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Es möge nun also die weltpolitische Konstellation wirklich so sein, wie Euer Rundschreiben sie andeutet, oder nicht, in jedem Falle stehe es dem Orden nicht zu, anders als abwartend und duldend dazu Stellung zu nehmen. Und so wurde, gegen einige Stimmen, Eure Meinung, wir sollten diese Konstellation als einen Aufruf zu aktiver Stellungnahme betrachten, von der Majorität entschieden abgelehnt. Was Eure Auffassung der heutigen Weltlage und Eure Andeutungen über die nächste Zukunft betrifft, so haben sie zwar sichtlich auf die Mehrzahl der Kollegen einen gewissen Eindruck gemacht, auf einige der Herren sogar wie eine Sensation gewirkt, doch konnte auch in diesem Punkte, so sehr die meisten Redner ihren Respekt vor Euren Kenntnissen und Eurem Scharfsinn bezeugten, eine Übereinstimmung der Mehrheit mit Euch nicht festgestellt werden, im Gegenteil. Es herrschte vielmehr die Neigung vor, Eure Äußerungen hierüber zwar als bemerkenswert und in hohem Maße interessant, jedoch als übertrieben pessimistisch zu beurteilen. Es meldete sich auch eine Stimme, welche fragte, ob es denn nicht gefährlich, ja frevelhaft, zumindest aber als leichtsinnig zu bezeichnen sei, wenn ein Magister es unternimmt, seine Behörde durch so düstere Bilder angeblich nahender Gefahren und Prüfungen zu erschrecken. Gewiß sei eine gelegentliche Mahnung an die Vergänglichkeit aller Dinge erlaubt, und müsse jedermann, und gar jeder auf hohem und verantwortlichen Posten Stehende, sich je und je das Memento mori zurufen; so verallgemeinernd jedoch und nihilistisch dem gesamten Stande der Magister, dem gesamten Orden, der gesamten Hierarchie ein angeblich nahe bevorstehendes Ende zu verkündigen, sei nicht nur eine unwürdige Attacke auf die Seelenruhe und Phantasie der Kollegen, es sei auch eine Gefährdung der Behörde selbst und ihrer Leistungsfähigkeit. Unmöglich könne die Tätigkeit eines Magisters dadurch gewinnen, daß er jeden Morgen an seine Arbeit gehe mit dem Gedanken, daß sein Amt, seine Arbeit, seine Schüler, seine Verantwortlichkeit vor dem Orden, sein Leben für und in Kastalien – daß dies alles morgen oder übermorgen dahin und nichtig sein werde. Wenn auch diese Stimme nicht von der Mehrheit bekräftigt wurde, so fand sie doch einigen Beifall.

Wir halten unsre Mitteilung kurz, stehen aber für mündliche Aussprache zur Verfügung. Aus unsrer knappen Wiedergabe sehet Ihr ja schon, Verehrenswerter, daß Euer Rundschreiben nicht jene Wirkung getan hat, welche Ihr Euch von ihm möget versprochen haben. Zum größern Teil beruht der Mißerfolg wohl auf sachlichen Gründen, auf tatsächlichen Differenzen zwischen Euren derzeitigen Ansichten und Wünschen und denen der Mehrheit. Doch sprechen auch formale Gründe mit. Wenigstens will uns scheinen, es wäre eine direkte mündliche Auseinandersetzung zwischen Euch und den Kollegen wesentlich harmonischer und positiver verlaufen. Und nicht nur diese Form einer schriftlichen Rundfrage ist, so glauben wir, Eurem Anliegen hinderlich gewesen; noch viel mehr war es die in unsrem Verkehr sonst nicht übliche Verbindung einer kollegialen Mitteilung mit einem persönlichen Anliegen, einem Gesuch. Die meisten sehen in dieser Verquickung einen unglücklichen Neuerungsversuch, einige bezeichneten sie direkt als unstatthaft.

