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»Kann’s nicht ansehen!«stöhnte der andere.»Die Augen! Die Zunge!«

»Dann kommen Sie ’runter! Heben Sie ihn hoch, und ich werde ihn losmachen!«

Er gab den schweren Körper dem andern in die Arme und sprang auf die Pritsche. Der Anblick war schauderhaft. Das gedunsene, fahle Gesicht, die herausgequollenen, wie zerplatzten Augen, die dicke, schwarze Zunge – Kern griff nach dem dünnen Lederriemen, der tief in den geblähten Hals einschnitt.

»Höher!«rief er.»Heben Sie ihn höher!«

Er hörte ein Gurgeln unter sich. Der Mann erbrach sich schon wieder. Gleichzeitig ließ er den Erhängten los, dem durch den Ruck die Augen und die Zunge heraustrieben, als mache er sich auf eine grauenhafte Weise über die machtlosen Lebenden lustig.»Verdammt!«Kern suchte verzweifelt nach irgend etwas, damit der Mann unten zu sich kam. Plötzlich, wie ein Blitz, flog ihm die Szene zwischen dem blonden Studenten und dem Kalfaktor durchs Gehirn.»Wenn du verfluchtes Waschweib jetzt nicht sofort zufaßt«, brüllte er,»trete ich dir die Eingeweide aus dem Leibe! Los, du elender Feigling!«Gleichzeitig holte er mit dem Fuß aus und spürte, daß er gut getroffen hatte. Er trat noch einmal mit aller Kraft.»Ich schlage dir den Schädel ein!«schrie er.»Heb sofort hoch!«

Der Mann unten schwieg und hob.»Höher!«tobte Kern.»Höher, du dreckiger Waschlappen!«

Der Mann hob höher. Es gelang Kern, die Schlinge zu lösen und über den Kopf des Erhängten zu streifen.»So, jetzt ’runterlassen!«

Beide griffen zu und legten den schlaffen Körper auf die Pritsche. Kern riß Weste und Hosenbund auf.»Stecken Sie die Klappe ’raus!«sagte er.»Rufen Sie nach der Wache! Ich werde mit künstlicher Atmung anfangen.«

Er kniete hinter dem schwarzgrauen Kopf, nahm die kalten, toten Hände in seine warmen, lebensvollen und begann die Arme zu bewegen. Er hörte das rauhe, krächzende Schlürfen, wenn der Brustkorb sich hob und senkte und horchte manchmal – aber der Atem blieb aus. An der Tür rasselte der Mann, der nicht französisch sprechen wollte, mit der Klappe und schrie:»Wache! Wache!«Es hallte dumpf in der Zelle.

Kern arbeitete weiter. Er wußte, daß man es Stunden machen mußte – aber nach einer Zeitlang hörte er auf.

»Atmet er?«fragte der andere.

»Nein.«Kern war plötzlich entsetzlich müde.»Es ist auch sinnlos. Der Mann wollte sterben. Warum soll man ihm das nicht lassen?«

»Aber um Gottes willen…«

»Mensch, seien Sie ruhig!«sagte Kern sehr leise und gefährlich. Er hätte es nicht ertragen, noch ein Wort zu hören. Er wußte alles, was der Mann sagen wollte. Aber er wußte auch, daß der andere sich zum zweitenmal aufhängen würde, wenn er durchkam.»Versuchen Sie es«, sagte er nach einem Augenblick ruhiger.»Der hier wird schon gewußt haben, weshalb er nicht mehr wollte.«

Gleich darauf kam die Wache.»Was soll der Radau? Verrückt geworden?«

»Hier hat sich jemand erhängt.«

»Herrgott! Was für Scherereien! Lebt er noch?«

Der Wachmann öffnete die Tür. Er roch stark nach Zervelatwurst und Wein. Seine Taschenlampe blitzte auf.»Ist er tot?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann hat’s ja Zeit bis morgen früh. Soll sich der Sternikosch damit ’rumärgern. Ich weiß von nix.«

Er wollte weg.»Halt!«sagte Kern.»Sie holen sofort Sanitäter. Von der Unfallwache.«

Der Wachmann starrte ihn an.

»Wenn sie in fünf Minuten nicht hier sind, setzt es einen Krach, bei dem Sie Ihren Posten riskieren!«

»Es ist doch möglich, daß er noch gerettet werden kann! Mit Sauerstoff!«rief der andere Gefangene aus dem Hintergrund, wo er schattenhaft die Arme des Erhängten hob und senkte.

»Fängt gut an, der Tag!«murrte die Wache und schob ab.

