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Als Knecht dort eintraf, eine Woche vor dem Beginn des großen Spieles, wurde er nach seiner Anmeldung im Spielerdorf nicht vom Glasperlenspielmeister empfangen, sondern von dessen Stellvertreter Bertram, der ihn höflich willkommen hieß, ihm aber ziemlich kurz und zerstreut mitteilte, der ehrwürdige Magister sei dieser Tage erkrankt und er selbst, Bertram, über Knechts Mission nicht genügend unterrichtet, um seinen Bericht entgegenzunehmen, er möge sich dieserhalb zur Ordensleitung nach Hirsland begeben, dort seine Rückkehr melden und deren Befehle erwarten. Als Knecht bei der Verabschiedung in Stimme oder Gebärde unwillkürlich eine gewisse Befremdung über die Kühle und Kürze seines Empfanges verriet, entschuldigte sich Bertram. Der Kollege möge verzeihen, wenn er ihn enttäuscht habe, er möge das Besondere der Situation verstehen: der Magister sei erkrankt, das große Jahresspiel stehe dicht vor der Tür, und noch sei es sehr ungewiß, ob der Magister es werde leiten können oder ob er, der Stellvertreter, für ihn werde einspringen müssen. Die Krankheit des Ehrwürdigen hätte auf keinen ungünstigeren und heikleren Augenblick fallen können; er sei zwar, wie jederzeit, in Bereitschaft, die Amtsgeschäfte statt des Magisters zu versehen, aber dazu noch innerhalb so kurzer Frist sich genügend auf das große Spiel vorzubereiten und dessen Leitung zu übernehmen, das würde, so fürchte er, doch über seine Kräfte gehen.

Knecht bedauerte den sichtlich niedergeschlagenen und etwas aus dem Gleichgewicht gekommenen Mann und bedauerte nicht minder, daß in dessen Händen nun vielleicht die Verantwortung für das Fest liegen solle. Er war zu lange von Waldzell fort gewesen, um zu wissen, wie begründet die Sorgen Bertrams seien, denn dieser war, was für einen Stellvertreter immer das denkbar Mißlichste ist, seit einer Weile des Vertrauens der Elite, der sogenannten Repetenten, verlustig und hatte in der Tat einen sehr schweren Stand. Mit Sorge dachte Knecht des Glasperlenspielmeisters, dieses Helden der klassischen Form und der Ironie, des vollkommenen Magisters und Kastaliers; er hatte sich darauf gefreut, von ihm empfangen, angehört und wieder in das kleine Gemeinwesen der Spieler, vielleicht auf einen Vertrauensposten, eingereiht zu werden. Von Meister Thomas das Festspiel zelebriert zu sehen, unter seinen Augen weiter zu arbeiten und um seine Anerkennung zu werben, war sein Wunsch gewesen; nun war es ihm schmerzlich und enttäuschend, ihn hinter seiner Krankheit verborgen und sich an andere Instanzen gewiesen zu finden. Es entschädigte ihn dafür allerdings das achtungsvolle Wohlwollen, ja die Kollegialität, mit der ihn der Ordenssekretär und Herr Dubois empfingen und anhörten. Er konnte auch gleich bei der ersten Aussprache feststellen, daß man ihn bei dem römischen Plan vorerst nicht weiter zu brauchen gedenke und seinen Wunsch nach dauernder Rückkehr zum Spiel respektiere; vorerst lud man ihn freundlich ein, im Gästehaus des Vicus Lusorum Wohnung zu nehmen und erst einmal sich hier wieder umzusehen und dem Jahresspiel beizuwohnen. Mit seinem Freunde Tegularius widmete er die Vortage den Fasten- und Versenkungsübungen und hat jenes eigenartige Spiel, das manchen in so wenig erfreulicher Erinnerung geblieben ist, fromm und dankbar mitgemacht.