Damit kommen wir zum heikelsten Punkt Eurer Angelegenheit, zu Eurem Gesuch um Amtsentlassung und um Verwendung Eurer Person im weltlichen Schuldienst. Daß die Behörde auf ein so abrupt gestelltes und so eigenartig begründetes Gesuch nicht eingehen, daß sie es unmöglich gutheißen und annehmen kann, hätte der Gesuchsteller von vornherein wissen müssen. Selbstverständlich beantwortet die Behörde es mit Nein.

Was würde aus unsrer Hierarchie, wenn es nicht mehr der Orden und der Auftrag der Behörde wäre, der jeden an seinen Platz stellt! Was würde aus Kastalien, wenn jeder seine Person, seine Gaben und Eignungen selber einschätzen und sich seinen Posten danach aussuchen wollte! Wir empfehlen dem Glasperlenspielmeister, hierüber einige Augenblicke nachzudenken, und tragen ihm auf, das ehrenvolle Amt weiter zu verwalten, mit dessen Führung wir ihn betraut haben.

Damit wäre Eure Bitte um Antwort auf Euer Schreiben erfüllt. Wir konnten nicht die Antwort geben, die Ihr möget erhofft haben. Doch möchten wir auch unsre Anerkennung für den anregenden und mahnenden Wert Eures Dokumentes nicht verschweigen. Wir rechnen darauf, uns über dessen Inhalt noch mündlich mit Euch zu unterhalten, und zwar bald, denn wenn auch die Ordensleitung sich auf Euch verlassen zu können glaubt, ist ihr dennoch jener Punkt Eures Schriftstückes, an dem Ihr von einer Verminderung oder Gefährdung Eurer Eignung zur ferneren Amtsführung sprechet, ein Grund zur Besorgnis.

Knecht las das Schreiben ohne besondere Erwartungen, aber mit größter Aufmerksamkeit. Daß man bei der Behörde »Grund zur Besorgnis« habe, hatte er sich wohl denken können, und außerdem glaubte er es aus einem bestimmten Anzeichen schließen zu müssen. Es war neulich im Spielerdorf ein Gast aus Hirsland erschienen mit regulärem Ausweis und einer Empfehlung von der Ordensleitung, er hatte um Gastrecht für einige Tage gebeten, angeblich zu Arbeiten in Archiv und Bibliothek, hatte auch darum ersucht, gastweise einige Vorlesungen Knechts mithören zu dürfen, war still und aufmerksam, ein schon älterer Mann, in fast allen Abteilungen und Räumen der Siedlung aufgetaucht, hatte sich nach Tegularius erkundigt und mehrmals den in der Nähe wohnenden Direktor der Waldzeller Eliteschule aufgesucht; es konnte kaum ein Zweifel herrschen, der Mann war ein Beobachter, abgesandt, um festzustellen, wie es im Spielerdorf stehe, ob Vernachlässigung zu spüren sei, ob der Magister gesund und auf dem Posten, die Beamtenschaft fleißig, die Schülerschaft nicht etwa beunruhigt sei. Eine volle Woche war er dageblieben, von Knechts Vorlesungen hatte er keine versäumt, sein Beobachten und seine stille Allgegenwärtigkeit war zweien der Beamten aufgefallen. Den Bericht dieses Spähers hatte also die Ordensleitung noch abgewartet, ehe sie ihre Antwort an den Magister gesandt hatte.

Was war nun von dem Antwortschreiben zu halten, und wer mochte sein Verfasser sein? Der Stil verriet ihn nicht, es war der gangbare, unpersönliche Behördenstil, wie der Anlaß ihn forderte. Bei zarterem Abtasten ergab jedoch das Schreiben mehr an Eigenart und Persönlichkeit, als man beim ersten Lesen vermutet hätte. Die Grundlage des ganzen Dokumentes war hierarchischer Ordensgeist, Gerechtigkeit und Ordnungsliebe. Man konnte deutlich sehen, wie unwillkommen, unbequem, ja lästig und ärgerniserweckend Knechts Gesuch gewirkt hatte, seine Ablehnung war sicher vom Verfasser dieser Antwort schon bei der ersten Kenntnisnahme und unbeeinflußt von den Urteilen anderer beschlossen worden. Dagegen stand dem Unwillen und der Abwehr doch eine andre Bewegung und Stimmung entgegen, eine spürbare Sympathie, ein Betonen aller milden und freundschaftlichen Urteile und Äußerungen, die in der Sitzung über Knechts Gesuch gefallen waren. Knecht zweifelte nicht daran, daß Alexander, der Vorstand der Ordensleitung, der Verfasser der Antwort sei.

