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Traurig und forschend blickte Alexander ihm in die Augen und unterdrückte einen Seufzer. »Lasset mich jetzt allein, Hochgeschätzter, Ihr habt mir für einen Tag Sorgen genug und Stoff genug zum Nachdenken gebracht. Es mag für heute genug sein. Morgen sprechen wir weiter, kommet etwa eine Stunde vor Mittag wieder hierher.«

Er verabschiedete den Magister mit einer höflichen Gebärde, und diese Gebärde voll Resignation und voll einer gewollten, nicht mehr einem Kollegen, sondern schon einem ganz Fremden geltenden Höflichkeit tat dem Glasperlenspielmeister weher als alle seine Worte.

Der Famulus, der eine Weile später Knecht zur Abendmahlzeit abholte, führte ihn an einen Gästetisch und meldete, Meister Alexander habe sich zu einer längeren Übung zurückgezogen und nehme an, daß auch der Herr Magister heute keine Geselligkeit wünsche, ein Gastzimmer stehe für ihn bereit.

Alexander war durch den Besuch und die Mitteilung des Glasperlenspielmeisters vollkommen überrascht worden. Wohl hatte er, seit er die Antwort der Behörde auf dessen Schreiben redigiert hatte, mit seinem gelegentlichen Erscheinen gerechnet und hatte an die bevorstehende Aussprache mit einer leisen Beunruhigung gedacht. Daß aber der Magister Knecht mit seinem vorbildlichen Gehorsam, seinen guten, gepflegten Formen, seiner Bescheidenheit und seinem Herzenstakt eines Tages unangemeldet bei ihm vorsprechen, sein Amt eigenmächtig und ohne vorherige Beratung mit der Behörde niederlegen und in dieser bestürzenden Weise allem Brauch und Herkommen ins Gesicht schlagen könnte, das hätte er für vollkommen unmöglich gehalten. Zwar, das war zuzugeben, waren Knechts Auftreten, Ton und Ausdrücke seiner Rede, seine unaufdringliche Höflichkeit dieselben wie immer, aber wie schrecklich und kränkend, wie neu und überraschend, oh, und wie vollkommen unkastalisch waren Inhalt und Geist seiner Mitteilungen gewesen! Niemand hätte den Magister Ludi, wenn er ihn sah und hörte, im Verdacht haben können, er sei etwa krank, überarbeitet, gereizt und nicht völlig Herr seiner selbst; es hatten ja auch die genauen Beobachtungen, welche die Behörde noch jüngst in Waldzell hatte anstellen lassen, nicht das mindeste Zeichen von Störung, Unordnung oder Schlendrian im Leben und Arbeiten des Spielerdorfes ergeben. Und dennoch stand nun hier dieser schreckliche Mann, bis gestern ihm unter seinen Kollegen der liebste, stellte den Kasten mit seinen Amtsinsignien ab wie eine Reisetasche, erklärte, er habe aufgehört, Magister, habe aufgehört, Mitglied der Behörde, aufgehört, Ordensbruder und Kastalier zu sein und sei nur eben noch schnell gekommen, um Abschied zu nehmen. Es war die erschreckendste, schwierigste und häßlichste Lage, in welche sein Amt als Vorstand der Ordensleitung ihn jemals gebracht hatte; er hatte große Mühe gehabt, dabei die Fassung zu bewahren.

Und was nun? Sollte er zu Gewaltmitteln greifen, etwa den Magister Ludi in Ehrenhaft setzen lassen und sofort, gleich jetzt noch am Abend, Eilbotschaft an alle Mitglieder der Behörde senden und sie zusammenberufen? Sprach etwas dagegen, war es nicht das Nächstliegende und Richtigste? Und doch sprach in ihm etwas dagegen. Und was eigentlich war denn mit solchen Maßregeln zu erreichen? Für den Magister Knecht nichts als Demütigung, für Kastalien nichts, nur höchstens für ihn selbst, den Vorstand, eine gewisse Entlastung und Gewissenserleichterung, indem er dem Widerlichen und Schwierigen nicht mehr als allein Verantwortlicher gegenüberstand. War in der fatalen Sache überhaupt noch etwas gutzumachen, war etwa noch ein Appell an Knechts Ehrgefühl möglich und eine Sinnesänderung bei ihm vielleicht denkbar, so konnte das nur unter vier Augen erreicht werden. Sie beide, Knecht und Alexander, hatten diesen bitteren Kampf auszufechten, niemand sonst. Und indem er dies dachte, mußte er Knecht zugestehen, daß er im Grunde richtig und edel handle, indem er sich der Behörde, die er nicht mehr anerkannte, entzog, sich aber ihm, dem Vorstand, zum Endkampf und Abschied stellte. Dieser Josef Knecht, auch wenn er das Verbotene und Verhaßte tat, war doch auch dann noch seiner Haltung und seines Taktes sicher.