Einige Minuten später kamen Sanitäter und holten den Erhängten ab.

Kurz darauf erschien die Wache noch einmal.»Ihr sollt Hosenträger, Gürtel und Schnürriemen abgeben.«

»Ich erhäng’ mich nicht«, sagte Kern.

»Einerlei, ihr sollt’s abgeben.«

Sie gaben die Sachen ab und hockten sich auf die Pritsche. Es roch sauer nach Erbrochenem.»In einer Stunde ist es hell, dann können Sie es wegmachen«, sagte Kern.

Seine Kehle war trocken. Er war sehr durstig. Alles in ihm war trocken und staubig. Er fühlte sich, als hätte er Kohle und Watte geschluckt. Als würde er nie wieder sauber werden.

»Furchtbar, was?«sagte der andere nach einer Weile.

»Nein«, erwiderte Kern.

MAN BRACHTE SIE am nächsten Abend in eine größere Zelle, in der schon vier Leute waren. Es schien Kern, als ob es alles Emigranten wären; aber er kümmerte sich nicht darum. Er war sehr müde und kletterte auf seine Pritsche. Doch er konnte nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen da und starrte auf das kleine Viereck des vergitterten Fensters. Spät, um Mitternacht, kamen noch zwei Leute dazu. Kern sah sie nicht; er hörte sie nur rumoren.

»Wie lange dauert das wohl, bis wir hier wieder ’rauskommen?«fragte die Stimme eines der Neuen nach einiger Zeit zaghaft durch das Dunkel.

Es dauerte eine Weile, bis er Antwort bekam.

Dann knurrte eine Baßstimme.»Kommt drauf an, was Sie gemacht haben. Bei Raubmord lebenslänglich – bei politischem Mord acht Tage.«

»Mich haben sie nur zum zweiten Male ohne Paß erwischt.«

»Das ist schlimmer«, grunzte der Baß.»Rechnen Sie ruhig mit vier Wochen.«

»Mein Gott! Und ich habe ein Huhn in meinem Koffer. Ein gebratenes Huhn! Das ist dann verfault, bis ich ’rauskomme!«

»Ohne Zweifel!«bestätigte der Baß.

Kern horchte auf.»Hatten Sie nicht schon früher einmal ein Huhn in Ihrem Koffer?«fragte er.

»Ja! Das ist richtig!«erwiderte der Neue erstaunt nach einer Weile.»Woher wissen Sie das, mein Herr?«

»Wurden Sie damals nicht auch verhaftet?«

»Natürlich! Wer fragt mich da? Wer sind Sie? Wie kommt es, daß Sie das wissen, mein Herr?«fragte die Stimme aus dem Dunkel aufgewühlt.

Kern lachte. Er lachte plötzlich so, daß er fast erstickte. Es war wie ein Zwang, ein schmerzhafter Krampf, es löste sich alles darin, was sich in den zwei Monaten in ihm aufgespeichert hatte, die Wut über die Verhaftung, die Verlassenheit, die Angst um Ruth, die Energie, sich nicht zu verlieren, das Grauen vor dem Erhängten, er lachte und lachte, stoßweise und heftig und konnte nicht aufhören.»Das Poulet!«stammelte er.»Tatsächlich, es ist das Poulet! Und wieder ein Huhn im Koffer! So ein Zufall!«

»Zufall nennen Sie das?«fluchte das Poulet wütend.»Ein ganz verdammtes Schicksal ist so was!«

»Sie scheinen Unglück mit Brathühnern zu haben«, sagte der Baß.

»Ruhe!«schnaubte ein anderer.»Die Pest über eure Brathühner! Einem Menschen ohne Heimat nachts einen solchen Kohldampf im Bauch zu entfachen!«

»Vielleicht besteht zwischen ihm und den Poulets ein tieferer Zusammenhang«, orakelte der Baß.

»Er kann’s ja mal mit gebratenen Schaukelpferden versuchen!«brüllte der Mann ohne Heimat.

»Oder mit einem Magenkrebs«, wieherte ein hoher Quetschtenor.

»Vielleicht war er in einem früheren Dasein einmal ein Fuchs«, vermutete der Baß.»Und jetzt rächen sich die Hühner dafür an ihm.«

Das Poulet kam noch einmal durch.»So eine gottverdammte Gemeinheit, einen Menschen im Unglück noch zu verhöhnen!«

»Wann denn sonst?«fragte salbungsvoll der Baß.

»Ruhe!«schrie die Wache von draußen.»Hier ist ein anständiges Gefängnis und kein Nachtlokal!«

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