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Im Hotel Balances ändern Tages spielte eine kleine Kapelle, es wurde Tee und Whisky serviert. Ich versuchte, Hermine zu bestechen, setzte ihr Kuchen vor, versuchte, sie zu einer Flasche Wein einzuladen, aber sie blieb unerbittlich.

»Du bist heute nicht zum Vergnügen hier. Es ist Tanzstunde.«

Ich mußte zwei-, dreimal mit ihr tanzen, und zwischenein machte sie mich mit dem Saxophonbläser bekannt, einem dunklen, schönen, jungen Menschen von spanischer oder südamerikanischer Herkunft, der, wie sie sagte, alle Instrumente spielen und alle Sprachen der Welt sprechen konnte. Dieser Señor schien mit Hermine sehr gut bekannt und befreundet zu sein, er hatte zwei Saxophone von verschiedener Größe vor sich stehen, die er abwechselnd blies, während seine schwarzen gleißenden Augen aufmerksam und vergnügt die Tanzenden studierten. Zu meiner eigenen Verwunderung empfand ich gegen diesen harmlosen, hübschen Musikanten etwas wie Eifersucht, nicht Liebeseifersucht, denn von Liebe war ja zwischen mir und Hermine gar nicht die Rede, aber eine mehr geistige Freundschaftseifersucht, denn er schien mir des Interesses und der auffallenden Auszeichnung, ja Verehrung, die sie für ihn zeigte, nicht so recht würdig zu sein. Komische Bekanntschaften muß ich da machen, dachte ich mißmutig.

Dann wurde Hermine einmal ums andre zum Tanz gebeten, ich blieb allein beim Tee sitzen, hörte der Musik zu, einer Art von Musik, die ich bisher nicht hatte ausstehen können. Lieber Gott, dachte ich, nun soll ich also hier eingeführt und heimisch werden, in dieser mir so fremden und widerwärtigen, in dieser bisher von mir so sorgfältig gemiedenen, so tief verachteten Welt der Bummler und Vergnügungsmenschen, in dieser glatten, klischierten Welt der Marmortischchen, der Jazzmusik, der Kokotten, der Handlungsreisenden! Betrübt sog ich meinen Tee und starrte in die halbelegante Menge. Zwei schöne Mädchen zogen meine Blicke an, beide gute Tänzerinnen, denen ich mit Bewunderung und Neid nachblickte, wie sie elastisch, schön, fröhlich und sicher dahintanzten.

Da erschien Hermine wieder und war mit mir unzufrieden. Ich sei nicht hier, schalt sie, um ein solches Gesicht zu machen und regungslos am Teetisch zu sitzen, ich möge mir jetzt bitte einen Ruck geben und tanzen. Wie, ich kenne niemanden? Das sei ganz unnötig. Ob denn gar keine Mädchen da seien, die mir gefielen?

Ich zeigte ihr die eine, schönere, die eben in unsrer Nähe stand und in ihrem hübschen Sammetröckchen, mit den kurzgeschnittenen kräftigen Blondhaaren und den vollen, fraulichen Armen entzückend aussah. Hermine bestand darauf, daß ich sofort hingehe und sie auffordere. Ich wehrte mich verzweifelt.

»Ich kann doch nicht!« sagte ich unglücklich. »Ja, wenn ich ein hübscher junger Kerl wäre! Aber so ein alter steifer Trottel, der nicht einmal tanzen kann – sie würde mich ja auslachen!«

Verächtlich sah Hermine mich an.

»Und ob ich dich auslache, ist dir natürlich einerlei. Was du für ein Feigling bist! Das Ausgelachtwerden riskiert ein jeder, der sich einem Mädchen nähert; das ist der Einsatz. Also riskiere, Harry, und im schlimmsten Fall laß dich eben auslachen – sonst ist es mit meinem Glauben an deinen Gehorsam vorbei.«

Sie gab nicht nach. Beklommen stand ich auf und ging auf das schöne Mädchen zu, als eben die Musik wieder anfing.