Die Stellung der Magisterstellvertreter, auch »Schatten« genannt, und besonders die beim Musik- und beim Spielmeisteramt, ist eine höchst eigentümliche. Jeder der Magister hat einen Stellvertreter, den ihm nicht etwa die Behörde zur Seite stellt, sondern den er selbst aus dem engeren Kreis seiner Kandidaten wählt und für dessen Handlungen und Unterschrift der Meister selbst, den er vertritt, die volle Verantwortung trägt. Es ist also für einen Kandidaten eine große Auszeichnung und ein Zeichen höchsten Vertrauens, wenn er von seinem Magister zum Stellvertreter ernannt wird, er wird dadurch als intimer Mitarbeiter und rechte Hand des allmächtigen Magisters anerkannt und übt jedesmal, wenn der Magister verhindert ist und ihn schickt, dessen Amtshandlungen aus, allerdings nicht alle: an Abstimmungen der obersten Behörde zum Beispiel darf er nur als Überbringer eines Ja oder Nein im Namen seines Meisters auftreten, niemals als Redner oder Antragsteller, und was dergleichen Vorsichtsmaßregeln mehr sind. Während nun die Ernennung zum Stellvertreter diesen an einen sehr hohen und zuweilen recht exponierten Platz stellt, bedeutet sie dennoch zugleich etwas wie eine Kaltstellung, sie sondert ihn innerhalb der amtlichen Hierarchie gewissermaßen als einen Ausnahmefall ab, und während sie ihm häufig die wichtigsten Funktionen anvertraut und hohe Ehre gewährt, nimmt sie ihm doch gewisse Rechte und Möglichkeiten, deren jeder andere Mitstrebende genießt. Namentlich sind es zwei Punkte, in welchen seine Ausnahmestellung deutlich erkennbar wird: der Stellvertreter trägt nicht die Verantwortung für seine Amtshandlungen, und er kann innerhalb der Hierarchie nicht weiter emporsteigen. Das Gesetz ist zwar ungeschrieben, aber es ist aus der Geschichte Kastaliens zu lesen: niemals ist beim Tode oder der Amtsniederlegung eines Magisters dessen »Schatten« an seine Stelle nachgerückt, der ihn doch so oft vertreten hat und dessen ganze Existenz ihn zum Nachfolger zu prädestinieren scheint. Es ist, als wolle die Sitte hier eine scheinbar fließende und bewegliche Grenze und Schranke geflissentlich als unüberbrückbar betonen: die Grenze zwischen Magister und Stellvertreter steht wie ein Gleichnis für die Grenze zwischen Amt und Person. Indem denn also ein Kastalier den hohen Vertrauensposten eines Stellvertreters annimmt, verzichtet er auf die Aussicht, jemals selbst Magister zu werden, jemals mit den Amtskleidern und Insignien, die er so oft repräsentierend trägt, wirklich eins zu werden, und zugleich tritt er das merkwürdig zweideutige Recht an, mit etwaigen Verfehlungen in seiner Amtsführung nicht sich selber, sondern seinen Magister zu belasten, der allein für ihn einzustehen hat. Und es ist in der Tat schon vorgekommen, daß ein Magister das Opfer des von ihm gewählten Stellvertreters geworden ist und einer gröberen Verfehlung wegen, die der andere sich zuschulden kommen ließ, von seinem Amte hat zurücktreten müssen. Der Ausdruck, mit welchem in Waldzell der Stellvertreter des Glasperlenspielmeisters bezeichnet wurde, wird dessen eigentümlicher Stellung, seiner Verbundenheit, ja quasi Identität mit dem Magister sowohl wie dem Scheinhaften und Wesenlosen seiner amtlichen Existenz vorzüglich gerecht. Man nennt ihn dort den »Schatten.«

