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Der Richter legte das Papier in den Aktendeckel zurück.»Ihr Zug geht in zwei Stunden.«

»Es ist völlig unmöglich, nach Genf gebracht zu werden?«

»Völlig. Die Flüchtlinge kosten uns eine Menge Eisenbahnfahrten. Es besteht eine strikte Anweisung, sie zur nächsten Grenze zu bringen. Ich kann Ihnen da wirklich nicht helfen.«

»Wenn ich die Reise selbst bezahlen würde, könnte ich dann nach Genf gebracht werden?«

»Ja, das wäre möglich. Wollen Sie denn das?«

»Nein, dazu habe ich nicht genug Geld. Es war nur so eine Frage.«

»Fragen Sie nicht zuviel«, sagte der Richter.»Eigentlich müßten Sie auch die Fahrt nach Basel schon bezahlen, wenn Sie Geld bei sich hätten. Ich habe davon abgesehen, das zu inquirieren.«Er stand auf.»Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen alles Gute! Und hoffentlich wird alles bald anders!«

»Ja, vielleicht! Ohne das könnten wir uns ja sofort aufhängen.«

KERN HATTE KEINE Gelegenheit mehr, Ruth Nachricht zu geben. Beer war am Tage vorher dagewesen und hatte ihm erklärt, sie müsse noch ungefähr eine Woche im Hospital bleiben. Er beschloß, ihm sofort von der französischen Grenze aus zu schreiben. Er wußte jetzt das Wichtigste – daß Ruth auf keinen Fall nach Deutschland abgeschoben wurde und daß sie, wenn sie Reisegeld hatte, nach Genf gebracht werden konnte.

Pünktlich nach zwei Stunden holte ihn ein Detektiv in Zivil ab. Sie gingen zum Bahnhof. Kern trug seinen Koffer. Beer hatte ihn am Tage vorher aus dem Schafstall geholt und ihm gebracht.

Sie kamen an einem Gasthof vorbei. Die Fenster der Wirtsstube, die zu ebener Erde lag, standen weit offen. Eine Zitherkapelle spielte einen Ländler, und ein Männerchor sang dazu. Neben dem Fenster standen zwei Sänger in Älplertracht und jodelten. Sie wiegten sich dabei hin und her, einer den Arm um die Schulter des andern.

Der Detektiv blieb stehen. Einer der Jodler brach ab. Es war der Tenor.»Wo bleibst du denn so lange, Max?«fragte er.»Alle warten schon.«

»Dienst!«erwiderte der Detektiv.

Der Jodler streifte Kern mit einem Blick.»So ein Mist!«brummte er mit plötzlich tiefer Stimme.»Dann ist unser Quartett heute abend geschmissen.«

»Ausgeschlossen. Ich bin in zwanzig Minuten zurück.«

»Bestimmt?«

»Bestimmt!«

»Gut! Wir müssen den neuen Doppeljodler heute unbedingt hinkriegen. Erkälte dich nicht!«

»Nein, nein!«

Sie gingen weiter.»Fahren Sie denn nicht mit zur Grenze?«fragte Kern nach einiger Zeit.

»Nein. Wir haben ein neues Patent für euch.«

Sie kamen zum Bahnhof. Der Detektiv suchte den Zugführer.»Hier ist er«, erklärte er und zeigte auf Kern. Dann übergab er dem Zugführer den Ausweisungsbefehl.»Gute Reise, mein Herr«, sagte er auf einmal sehr höflich und stapfte von dannen.

»Kommen Sie mit!«

Der Zugführer brachte Kern zu dem Bremserhäuschen eines Güterwagens.»Steigen Sie hier ein.«

Die kleine Kabine enthielt nichts als einen hölzernen Sitz. Kern schob seinen Koffer darunter auf den Boden. Der Zugführer schloß die Tür von außen ab.»So! In Basel werden Sie ’rausgelassen.«

Er ging weiter, den schwach beleuchteten Bahnsteig entlang. Kern schaute aus dem Fenster der Kabine. Er probierte vorsichtig, ob er sich hindurchzwängen könne. Es ging nicht; das Fenster war schmal.

Ein paar Minuten später fuhr der Zug an. Die hellen Wartesäle glitten vorüber mit leeren Tischen und dem leeren, sinnlosen Licht. Der Stationsvorsteher mit der roten Mütze blieb im Dunkel zurück. Ein paar geduckte Straßen schwangen vorüber, eine Bahnschranke mit wartenden Automobilen, ein kleines Café, in dem ein paar Leute Karten spielten – dann war die Stadt verschwunden.

Kern setzte sich auf das hölzerne Brett. Er stellte seine Füße auf den Koffer. Er preßte sie fest dagegen und sah aus dem Fenster. Die Nacht draußen war dunkel und unbekannt und windig, und er fühlte sich plötzlich sehr elend.