»Ich bin eigentlich nicht frei«, sagte sie und blickte mich neugierig aus den großen frischen Augen an, »aber mein Tänzer scheint in der Bar drüben hängenzubleiben. Na, kommen Sie!«

Ich umfaßte sie und tat die ersten Schritte, noch verwunden darüber, daß sie mich nicht weggeschickt hatte, da merkte sie schon, wie es mit mir stehe, und übernahm die Führung. Sie tanzte wunderbar, und mich nahm es mit, ich vergaß für Augenblicke alle meine Tanzpflichten und Regeln, schwamm einfach mit, fühlte die straffen Hüften, die raschen geschmeidigen Knie meiner Tänzerin, sah ihr in das junge, strahlende Gesicht, gestand ihr, daß ich heute zum erstenmal in meinem Leben tanze. Sie lächelte und ermunterte mich und antwortete auf meine entzückten Blicke und schmeichelnden Worte wunderbar geschmeidig, nicht mit Worten, aber mit leisen entzückenden Bewegungen, die uns näher und reizender zusammenbrachten. Fest hielt ich die rechte Hand über ihrer Taille, folgte beglückt und eifrig den Bewegungen ihrer Beine, ihrer Arme, ihrer Schultern, trat ihr zu meinem Erstaunen kein einziges Mal auf die Füße, und als die Musik zu Ende war, blieben wir beide stehen und klatschten, bis der Tanz nochmals gespielt wurde und ich nochmals eifrig, verliebt und andächtig den Ritus vollzog.

Als der Tanz zu Ende war, allzu früh, zog das schöne Sammetmädchen sich zurück, und plötzlich stand Hermine neben mir, die uns zugesehen hatte.

»Merkst du was?« lachte sie lobend. »Hast du entdeckt, daß Frauenbeine keine Tischbeine sind? Na, bravo! Den Fox kannst du jetzt, Gott sei Dank, morgen gehen wir auf den Boston los, und in drei Wochen ist Maskenball in den Globussälen.«

Es war Tanzpause, wir hatten uns gesetzt, und nun kam auch der hübsche junge Herr Pablo, der Saxophonbläser, nickte uns zu und setzte sich neben Hermine. Er schien mit ihr sehr gut Freund zu sein. Mir aber, gestehe ich, wollte bei jenem ersten Zusammensein dieser Herr durchaus nicht gefallen. Schön war er, das war nicht zu leugnen, schön von Wuchs und schön von Gesicht, weiter Vorzüge aber konnte ich an ihm nicht entdecken. Auch das mit der Vielsprachigkeit machte er sich leicht, er sprach nämlich überhaupt nichts, nur Worte wie bitte, danke, jawohl, gewiß, hallo und ähnliche, die er allerdings in mehreren Sprachen konnte. Nein, er sprach nichts, der Señor Pablo, und er schien auch nicht eben viel zu denken, dieser hübsche Caballero. Seine Beschäftigung war, das Saxophonblasen in der Jazzkapelle, und diesem Beruf schien er mit Liebe und Leidenschaft obzuliegen, manchmal klatschte er während des Musizierens auch plötzlich in die Hände oder erlaubte sich andre Begeisterungsausbrüche, stieß etwa laute gesungene Worte aus wie: »o o o o, ha ha, hallo!« Sonst aber war er sicherlich zu nichts anderem in der Welt, als um schön zu sein, den Frauen zu gefallen, die Kragen und Schlipse neuester Mode zu tragen, auch viele Ringe an den Fingern. Seine Unterhaltung bestand darin, daß er bei uns saß, uns anlächelte, auf seine Armbanduhr sah und Zigaretten drehte, worin er sehr geschickt war. Seine dunklen schönen Kreolenaugen, seine schwarzen Locken verbargen keine Romantik, keine Probleme, keine Gedanken – aus der Nähe besehen, war der schöne exotische Halbgott ein vergnügter und etwas verwöhnter Junge mit angenehmen Manieren, nichts weiter. Ich sprach mit ihm über sein Instrument und über Klangfarben in der Jazzmusik, er mußte sehen, daß er es mit einem alten Genießer und Kenner in musikalischen Dingen zu tun habe. Aber darauf ging er gar nicht ein, und während ich, aus Höflichkeit gegen ihn oder eigentlich gegen Hermine, etwas wie eine musiktheoretische Rechtfertigung des Jazz unternahm, lächelte er harmlos an mir und meinen Anstrengungen vorüber, und vermutlich war es ihm völlig unbekannt, daß es vor und außer Jazz auch noch einige andere Musik gegeben habe. Nett war er, nett und artig, hübsch lächelte er aus seinen großen leeren Augen; aber zwischen ihm und mir schien es nichts Gemeinsames zu geben – nichts von dem, was ihm etwa wichtig und heilig war, könnte es auch für mich sein, wir kamen aus entgegengesetzten Erdteilen, hatten kein Wort unsrer Sprachen gemeinsam. (Aber später erzählte mir Hermine Merkwürdiges. Sie erzählte, daß Pablo nach jenem Gespräch ihr über mich gesagt habe, sie möchte doch mit diesem Menschen recht sorgsam umgehen, er sei ja so sehr unglücklich. Und als sie fragte, woraus er das schließe, habe er gesagt: »Armer, armer Mensch. Sieh seine Augen an! Kann nicht lachen!")