Meister Thomas von der Trave nun hatte seit Jahr und Tag einen »Schatten« namens Bertram walten lassen, dem es mehr an Glück als an Begabung oder gutem Willen gemangelt zu haben scheint. Er war ein vorzüglicher Glasperlenspieler, wie es sich von selbst versteht, er war auch ein mindestens nicht ungeschickter Lehrer und ein gewissenhafter Beamter, seinem Meister unbedingt ergeben; dennoch war er im Lauf der letzten Jahre bei den Beamten eher unbeliebt geworden und hatte die nachwachsende jüngste Schicht der Elite gegen sich, und da er nicht die ritterlich klare Natur seines Meisters besaß, störte das die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung. Der Magister ließ ihn nicht fallen, hatte ihn aber seit Jahren den Reibungen mit jener Elite möglichst entzogen, ihn überhaupt immer seltener an die Öffentlichkeit gestellt und mehr in den Kanzleien und im Archiv verwendet. Dieser unbescholtene, aber nicht oder doch zur Zeit nicht mehr beliebte Mann, vom Glück sichtlich nicht begünstigt, sah sich nun plötzlich durch die Krankheit seines Meisters an die Spitze des Vicus Lusorum und, falls er wirklich das Jahresspiel zu leiten haben würde, für die Festzeit an den sichtbarsten Posten der ganzen Provinz gestellt und wäre dieser großen Aufgabe nur dann gewachsen gewesen, wenn die Mehrzahl der Glasperlenspieler oder doch die Repetentenschaft ihn durch ihr Vertrauen gestützt hätte, was jedoch bedauerlicherweise nicht geschah. So kam es denn, daß das Ludus sollemnis diesmal zu einer schweren Prüfung, beinahe zu einer Katastrophe für Waldzell wurde.

Erst am Tage vor Spielbeginn wurde amtlich bekanntgegeben, daß der Magister ernstlich erkrankt und außerstande sei, das Spiel zu leiten. Wir wissen nicht, ob diese Hintanhaltung der Mitteilung etwa vom Willen des kranken Magisters diktiert war, der vielleicht bis zum letzten Augenblick hoffte, sich wieder aufraffen und dem Spiele doch noch vorstehen zu können. Wahrscheinlich ist, daß er schon zu krank war, um solche Gedanken zu hegen, und daß sein »Schatten« den Fehler beging, Kastalien bis zur vorletzten Stunde im Ungewissen über die Lage in Waldzell zu lassen. Freilich ließe sich auch darüber noch streiten, ob dies Zögern wirklich ein Fehler war. Es geschah ohne Zweifel in guter Absicht, nämlich um das Fest nicht von vornherein zu mißkreditieren und die Verehrer des Meisters Thomas vom Besuch abzuschrecken. Und wäre alles gut gegangen, hätte zwischen der Waldzeller Spielergemeinde und Bertram das Vertrauen bestanden, so hätte – es ist sehr wohl denkbar – der »Schatten« wirklich zum Stellvertreter werden und das Fehlen des Magisters nahezu unbemerkt bleiben können. Es ist müßig, weitere Vermutungen hierüber aufzustellen; wir glaubten nur andeuten zu müssen, daß jener Bertram nicht so unbedingt ein Versager oder gar ein Unwürdiger war, wie die öffentliche Meinung Waldzells damals ihn sah. Er war weit mehr Opfer als Schuldiger.

