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An diesem Vergnügen hatte Josef Knecht ebensowenig teil, wie er an einen Erfolg der Bemühungen seines Freundes glaubte. Er war entschlossen, sich aus den Fesseln seiner jetzigen Lage zu lösen und für Aufgaben, die er auf sich warten fühlte, frei zu machen, aber es war ihm klar, daß er weder die Behörde durch Vernunftgründe überwinden noch einen Teil des hier zu Leistenden auf Tegularius abladen könne. Diesen beschäftigt und abgelenkt zu wissen für die Zeit, da er noch in seiner Nähe leben würde, war ihm jedoch sehr willkommen. Nachdem er beim nächsten Zusammenkommen Plinio Designori davon erzählt hatte, fügte er hinzu: »Freund Tegularius ist nun beschäftigt und für das entschädigt, was er durch deine Wiederkehr meint verloren zu haben. Seine Eifersucht ist schon beinahe geheilt, und die Arbeit an seiner Aktion für mich und gegen meine Kollegen bekommt ihm gut, er ist nahezu glücklich. Aber glaube nicht, Plinio, daß ich mir von seiner Aktion irgend etwas verspreche, außer eben dem Guten, das sie für ihn selber hat. Daß unsre oberste Behörde dem geplanten Gesuch Folge geben wird, ist völlig unwahrscheinlich, ja unmöglich, höchstens wird sie mir mit einer sanft rügenden Vermahnung antworten. Was zwischen meinen Absichten und deren Verwirklichung steht, ist das Grundgesetz unsrer Hierarchie selbst, und eine Behörde, die ihren Glasperlenspielmeister auf ein noch so überzeugend begründetes Gesuch hin entläßt und ihm eine Tätigkeit außerhalb Kastaliens zuweist, würde mir auch gar nicht gefallen. Außerdem ist Meister Alexander von der Ordensleitung da, ein Mann, der durch nichts zu beugen ist. Nein, diesen Kampf werde ich schon allein ausfechten müssen. Aber lassen wir also erst Tegularius seinen Scharfsinn üben! Wir verlieren dadurch nichts als ein wenig Zeit, und die brauche ich ohnehin, um hier alles so geordnet zurückzulassen, daß mein Abgang ohne Schaden für Waldzell erfolgen kann. Du aber mußt mir inzwischen drüben bei euch eine Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit schaffen, sei es noch so bescheiden, im Notfall bin ich mit einer Stelle etwa als Musiklehrer zufrieden, es braucht nur ein Anfang, ein Sprungbrett zu sein.«

Designori meinte, das werde sich schon finden, und wenn der Augenblick gekommen sei, stehe sein Haus dem Freunde für beliebige Zeit offen. Aber damit war Knecht nicht zufrieden.

»Nein,« sagte er, »als Gast bin ich nicht zu gebrauchen, ich muß Arbeit haben. Auch würde ein Aufenthalt in deinem Hause, so schön es ist, wenn er länger als Tage dauerte, die Spannungen und Schwierigkeiten dort nur vermehren. Ich habe viel Vertrauen zu dir, und auch deine Frau hat sich ja an meine Besuche freundlich gewöhnt, aber dies alles hätte sofort ein anderes Gesicht, wenn ich nicht mehr Besucher und Magister Ludi, sondern ein Flüchtling und Dauergast wäre.«

»Du nimmst das doch wohl allzu genau,« meinte Plinio. »Daß du, wenn du dich erst hier frei gemacht und deinen Wohnsitz in der Hauptstadt hast, sehr bald eine deiner würdige Berufung bekommen wirst, mindestens als Professor an einer Hochschule – damit kannst du mit Gewißheit rechnen. Doch brauchen solche Dinge Zeit, das weißt du ja, und ich kann natürlich erst dann etwas für dich unternehmen, wenn deine Loslösung von hier vollzogen ist.«

»Gewiß,« sagte der Meister, »bis dahin muß mein Entschluß Geheimnis bleiben. Ich kann mich nicht euren Behörden zur Verfügung stellen, ehe meine eigene Behörde unterrichtet ist und entschieden hat; das ist selbstverständlich. Aber ich suche ja auch vorerst gar nicht eine öffentliche Anstellung. Meine Bedürfnisse sind klein, kleiner als du dir vermutlich vorzustellen vermagst. Ich brauche ein Zimmerchen und das tägliche Brot, vor allem aber eine Arbeit und Aufgabe als Lehrer und Erzieher, ich brauche einen oder einige Schüler und Zöglinge, mit denen ich lebe und auf die ich wirken kann; an eine Hochschule denke ich dabei am allerwenigsten, ich würde ebenso gerne, nein, weit lieber, Hauslehrer bei einem Knaben oder dergleichen. Was ich suche und brauche, ist eine einfache, natürliche Aufgabe, ein Mensch, der mich braucht. Die Berufung an eine Hochschule würde mich von Anfang an wieder in einen traditionellen, geheiligten und mechanisierten Amtsapparat einordnen, und was ich begehre, ist das Gegenteil davon.«

Zögernd rückte nun Designori mit einem Anliegen heraus, das er schon eine Weile mit sich herumgetragen hatte.

