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»Welchen Rest? Wieso?«

Der Kellner machte eine Handbewegung über die drei Etagen.»Das ist doch alles für Sie bestellt!«

Kern sah ihn erstaunt an.»Alles für uns? Wo ist denn… kommt der Herr denn nicht…«

»Der ist längst weggegangen. Alles schon erledigt. Also…«

»Halt«, sagte Kern eilig,»halt um Himmels willen! Ruth, noch eine Cremeschnitte? Ein Schweinsohr? Oder ein Stück Streuselkuchen?«

Er packte ihr den Teller voll und nahm sich selbst auch noch ein paar Stücke.»So«, sagte er dann aufatmend,»den Rest packen Sie bitte in zwei Pakete. Eins bekommst du mit, Ruth. Wie herrlich, einmal für dich sorgen zu können!«

»Der Champagner ist schon kalt gestellt«, erwiderte der Kellner und ergriff das silberne Meisterwerk.

»Champagner! Ein guter Witz!«Kern lachte.

»Kein Witz.«Der Kellner zeigte zur Tür. Dort erschien der Wirt persönlich und trug einen mit Eis gefüllten Kübel vor sich her, aus dem der Hals einer Champagnerflasche ragte.

»Nichts für ungut«, grinste er süßlich.»War natürlich nur ein Scherz, vorhin…«

Kern lehnte sich mit aufgerissenen Augen zurück.

Der Kellner nickte.»Alles schon bezahlt.«

»Ich träume«, sagte Kern und strich sich über die Augen.»Hast du jemals Champagner getrunken, Ruth?«

»Nein. Das habe ich bis jetzt nur im Film gesehen.«

Kern faßte sich mühsam.»Herr Wirt«, sagte er mit Würde,»Sie sehen, welch vorteilhaften Tausch ich Ihnen vorgeschlagen habe. Eine Flasche des weltberühmten Kern-Farr gegen zwei lächerliche Käsekuchen! Hier sehen Sie, was Kenner dafür geben!«

»Man kann nicht alles wissen«, erklärte der Wirt.»Ich verstehe mehr von Getränken.«

»Ruth«, sagte Kern,»von heute an glaube ich an Wunder. Wenn jetzt hier durchs Fenster eine weiße Taube hereinflöge, im Schnabel zwei gültige Pässe für uns auf fünf Jahre oder eine unbegrenzte Arbeitserlaubnis – es würde mich nicht erstaunen!«

Sie tranken die Flasche leer. Es wäre ihnen als Sünde erschienen, wenn sie einen Tropfen dringelassen hätten. Es schmeckte ihnen nicht einmal so besonders; aber sie tranken und wurden immer heiterer und waren zum Schluß beide ein wenig betrunken.

Sie brachen auf. Kern nahm die Kuchenpakete und wollte die Koteletts bezahlen. Aber der Kellner wehrte ab.»Alles schon erledigt…«

»Ruth«, sagte Kern mit etwas stockender Stimme,»das Leben überwältigt uns. Noch ein solcher Tag, und ich werde zum Romantiker.«

Der Wirt hielt sie auf.»Haben Sie noch was von dem Parfüm? Ich dachte, für meine Frau…«

Kern wurde wieder wach.»Zufällig habe ich noch eine da. Die letzte.«Er zog die zweite Flasche aus der Tasche.»Aber nicht mehr wie vorhin, mein Lieber. Die Gelegenheit haben Sie verpaßt! Zwanzig Kronen!«Er hielt den Atem an.»Weil Sie es sind!«

Der Wirt rechnete blitzschnell. Dreißig Kronen hatte er dem Rittmeister bei dem Champagner und dem Kuchen zuviel gerechnet. Blieben also noch zehn Kronen Überverdienst.»Fünfzehn«, bot er.

»Zwanzig.«Kern machte Miene, die Flasche wieder einzustekken.

»Also gut.«Der Wirt holte einen zerknitterten Schein aus der Tasche. Er beschloß, seiner Geliebten, der strammen Barbara, zu sagen, die Flasche hätte fünfzig gekostet. Er konnte so einen Hut für sie sparen, den sie seit Wochen verlangte, und der achtundvierzig Kronen kosten sollte. Ein doppeltes Geschäft.

Kern und Ruth gingen zum Hotel. Sie holten Ruths Koffer und gingen dann zum Bahnhof.

Ruth war still geworden.»Sei nicht traurig«, sagte Kern.»Ich komme bald nach. In einer Woche spätestens muß ich hier hinaus. Ich kenne das. Dann komme ich nach Wien. Willst du, daß ich nach Wien komme?«

»Ja, komm! Aber nur, wenn es richtig für dich ist.«

»Warum sagst du nicht einfach: ›Ja, komm‹?«

Sie sah ihn etwas schuldbewußt an.»Ist das andere nicht mehr?«

»Ich weiß nicht. Es klingt vorsichtiger.«

»Ja«, erwiderte sie, plötzlich traurig,»vorsichtiger, das ist es.«

»Sei doch nicht traurig«, sagte Kern.»Vorhin warst du noch so froh!«

Sie blickte hilflos zu ihm auf.»Hör nicht auf mich«, murmelte sie.»Manchmal bin ich ganz durcheinander. Vielleicht ist es der Wein. Denk, es wäre der Wein. Komm, wir haben noch ein paar Minuten Zeit.«