In Basel wurde er von einem Polizisten abgeholt und zur Zollwache gebracht. Man gab ihm zu essen. Dann fuhr er mit einem Beamten mit der Straßenbahn nach Burgfelden. Sie kamen im Dunkel an einem jüdischen Friedhof vorbei. Dann passierten sie eine Ziegelei und bogen von der Chaussee ab. Nach einiger Zeit blieb der Beamte stehen.»Hier weiter – immer geradeaus.«

Kern ging weiter. Er wußte ungefähr, wo er war, und hielt sich in der Richtung auf St. Louis. Er versteckte sich nicht; es war ihm gleich, ob man ihn sofort faßte.

Er verfehlte die Richtung. Erst gegen Morgen kam er in St. Louis an. Er meldete sich sofort bei der französischen Polizei und erklärte, nachts von Basel herübergeschoben worden zu sein. Er mußte vermeiden, daß man ihn ins Gefängnis steckte. Das konnte er nur, wenn er sich stets am selben Tage bei der Polizei oder beim Zoll meldete. Dann war er nicht strafbar, und man konnte ihn nur zurückschicken.

Die Polizei behielt ihn tagsüber in Haft. Abends schickte sie ihn zum Grenzzollamt.

Es waren zwei Zollbeamte da. Einer saß an einem Tisch und schrieb. Der andere hockte auf einer Bank neben dem Ofen. Er rauchte Zigaretten aus schwerem algerischem Tabak und musterte Kern von Zeit zu Zeit.

»Was haben Sie in Ihrem Koffer?«fragte er nach einer Weile.

»Ein paar Sachen, die mir gehören.«

»Machen Sie ihn mal auf.«

Kern öffnete den Deckel. Der Zöllner stand auf und kam faul heran. Dann beugte er sich interessiert über den Koffer.»Toilettewasser, Seife, Parfüm! Sieh an – haben Sie das alles aus der Schweiz mitgebracht?«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie das alles selbst gebrauchen – für ihren persönlichen Bedarf?«

»Nein. Ich habe damit gehandelt.«

»Dann müssen Sie es verzollen!«erklärte der Beamte.»Packen Sie es aus! Diesen Kram da«, er zeigte auf die Nadeln, Schnürsenkel und die andern kleinen Sachen,»will ich Ihnen erlassen.«

Kern glaubte, er träume.»Verzollen?«frage er.»Ich soll etwas verzollen?«

»Selbstverständlich! Sie sind doch kein diplomatischer Kurier, was? Oder dachten Sie, ich wollte die Flaschen kaufen? Sie haben Zollgut nach Frankreich gebracht. Los, ’raus damit jetzt!«

Der Beamte griff nach einem Zolltarif und rückte eine Waage heran.

»Ich habe kein Geld«, sagte Kern.

»Kein Geld?«Der Beamte steckte die Hände in die Hosentaschen und wiegte sich in den Knien.»Gut, dann werden die Sachen eben beschlagnahmt. Geben Sie sie her.«

Kern blieb auf dem Boden hocken und hielt seinen Koffer fest.»Ich habe mich hier gemeldet, um zurück in die Schweiz zu gehen. Ich brauche nichts zu verzollen.«

»Sieh mal an! Sie wollen mich wohl noch belehren, was?«

»Laß den Jungen doch in Ruhe, François!«sagte der Zöllner, der am Tisch saß und schrieb.

»Ich denke gar reicht daran! Ein Boche, der alles besser weiß, wie die ganze Bande drüben! Los, ’raus mit den Falschen!«

»Ich bin kein Boche!«sagte Kern.

In diesem Augenblick trat ein dritter Beamter ein. Kern sah, daß er einen höheren Rang hatte als die beiden andern.»Was gibt’s hier?«fragte er kurz.

Der Zöllner erklärte, was los war. Der Inspektor betrachtete Kern.»Haben Sie sich sofort bei der Polizei gemeldet?«fragte er.

»Ja.«

»Und Sie wollen zurück in die Schweiz?«

»Ja. Deshalb bin ich ja hier.«

Der Inspektor dachte einen Augenblick nach.»Dann kann er nichts dafür«, entschied er.»Er ist kein Schmuggler. Er ist selbst geschmuggelt worden. Schickt ihn zurück und damit basta.«

Er verließ den Raum.»Siehst du, François«, sagte der Zöllner, der am Tisch saß.»Wozu regst du dich immer so auf? Es schadet nur deiner Galle.«

François erwiderte nichts. Er starrte Kern ängstlich an. Kern starrte zurück. Es fiel ihm plötzlich ein, daß er französisch gesprochen hatte und Franzosen verstanden hatte, und er segnete im geheimen den russischen Professor aus dem Gefängnis in Wien.

AM NÄCHSTEN MORGEN war er wieder in Basel. Er änderte jetzt seine Taktik. Er ging nicht sofort morgens wieder zur Polizei. Es konnte ihm nicht viel passieren, wenn er tagsüber in Basel blieb und sich erst abends meldete. Für Basel aber hatte er die Adressenliste Binders. Es war zwar der von Emigranten überlaufenste Platz der Schweiz, aber er beschloß trotzdem, zu versuchen, etwas zu verdienen.

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