»Ich hätte einen Vorschlag zu machen,« sagte er, »und bitte dich, ihn wenigstens anzuhören und wohlwollend zu prüfen. Vielleicht kannst du ihn annehmen, dann tätest du auch mir einen Dienst. Du hast mir seit jenem ersten Tag, an dem ich hier dein Gast war, in vielem weitergeholfen. Du hast auch mein Leben und mein Haus kennengelernt und weißt, wie es dort steht. Es steht nicht gut, aber es steht besser als seit Jahren. Das schwierigste ist das Verhältnis zwischen mir und meinem Sohn. Er ist verwöhnt und vorlaut, er hat sich eine bevorzugte und geschonte Stellung in unsrem Haus geschaffen, das wurde ihm ja nahegelegt und leichtgemacht in den Jahren, in denen er, noch ein Kind, von seiner Mutter ebenso wie von mir umworben wurde. Er hat sich dann entschieden zur Partei der Mutter geschlagen, und mir sind allmählich alle wirksamen Erziehungsmittel aus den Händen gespielt worden. Ich hatte mich damit abgefunden, so wie mit meinem etwas mißglückten Leben überhaupt. Ich hatte resigniert. Aber jetzt, wo ich mit deiner Hilfe wieder einigermaßen genesen bin, habe ich doch wieder Hoffnung geschöpft. Du siehst, worauf ich hinauswill; ich würde mir sehr viel davon versprechen, wenn Tito, der ohnehin in seiner Schule Schwierigkeiten hat, eine Weile einen Lehrer und Erzieher bekäme, der sich seiner annimmt. Es ist ein egoistisches Anliegen, ich weiß es, und ob die Aufgabe dich anziehen könnte, weiß ich nicht. Aber du hast mir Mut gemacht, den Vorschlag zur Sprache zu bringen.«

Knecht lächelte und reichte ihm die Hand.

»Ich danke dir, Plinio. Kein Vorschlag könnte mir willkommener sein. Nur fehlt noch das Einverständnis deiner Frau. Und weiter müßtet ihr euch beide dazu entschließen, mir euren Sohn fürs erste ganz zu überlassen. Damit ich ihn in die Hand bekomme, muß der tägliche Einfluß des Elternhauses ausgeschaltet werden. Du mußt mit deiner Frau darüber sprechen und sie dahin bringen, diese Bedingung anzunehmen. Fasse es behutsam an, laßt euch Zeit!«

»Und du glaubst,« fragte Designori, »daß du mit Tito etwas erreichen könntest?«

»O ja, warum denn nicht? Er hat gute Rasse und gute Gaben von beiden Eltern her, es fehlt nur die Harmonie dieser Kräfte. Das Verlangen nach dieser Harmonie in ihm zu wecken, vielmehr zu stärken und schließlich bewußt zu machen, wird meine Aufgabe sein, die ich gern übernehme.«

So wußte nun Josef Knecht seine beiden Freunde, jeden in ganz anderer Weise, mit seiner Angelegenheit beschäftigt. Während Designori in der Hauptstadt seiner Frau die neuen Pläne vorlegte und sie ihr annehmbar zu machen suchte, saß in Waldzell Tegularius in einer Arbeitszelle der Bibliothek und stellte nach Knechts Hinweisen Material für das beabsichtigte Schriftstück zusammen. Der Magister hatte ihn mit der Lektüre, die er ihm vorlegen ließ, gut geködert; Fritz Tegularius, der große Verächter der Historie, verbiß und verliebte sich in die Geschichte der kriegerischen Epoche. Im Spielen stets ein großer Arbeiter, sammelte er mit wachsendem Appetit symptomatische Anekdoten aus jener Epoche, der düstern Vorzeit des Ordens, und häufte ihrer so viele an, daß sein Freund, als er nach Monaten die Arbeit vorgelegt bekam, kaum den zehnten Teil stehenlassen konnte.