Meister Alexander beschloß, dieser Erwägung zu vertrauen und den ganzen Amtsapparat aus dem Spiele zu lassen. Jetzt erst, da dieser Entschluß gefunden war, begann er der Sache im einzelnen nachzudenken und sich vor allem zu fragen, wie es nun eigentlich mit Recht oder Unrecht im Handeln des Magisters stehe, welcher ja durchaus den Eindruck machte, von seiner Integrität und der Berechtigung seines unerhörten Schrittes überzeugt zu sein. Indem er nun das gewagte Vorhaben des Glasperlenspielmeisters auf eine Formel zu bringen und an den Gesetzen des Ordens nachzuprüfen begann, welche niemand intimer kannte als er, kam er zu dem ihn überraschenden Schluß, daß in der Tat Josef Knecht die Regeln dem Wortlaut nach nicht gebrochen oder zu brechen im Sinn habe, da es nach dem, freilich auf seine Haltbarkeit seit Jahrzehnten nicht nachgeprüften Wortlaut jedem Ordensangehörigen zu jeder Zeit freistand, seinen Austritt zu nehmen, wofern er gleichzeitig auf die Rechte und die Lebensgemeinschaft Kastaliens verzichtete. Wenn Knecht seine Siegel zurückgab, dem Orden seinen Austritt meldete und sich in die Welt hinüber begab, so beging er damit zwar etwas seit Menschengedenken nicht Erhörtes, etwas Ungewohntes, Erschreckendes und vielleicht sehr Ungehöriges, nicht aber einen Verstoß gegen den Wortlaut der Ordensregeln. Daß er diesen unbegreiflichen, aber formal keineswegs gesetzwidrigen Schritt nicht hinter dem Rücken des Vorstandes der Ordensleitung, sondern Aug in Auge mit ihm tun wollte, war mehr, als wozu er dem Buchstaben nach verpflichtet war. – Aber wie war der verehrte Mann, eine der Säulen der Hierarchie, dahin gekommen? Wie konnte er für sein Vorhaben, das trotz allem Fahnenflucht war, die geschriebene Regel in Anspruch nehmen, da doch hundert ungeschriebene, doch nicht minder heilige und selbstverständliche Bindungen es ihm verbieten mußten?

Er hörte eine Uhr schlagen, riß sich aus den nutzlosen Gedanken, ging baden, gab sich zehn Minuten lang sorgfältigen Atemübungen hin und suchte seine Meditationsklause auf, um vor dem Schlafen noch eine Stunde Kraft und Ruhe in sich zu speichern und dann bis morgen an diese Angelegenheit nicht mehr zu denken.

Andern Tages führte ein junger Famulus vom Gästehaus der Ordensleitung den Magister Knecht zum Vorstand und war Zeuge, wie die beiden sich begrüßten. Ihm, der doch an den Anblick von Meistern der Meditation und Selbstzucht und an das Leben unter ihnen gewohnt war, fiel dennoch im Aussehen, im Gehaben und in der Begrüßung der beiden Ehrwürdigen etwas Besonderes, ihm Neues auf, ein ungewohnter, höchster Grad von Sammlung und Geklärtheit. Es war, so erzählte er uns, nicht ganz die übliche Begrüßung zwischen zwei höchsten Würdenträgern, welche je nachdem ein heiter und leichthin abgespieltes Zeremoniell oder ein feierlich-freudiger Festakt, gelegentlich auch ein gewisser Wettstreit an Höflichkeit, Unterordnung und betonter Demut sein konnte. Es war etwa so, als werde hier ein Fremder, ein von weither zugereister großer Yogameister empfangen, der gekommen wäre, dem Ordensvorstand Ehrerbietung zu erweisen und sich mit ihm zu messen. Worte und Gebärden seien sehr bescheiden und sparsam gewesen, Blicke und Gesichter der beiden Würdenträger aber seien von einer Stille, Gefaßtheit und Sammlung, dabei von einer heimlichen Gespanntheit erfüllt gewesen, als wären sie beide wie durchleuchtet oder mit einem elektrischen Strome geladen. Mehr bekam unser Gewährsmann von der Zusammenkunft nicht zu sehen und zu hören. Die beiden verschwanden ins Innere der Räume, vermutlich in Meister Alexanders Privatkabinett, und blieben dort mehrere Stunden beisammen, ohne daß jemand sie stören durfte. Was von ihren Gesprächen überliefert ist, stammt aus gelegentlichen Erzählungen des Herrn Delegierten Designori, welchem Josef Knecht dies und jenes davon berichtet hat.

