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Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und ruppigen Wesen nicht übel zusammen, und da wir im Grunde beide einander hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen sie zu verteidigen – gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war.

In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut, die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi mir nahestand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges, ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen.

Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu freuen.

Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unserer Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte, wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei Dutzend Menschen kennengelernt und war nie im großen Strome mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er war gewohnt, auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden.

Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über die Tiere des Zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten, erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor. Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien, Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der Wildschweine.

»Wie geht's Ihnen denn, Herr Marder?«

»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen ward, verlor ich meine liebe Gattin, Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine – «

»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch verderben.«

»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie mich besser verstehen.«

»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte – Sie haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich habe da so einen kleinen Plan.«

»Wegen der Sperlinge?«

»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: wir legen etwas Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen Sie?«

»Vortrefflich, Herr Nachbar.«

»Also haben Sie die Güte, etwas Brot hinzulegen. – So, schön! Aber vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es uns beiden zugut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel. So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die Augen – pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.)

»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?«

»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!«

»Ja, wo ist denn das Brot hingekommen?«

»Pardon?«

»Das Brot ist ja gar nimmer da.«

»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig – verschwunden! Da soll doch das Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.«

»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was essen.«

»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?«

»Das Brot vermutlich.«

»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? – Nun soll ich das Brot gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine gute Idee, wir legen das Brot hinaus –«

»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.«

»– wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen – die Spatzen natürlich auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot gefressen haben! Na, Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.«

Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl sein ließen.

Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat. Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch heraus.

»Es ist ja nicht so schlimm«, sagte er schüchtern. »Nur bei manchen Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.«

Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen!

Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag, unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte. Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter.

Gicht, Herzschwäche, ernster Fall – ich hörte zu und schrieb mir auch alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte, als der Arzt die Überführung ins Spital gebot.

Nachmittags kam der Krankenwagen, und als ich vom Spital zurückkam, war mir in der Wohnung schrecklich zumut, wo der Pudel sich an mich drängte und der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene Kammer war.

So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage, die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen, wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte wie in jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!

Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und langsam, langsam sterben und litt an jedem Tage mit und hatte meinen Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.

Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß, und man sah sein verwelkendes Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen.

»Kann ich dir etwas tun, Boppi?«

»Erzähl mir was. Vielleicht vom Tapir.«

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