In dieser Zeit wiederholte Knecht seinen Besuch in der Hauptstadt mehrmals. Frau Designori gewann immer mehr Vertrauen zu ihm, wie ja ein gesunder und harmonischer Mensch bei den Schwierigen und Belasteten oft so leichten Eingang findet, und bald war sie für den Plan ihres Mannes gewonnen. Von Tito wissen wir, daß er bei einem dieser Besuche den Magister etwas patzig wissen ließ, daß er von ihm nicht mit du angeredet zu werden wünsche, da ihn jedermann, auch die Lehrer seiner Schule, mit Sie ansprächen. Knecht dankte ihm mit großer Höflichkeit und entschuldigte sich, er erzählte ihm, daß in seiner Provinz die Lehrer zu allen Schülern und Studenten, auch zu längst erwachsenen, du sagten. Und nach Tische bat er den Knaben, ein wenig mit ihm auszugehen und ihm etwas von der Stadt zu zeigen. Auf diesem Spaziergang führte ihn Tito auch durch eine stattliche Gasse der Altstadt, wo in beinahe lückenloser Reihe die jahrhundertalten Häuser der vornehmen, begüterten patrizischen Familien standen. Vor einem dieser festen, schmalen und hohen Häuser blieb Tito stehen, deutete auf ein Schild über dem Portal und fragte: »Kennen Sie das?« Und als Knecht verneinte, sagte er: »Dies hier ist das Wappen der Designori, und es ist unser altes Stammhaus, dreihundert Jahre hat es der Familie gehört. Wir aber sitzen in unsrem gleichgültigen Allerweltshause, bloß weil mein Vater nach des Großvaters Tode die Laune gehabt hat, dies schöne ehrwürdige Stammhaus zu verkaufen und sich ein Modehaus zu bauen, das übriges schon jetzt nicht mehr so recht modern ist. Können Sie so etwas begreifen?«

»Es tut Ihnen sehr leid um das alte Haus?« fragte Knecht freundlich, und als Tito leidenschaftlich bejahte und seine Frage wiederholte: »Können Sie so etwas begreifen?« sagte er: »Man kann alles begreifen, wenn man es ins Licht rückt. Ein altes Haus ist eine schöne Sache, und wenn das neue daneben gestanden wäre und er die Wahl gehabt hätte, so hätte er doch wohl das alte behalten. Ja, alte Häuser sind schön und ehrwürdig, zumal ein so schönes wie dieses hier. Aber ein Haus selber zu bauen, ist ebenfalls etwas Schönes, und wenn ein strebsamer und ehrgeiziger junger Mann die Wahl hat, ob er sich bequem und ergeben in ein fertiges Nest setzen oder sich ein ganz neues bauen wolle, dann kann man ganz wohl verstehen, daß seine Wahl auch auf das Bauen fallen kann. So wie ich Ihren Vater kenne, und ich habe ihn gekannt, als er noch in Ihrem Alter und ein leidenschaftlicher Draufgänger war, hat übrigens der Verkauf und Verlust des Hauses keinem so weh getan wie ihm selber. Er hatte einen schweren Konflikt mit seinem Vater und seiner Familie, und wie es scheint, war seine Erziehung bei uns in Kastalien nicht ganz die richtige für ihn, wenigstens konnte sie ihn nicht vor einigen leidenschaftlichen Voreiligkeiten behüten. Eine von ihnen ist wohl der Verkauf des Hauses gewesen. Er hat damit der Tradition der Familie, dem Vater, der ganzen Vergangenheit und Abhängigkeit ins Gesicht schlagen und Krieg ansagen wollen, wenigstens schiene mir das ganz begreiflich. Aber der Mensch ist wunderlich, und so würde mir auch ein andrer Gedanke gar nicht ganz unwahrscheinlich vorkommen, der Gedanke, daß der Verkäufer des alten Hauses mit diesem Verkaufe gar nicht nur der Familie, sondern vor allem sich selber weh tun wollte. Die Familie hatte ihn enttäuscht, sie hatte ihn in unsre Eliteschulen geschickt, ihn dort auf unsre Art erziehen lassen und ihn dann bei seiner Rückkehr mit Aufgaben, Forderungen und Ansprüchen empfangen, denen er nicht gewachsen sein konnte. Aber weiter möchte ich mit der psychologischen Deutung nicht gehen. Jedenfalls zeigt die Geschichte mit diesem Hausverkauf, eine wie starke Macht der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen ist, dieser Haß, diese in Haß umgeschlagene Liebe. Bei lebhaften und begabten Naturen bleibt dieser Konflikt selten aus, die Weltgeschichte ist voll von Beispielen. Übrigens könnte ich mir ganz wohl einen späteren jungen Designori denken, der es sich zur Lebensaufgabe setzen würde, das Haus um jeden Preis zurück in den Besitz der Familie zu bringen.«

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