit einer halben Stunde weiß ich, daß du Harry heißt. Ich weiß es, weil ich dich gefragt habe. Du aber willst nicht wissen, wie ich heiße.«

»O doch, sehr gern will ich es wissen.«

16
{"b":"89481","o":1}