»Ihr habt mich gestern überrascht,« fing der Vorstand an, »und beinahe aus der Fassung gebracht. Inzwischen habe ich etwas darüber nachdenken können. Mein Standpunkt hat sich natürlich nicht geändert, ich bin Mitglied der Behörde und der Ordensleitung. Das Recht, Euren Austritt anzumelden und Euer Amt niederzulegen, steht Euch nach dem Buchstaben der Regel zu. Ihr seid dahin gelangt, Euer Amt als lästig und einen Versuch mit dem Leben außerhalb des Ordens als notwendig zu empfinden. Wenn ich Euch nun vorschlüge, diesen Versuch zwar zu wagen, nicht zwar im Sinn Eurer heftigen Entschlüsse, aber etwa in Form eines längeren oder sogar unbefristeten Urlaubs? Ähnliches bezweckte ja eigentlich Euer Gesuch.«

»Nicht ganz,« sagte Knecht. »Wäre mein Gesuch bewilligt worden, so wäre ich zwar im Orden geblieben, nicht aber im Amt. Was Ihr so freundlich vorschlaget, wäre ein Ausweichen. Übrigens wäre auch Waldzell und dem Glasperlenspiel wenig durch einen Magister gedient, der auf lange, auf unbestimmte Zeit in Urlaub abwesend ist und von dem man nicht weiß, ob er zurückkommen wird oder nicht. Und käme er sogar nach einem Jahr, nach zwei Jahren zurück, so hätte er, was sein Amt und seine Disziplin, das Glasperlenspiel, betrifft, ja nur verlernt und nichts hinzugelernt.«

Alexander: »Vielleicht hätte er doch allerlei gelernt. Vielleicht hätte er erfahren, daß die Welt draußen anders ist, als er sie sich dachte, und er ihrer so wenig bedarf wie sie seiner, er käme beruhigt zurück und wäre froh, wieder im Alten und Bewährten zu weilen.«

»Eure Güte geht sehr weit. Ich bin ihr dankbar und kann sie doch nicht annehmen. Was ich suche, ist nicht so sehr Stillung einer Neugierde oder einer Lüsternheit auf das Weltleben als vielmehr Unbedingtheit. Ich wünsche nicht in die Welt hinauszugehen mit einer Rückversicherung für den Fall einer Enttäuschung in der Tasche, ein vorsichtiger Reisender, der sich ein wenig in der Welt umsieht. Ich begehre im Gegenteil Wagnis, Erschwerung und Gefahr, ich bin hungrig nach Wirklichkeit, nach Aufgaben und Taten, auch nach Entbehrungen und Leiden. Darf ich Euch bitten, nicht auf Eurem gütigen Vorschlag zu beharren, und überhaupt nicht auf dem Versuch, mich wankend zu machen und zurückzulocken? Es würde zu nichts führen. Mein Besuch bei Euch würde für mich seinen Wert und seine Weihe verlieren, wenn er mir die nachträgliche, jetzt von mir nicht mehr begehrte Bewilligung meines Gesuches einbrächte. Ich bin seit jenem Gesuch nicht stehengeblieben; der Weg, den ich angetreten habe, ist jetzt mein ein und alles, mein Gesetz, meine Heimat, mein Dienst.«

Seufzend nickte Alexander Gewährung. »Nehmen wir also einmal an,« sagte er geduldig, »Ihr seiet in der Tat nicht zu erweichen und umzustimmen, Ihr seiet, allem äußern Anschein zum Trotz, ein tauber, keiner Autorität, keiner Vernunft, keiner Güte Gehör schenkender Amokläufer oder Berserker, dem man nicht in den Weg treten darf. Ich will denn vorläufig darauf verzichten, Euch umstimmen und beeinflussen zu wollen. Aber dann saget mir jetzt das, was zu sagen Ihr hierher gekommen seid, erzählet mir die Geschichte Eures Abfalls, erkläret mir die Taten und Entschlüsse, mit denen Ihr uns erschrecket! Sei es Beichte, sei es Rechtfertigung, sei es Anklage, ich will es anhören.«

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