Wir haben hier das Ende unseres Weges erreicht und hoffen, alles Wesentliche von Josef Knechts Lebenslauf berichtet zu haben. Über das Ende dieses Lebenslaufes wird ein späterer Biograph ohne Zweifel noch manche Einzelheit feststellen und mitteilen können.

Wir verzichten darauf, eine eigene Darstellung von des Magisters letzten Tagen zu geben, wir wissen über sie nicht mehr als jeder Waldzeller Student und könnten es auch nicht besser machen als die »Legende vom Glasperlenspielmeister,« welche bei uns in vielen Abschriften zirkuliert und vermutlich ein paar bevorzugte Schüler des Dahingegangenen zu Verfassern hat. Diese Legende möge unser Buch beschließen.

Die Legende

Wenn wir die Unterhaltungen der Kameraden über das Verschwinden unseres Meisters, über dessen Ursachen, über Recht und Unrecht seiner Entschlüsse und Schritte, über Sinn oder Widersinn seines Schicksals anhören, so muten sie uns an wie die Erörterungen des Diodorus Siculus über die mutmaßlichen Ursachen der Überschwemmungen des Nils, und es schiene uns nicht nur unnütz, sondern unrecht, diese Erörterungen noch um neue zu vermehren. Statt dessen wollen wir in unserem Herzen das Andenken des Meisters pflegen, der so bald nach seinem geheimnisvollen Aufbruche in die Welt in ein noch fremderes und geheimnisvolleres Jenseits hinübergegangen ist. Seinem uns teuren Andenken zu dienen, wollen wir aufzeichnen, was uns über diese Ereignisse zu Ohren gekommen ist.

Nachdem der Meister den Brief gelesen hatte, in welchem die Behörde sein Gesuch abschlägig beschied, spürte er ein leises Schaudern, ein Morgengefühl von Kühle und Nüchternheit, das ihm anzeigte, die Stunde sei gekommen, und es gebe nun kein Zögern und Verweilen mehr. Dies eigene Gefühl, das er »Erwachen« nannte, war ihm von den entscheidenden Augenblicken seines Lebens her bekannt, es war ein belebendes und zugleich schmerzliches, eine Mischung von Abschied und Aufbruch, tief im Unbewußten rüttelnd wie Frühlingssturm. Er sah nach der Uhr, in einer Stunde hatte er eine Kurslektion zu halten. Er beschloß, diese Stunde der Einkehr zu widmen, und begab sich in den stillen Magistergarten. Auf dem Wege dahin begleitete ihn eine Verszeile, die ihm plötzlich eingefallen war:

Denn jedem Anfang ist ein Zauber eigen …

die sagte er vor sich hin, nicht wissend, bei welchem Dichter er sie einst gelesen habe, aber der Vers sprach ihn an und gefiel ihm und schien dem Erlebnis der Stunde ganz zu entsprechen. Im Garten setzte er sich auf eine mit ersten welken Blättern bestreute Bank, regelte die Atmung und kämpfte um die innere Stille, bis er geklärten Herzens in Betrachtung versank, in der die Konstellation dieser Lebensstunde sich in allgemeinen, überpersönlichen Bildern ordnete. Auf dem Rückwege zum kleinen Hörsaal aber meldete sich schon wieder jener Vers, er mußte ihm wieder nachsinnen und fand, er müsse etwas anders lauten. Bis plötzlich sein Gedächtnis sich erhellte und ihm zu Hilfe kam. Leise sprach er vor sich hin:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Aber erst gegen Abend, als längst die Kursstunde gehalten und allerlei andere Tagesarbeit getan war, entdeckte er die Herkunft jener Verse. Sie standen nicht bei irgendeinem alten Dichter, sie standen in einem seiner eigenen Gedichte, die er einst als Schüler und Student geschrieben hatte, und das Gedicht endete mit der Zeile:

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