Als nun der Schwarzäugige sich empfohlen hatte und die Musik wieder anfing, stand Hermine auf. »Jetzt könntest du wieder einmal mit mir tanzen, Harry. Oder magst du nicht mehr?«

Auch mit ihr tanzte ich nun leichter, freier und fröhlicher, wenn auch nicht so unbeschwert und selbstvergessen wie mit jener andern. Hermine ließ mich führen und paßte sich zart und leicht wie ein Blumenblatt an, und auch bei ihr fand und fühlte ich jetzt alle jene bald entgegenkommenden, bald wegfliehenden Schönheiten, auch sie duftete nach Weib und Liebe, auch ihr Tanz sang zart und innig das holde lockende Lied des Geschlechts – und doch konnte ich auf dies alles nicht ganz frei und heiter antworten, konnte mich nicht völlig vergessen und hingeben. Hermine stand mir allzu nah, sie war mein Kamerad, meine Schwester, war meinesgleichen, sie glich mir selbst und glich meinem Jugendfreund Hermann, dem Schwärmer, dem Dichter, dem glühenden Genossen meiner geistigen Übungen und Ausschweifungen.

»Ich weiß es«, sagte sie nachher, als ich davon sprach, »ich weiß es wohl. Ich werde dich zwar doch noch in mich verliebt machen, aber das hat keine Eile. Vorerst sind wir Kameraden, wir sind Leute, welche Freunde zu werden hoffen, weil wir einander erkannt haben. Jetzt wollen wir beide voneinander lernen und miteinander spielen. Ich zeige dir mein kleines Theater, und lehre dich tanzen und ein bißchen vergnügt und dumm sein, und du zeigst mir deine Gedanken und etwas von deinem Wissen.«

»Ach, Hermine, da ist nicht viel zu zeigen, du weißt ja viel mehr als ich. Was bist du für ein merkwürdiger Mensch, du Mädchen! Überall verstehst du mich und bist mir voraus. Bin ich dir denn etwas? Bin ich dir denn nicht langweilig?«

Sie sah mit verdunkeltem Blick zu Boden.

»So höre ich dich nicht gerne reden. Denke an den Abend, wo du kaputt und verzweifelt aus deiner Qual und Einsamkeit heraus mir über den Weg gelaufen und mein Kamerad geworden bist! Warum denn, glaubst du, habe ich dich damals erkennen und verstehen können?«

»Warum, Hermine? Sag es mir!«

»Weil ich bin wie du. Weil ich gerade so allein bin wie du und das Leben und die Menschen und mich selber gerade so wenig lieben und ernst nehmen kann wie du. Es gibt ja immer einige solcher Menschen, die vom Leben das Höchste verlangen nd sich mit seiner Dummheit und Roheit schlecht abfinden können.«

»Du, du!« rief ich tief verwundert. »Ich verstehe dich, Kamerad, niemand versteht dich so wie ich. Und doch bist du mir ein Rätsel. Du wirst ja mit dem Leben so spielend fertig, du hast ja diese wunderbare Hochachtung vor den kleinen Dingen und Genüssen, du bist eine solche Künstlerin im Leben. Wie kannst du am Leben leiden? Wie kannst du verzweifeln?«

»Ich verzweifle nicht, Harry. Aber am Leben leiden – o ja, darin bin ich erfahren. Du wunderst dich, daß ich nicht glücklich bin, weil ich doch tanzen kann und mich an der Oberfläche des Lebens so gut auskenne. Und ich, Freund, wundere mich, daß du vom Leben so enttäuscht bist, da du doch, gerade in den schönsten und tiefsten Dingen heimisch bist, im Geist, in der Kunst, im Denken! Darum haben wir einander angezogen, darum sind wir Geschwister. Ich werde dich lehren, zu tanzen und zu spielen und zu lächeln und doch nicht zufrieden zu sein. Und werde von dir lernen, zu denken und zu wissen und doch nicht zufrieden zu sein. Weißt du, daß wir beide Kinder des Teufels sind?«

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