ЛитМир - Электронная Библиотека
A
A

8

Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken hinweggeflogen waren.

Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge – all diese leidigen, schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes Hand zu geben.

Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge, sich immer mit seinem schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden.

»Das ist sehr einfach«, lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg aufs neue losgeht.«

Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude hatte, führte ich ihn häufig in den Zoologischen Garten. Dort hatten wir ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier, und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns, und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere, namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison, zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich, was er von uns erhielt, und zog sich, wenn er sah, daß nichts mehr für ihn abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von Stolz und Charakter, und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte, noch dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme. Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen Sie gütigst, Herr Einnehmer«, rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte, wir hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter ging's zum Elefanten, der schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen, beweglichen Rüssel entgegenstreckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu ihm herüberbog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm, und uns aus den fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte.

Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im Garten stehenlassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte, bei ihm zu bleiben, so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders imponierte es ihm, zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte. Sobald sie sich niederlegte, um zu ruhen, gab er seinem rastlosen Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch störte, noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben, während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung des Kopfes und der Arme Mühe aufwenden mußte.

Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße Wolke, einmal zu sehen, und bat mich, gewiß daran zu denken, falls wir ihr einmal auf der Straße begegneten.

Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen. Sie war gütig und tat mir den Willen, und am bestimmten Tage ließ sie sich von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näherstand. Die Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite Kluft voneinander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen. Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth, rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelben Handschuhe und grünen Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien, zugesehen zu haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab.

Inzwischen hatte Boppi den »Grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammachern gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch etwas von Conrad Ferdinand Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen. Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften Wasserphantasien hingegeben hätte.

Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hineingerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es nun für immer dabei.

Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun wieder abendelang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch, unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebensosehr mein Verhältnis zu Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi anderwärts untergebracht werde.

Mehrmals versuchte ich, ihn versöhnlicher zu stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken liebgewinnen. Mir war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse–schon in der Züricher Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft –, wartete ich wochenlang zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft der einen oder vielleicht beider zu verlieren.

Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe, aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nadi einer starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu.

Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung. Ich kam mir vor, als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu zweien beginnen sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglücklichen Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten, erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich das Aus- und Ankleiden; aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen.

25
{"b":"89491","o":1}