Es vollzog sich nun wie alljährlich der Zustrom der Gäste zum großen Spiel. Viele kamen ahnungslos, andre mit Besorgnis um das Ergehen des Magister Ludi und mit unfrohen Vorgefühlen für den Verlauf des Festes. Waldzell und die nahen Siedlungen füllten sich mit Menschen, die Ordensleitung und die Erziehungsbehörde fanden sich beinahe vollzählig ein, auch aus entlegenem Teilen des Landes und dem Auslande kamen festlich gestimmte Reisende, die Gästehäuser überfüllend. Wie immer wurde die Feier am Abend vor Spielbeginn durch die Meditationsstunde eröffnet, während welcher vom Glockenzeichen an das ganze mit Menschen gefüllte Festgebiet in ein tiefes, andächtiges Schweigen versank. Der folgende Morgen brachte die erste der musikalischen Aufführungen und die Verkündigung des ersten Spielsatzes sowie die Meditation über die beiden musikalischen Themata dieses Satzes. Bertram, in der Festtracht des Glasperlenspielmeisters, zeigte ein gemessenes und beherrschtes Auftreten, nur war er sehr blaß und erschien in der Folge von Tag zu Tag mehr überanstrengt, leidend und resigniert, in den letzten Tagen glich er wirklich einem Schatten. Schon am zweiten Spieltage verbreitete sich das Gerücht, Magister Thomas« Befinden habe sich verschlechtert, und sein Leben sei in Gefahr, und am Abend dieses Tages vernahm man da und dort und überall unter den Eingeweihteren die ersten Beiträge zu der allmählich entstehenden Legende um den kranken Meister und seinen »Schatten.« Diese Legende, vom innersten Kreis des Vicus Lusorum, der Repetentenschaft ausgehend, wollte wissen, der Meister sei willens und wäre auch fähig gewesen, als Spielleiter zu amtieren, habe jedoch dem Ehrgeiz seines »Schattens« das Opfer gebracht und diesem die festliche Aufgabe überlassen. Nun aber, da Bertram seiner hohen Rolle eben doch nicht ganz gewachsen scheine und das Spiel zu einer Enttäuschung zu werden drohe, wisse der kranke Mann sich für das Spiel, für seinen »Schatten« und dessen Versagen verantwortlich und habe es auf sich genommen, an dessen Stelle selbst für den Fehler zu büßen; dies und nichts andres sei die Ursache der raschen Verschlimmerung seines Befindens und der Steigerung des Fiebers. Natürlich war dies nicht die einzige Lesart der Legende, doch war es die der Elite, und zeigte deutlich, daß die Elite, der strebsame Nachwuchs, die Situation als tragisch empfand und kein Abbiegen, Aufhellen oder Beschönigen dieser Tragik zu unterstützen gewillt war. Der Verehrung gegen den Meister hielt die Abneigung gegen seinen »Schatten« die Waage, diesem wurden Mißerfolg und Sturz gewünscht, sollte selbst der Meister mitbüßen müssen. Wieder einen Tag später konnte man erzählen hören, der Magister habe vom Krankenlager aus seinen Stellvertreter sowie zwei Senioren der Elite beschworen, Frieden zu halten und das Fest nicht zu gefährden; andern Tages wurde behauptet, er habe seinen letzten Willen diktiert und der Behörde den Mann namhaft gemacht, den er sich zum Nachfolger wünsche; es wurden auch Namen genannt. Zusammen mit den Nachrichten von dem sich stets verschlimmernden Befinden des Magisters zirkulierten diese und andere Gerüchte, und im Festsaal sowohl wie in den Gästehäusern sank die Stimmung von Tag zu Tag, wenn auch niemand sich so weit gehen ließ, auf die Fortführung zu verzichten und abzureisen. Es lag ein schwerer und finsterer Druck über der ganzen Veranstaltung, deren äußerer Ablauf sich dennoch in korrekter Form vollzog, aber von der Freude und Gehobenheit, die man bei diesem Feste kannte und erwartete, war wenig zu spüren, und als am vorletzten Spieltage der Schöpfer des Festspieles, Magister Thomas, die Augen für immer schloß, gelang es den Bemühungen der Behörde nicht, die Verbreitung der Nachricht zu unterdrücken, und merkwürdigerweise empfanden manche Teilnehmer diese Lösung des Knotens als befreiend. Die Spielschüler und namentlich die Elite, obwohl sie vor dem Ende des Ludus sollemnis weder Trauer anlegen noch den in diesen Tagen so streng vorgeschriebenen Ablauf der Stunden mit ihrem Wechsel von Vorführungen und Versenkungsübungen im geringsten unterbrechen durften, begingen den letzten Festakt und Festtag einmütig in einer Haltung und Stimmung, als wäre er eine Trauerfeier für den verehrten Toten, und ließen um den übermüdeten, schlaflosen, bleich und mit halbgeschlossenen Augen weiter amtierenden Bertram eine eisige Atmosphäre der Vereinsamung entstehen.

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