Sie setzten sich auf eine Bank in den Anlagen. Kern legte den Arm um ihre Schultern.»Sei doch froh, Ruth. Das andere nützt ja nichts. Das klingt dumm, aber für uns ist es nicht dumm. Wir haben unser bißchen Fröhlichkeit bitter nötig. Gerade wir.«

Sie starrte vor sich hin.»Ich möchte ja froh sein, Ludwig. Aber ich bin so schwer. Ich möchte so gern leicht sein. Ich möchte alles gut machen. Aber es ist immer ungeschickt und schwer.«Sie stieß die Worte zornig hervor, und Kern sah plötzlich, daß ihr Gesicht überströmt war von Tränen. Sie weinte ohne Laut, zornig und hilflos.»Ich weiß nicht, weshalb ich weine«, sagte sie,»ich habe doch gerade jetzt so wenig Grund. Aber vielleicht weine ich deshalb. Sieh nicht hin… sieh mich nicht an…«

»Doch«, erwiderte Kern. – Sie beugte ihr Gesicht vor und legte ihm ihre Hände auf die Schulter. Er zog sie an sich, und sie küßte ihn – blind, mit geschlossenen Augen und hartem, geschlossenem Mund, wild und zornig, als stieße sie ihn weg.

»Ach…«Sie wurde ruhiger.»Was weißt du…«Ihr Kopf fiel an seine Schulter, ihre Augen blieben geschlossen,»was weißt du…«Ihr Mund öffnete sich, und ihre Lippen wurden weich wie eine Frucht.

SIE GINGEN WEITER. Am Bahnhof verschwand Kern und kaufte einen Strauß Rosen. Er segnete dabei den Mann mit dem Monokel und den Wirt des»Schwarzen Ferkels«.

Ruth war völlig verwirrt, als er mit den Blumen ankam. Sie errötete, und aller Kummer wich aus ihrem Gesicht.»Blumen«, sagte sie,»Rosen! Ich reise ab wie ein Filmstar.«

»Du reist ab wie die Frau eines äußerst erfolgreichen Geschäftsmannes«, erklärte Kern stolz.

»Geschäftsleute schenken keine Blumen, Ludwig.«

»Doch, die jüngste Generation tut es wieder.«

Er legte ihren Koffer und das Kuchenpaket in das Gepäcknetz. Sie stieg mit ihm aus. Auf dem Bahnhof nahm sie seinen Kopf in die Hände und sah ihn ernst an.»Es war gut, daß du da warst.«Sie küßte ihn.»Und nun geh. Geh fort, während ich einsteige. Ich will jetzt nicht wieder weinen. Sonst glaubst du, ich könnte gar nichts anderes. Geh…«

Er blieb stehen.»Ich fürchte mich nicht vor einem Abschied«, sagte er.»Ich habe schon viele mitgemacht. Dies ist kein Abschied.«

Der Zug fuhr an. Ruth winkte. Kern blieb stehen, bis der Zug nicht mehr zu sehen war. Dann ging er zurück. Er hatte das Gefühl, die ganze Stadt wäre ausgestorben.

Vor dem Eingang des Hotels traf er Rabe.»Guten Abend«, sagte er, zog die Zigarettenschachtel heraus und hielt sie ihm hin. Rabe fuhr zurück und hob den Arm, als wollte er sich vor einem Schlage schützen. Kern blickte ihn erstaunt an.»Verzeihen Sie«, sagte Rabe sehr verlegen.»Das ist noch so eine… eine unwillkürliche Bewegung…«

Er nahm eine Zigarette.

STEINER WAR SEIT vierzehn Tagen Kellner in der Gastwirtschaft»Zum Grünen Baum«. Es war spät nachts. Der Wirt schlief seit zwei Stunden, und nur noch ein paar Gäste saßen herum.

Steiner ließ die Läden herunter.»Feierabend!«sagte er.

»Trinken wir noch einen, Johann«, erwiderte einer der Gäste, ein Tischlermeister mit einem Gesicht wie eine Gurke.

»Gut«, erwiderte Steiner.»Mikolasch?«

»Nein, keinen Ungarischen mehr. Fangen wir jetzt mit einem guten Zwetschgenwasser an.«

Steiner brachte die Flasche und die Gläser.»Trink einen mit«, sagte der Tischlermeister.

»Heute nicht. Entweder nichts mehr, oder ich müßte mich besaufen.«

»Dann besauf dich.«Der Tischlermeister rieb seine Gurke.»Ich besaufe mich auch! Stell dir vor: Die dritte Tochter! Kommt da heute morgen die Hebamme heraus und sagt: Gratuliere, Herr Blau, die dritte gesunde Tochter!‹ Und ich hab’ mir gedacht, diesmal wird’s bestimmt ein Bub! Drei Mädchen und kein Stammhalter! Ist das nicht zum Wahnsinnigwerden? Ist das nicht zum Wahnsinnigwerden, Johann? Du bist doch ein Mensch, du mußt das doch verstehen!«

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