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Bucher erschien. Hinter ihm kam Karel, der Knabe aus der Tschechoslowakei. Seine Beine waren dünn wie Stöcke und das Gesicht winzig wie eine Faust unter dem viel zu großen Schädel. Er schwankte.

»Geh zurück, Karel«, sagte 509.»Hier ist es zu kalt für dich.«

Der Junge schüttelte den Kopf und kam näher. 509 wußte, warum er bleiben wollte.

Lohmann hatte ihm manchmal etwas von seinem Brot gegeben. Und dieses hier war Lohmanns Beerdigung; es war der Weg zum Friedhof, es waren die Kränze und Blumen mit bitterem Geruch, es war Beten und Klagen, es war alles, was sie noch für ihn tun konnten – dieses: da zu stehen und mit trockenen Augen auf den Körper zu starren, der in der frühen Sonne lag.

»Da kommt der Wagen«, sagte Berger.

Das Lager hatte früher nur Leichen träger gehabt; dann, als die Toten zahlreicher wurden, außerdem einen Wagen mit einem Schimmel. Der Schimmel war gestorben, und jetzt hatte man ein ausgedientes, flaches Lastauto mit einer Lattenverschalung, wie es zum Transport von geschlachtetem Vieh benutzt wurde. Es fuhr von Baracke zu Baracke, die Toten zu sammeln.

»Sind Leichenträger dabei?«

»Nein.«

»Dann müssen wir ihn selbst aufladen. Holt Westhof und Meyer.«

»Die Schuhe«, flüsterte Lebenthal plötzlich aufgeregt.

»Ja. Aber er muß etwas an den Füßen haben. Haben wir was?«

»In der Baracke ist noch das zerrissene Paar von Buchsbaum. Ich hole es.«

»Stellt euch hier herum«, sagte 509.»Rasch! Paßt auf, daß man mich nicht sehen kann.«

Er kniete neben Lohmann nieder. Die anderen stellten sich so, daß er gegen das Lastauto, das vor Baracke 17 hielt, und gegen die Posten auf den nächsten Türmen geschützt war. Er konnte die Schuhe leicht abziehen; sie waren viel zu groß. Die Füße Lohmanns bestanden nur noch aus Knochen.

»Wo ist das andere Paar? Rasch, Leo!«»Hier -«

Lebenthal kam aus der Baracke. Die zerrissenen Schuhe hatte er unter seiner lacke.

Er trat zwischen die anderen und drehte sich so, daß er sie vor 509 fallen lassen konnte. 509 gab ihm die anderen in die Hände. Lebenthal schob sie unter seiner Jacke hoch, bis sie in seinen Achseln verborgen waren, und ging dann zur Baracke zurück. 509 streifte Lohmann die zerrissenen Schuhe Buchsbaums über die Füße und stand taumelnd auf. Das Auto hielt jetzt vor Baracke 18.

»Wer fährt es?«

»Der Kapo selbst. Strohschneider.«

Lebenthal kam zurück.»Wie konnten wir das nur vergessen!«sagte er zu 509.»Die Sohlen sind noch gut.«

»Kann man sie verkaufen?«

»Tauschen.«

»Gut.«

Das Auto kam näher. Lohmann lag in der Sonne. Der Mund war schief gezogen und etwas offen, und eines der Augen schimmerte wie ein gelber Hörnknopf. Keiner sagte mehr etwas. Alle sahen ihn an. Er war endlos weit weg.

Die Leichen der Sektionen B und C waren aufgeladen.»Los!«schrie Strohschneider.

»Wollt ihr noch eine Predigt? Schmeißt die Stinker 'rauf.«

»Kommt«, sagte Berger.

Sektion D hatte diesen Morgen nur vier Leichen. Für die drei ersten fand sich noch Platz. Dann aber war der Wagen voll. Die Veteranen wußten nicht mehr, wo sie Lohmann unterbringen sollten.

Die übrigen Leichen lagen bis oben hin übereinander.

Die meisten waren steif.»Oben drauf!«schrie Strohschneider.»Soll ich euch Beine machen? Laßt ein paar 'raufklettern, ihr faulen Schweine! Das ist doch die einzige Arbeit, die ihr noch zu machen braucht. Krepieren und aufladen!«

Sie konnten Lohmann nicht von unten auf den Wagen heben.»Bucher! Westhof!«sagte 509.

»Kommt!«

Sie legten die Leiche wieder auf den Boden. Lebenthal, 509, Ahasver und Berger halfen Bucher und Westhof, auf den Wagen zu klettern. Bucher war fast oben, als er ausrutschte und schwankte.

Er griff nach einem Halt; aber die Leiche, an der er sich hielt, war noch nicht starr. Sie gab nach und glitt mit ihm zusammen herunter. Es sah entsetzlich demütig aus, wie sie so widerstandslos auf die Erde glitt, als bestände sie aus nichts als aus Gelenken.

»Verdammt!«schrie Strohschneider.»Was ist das für eine Sauerei?«

»Rasch, Bucher! Noch einmal!«flüsterte Berger.

Sie keuchten und schoben Bucher wieder hoch. Es gelang ihm diesmal, sich festzuhalten.»Erst die andere«, sagte 509.»Sie ist noch weich. Wir können sie leichter weiterschieben.«

Es war der Körper einer Frau. Sie war schwerer, als die Leichen im Lager gewöhnlich waren. Sie hatte auch noch Lippen. Sie war gestorben, nicht verhungert.

Sie hatte noch Brüste, keine Hautsäcke. Sie war nicht aus der Frauenabteilung, die an das Kleine Lager grenzte; dann wäre sie magerer gewesen. Sie mußte vom Austauschlager der Juden mit südamerikanischen Einreisepapieren sein; dort waren noch Familien zusammen.

Strohschneider war von seinem Sitz geklettert und sah die Frau.»Wollt euch wohl aufgeilen, ihr Ziegenböcke, was?«

Er brüllte vor Lachen über seinen Witz. Als Kapo des Leichenträgerkommandos hätte er den Wagen nicht selbst zu fahren brauchen; er tat es, weil es ein Auto war.

Er war früher Chauffeur gewesen und fuhr, wo er nur konnte. Er war auch stets gut gelaunt, wenn er am Steuer saß.

Zu acht brachten sie den weichen Körper endlich wieder hinauf. Sie zitterten vor Erschöpfung.

Dann hoben sie Lohmann an, während Strohschneider Kautabaksaft nach ihnen ausspuckte.

Lohmann war sehr leicht nach der Frau.

»Hakt ihn fest«, flüsterte Berger Bucher und Westhof zu.»Hakt seinen Arm an einem anderen fest.«

Es gelang ihnen, einen Arm Lohmanns durch die seitliche Lattenverschalung des Wagens zu schieben. Der Arm hing dadurch heraus, aber die Querstrebe hielt den Körper unter der Achselhöhle fest.

»Fertig«, sagte Bucher und ließ sich herunterfallen.

»Fertig, ihr Heuschrecken?«

Strohschneider lachte. Die zehn hastigen Skelette hatten ihn an riesige Heuschrecken erinnert, die eine starre, elfte, herumschleppten.»Ihr Heuschrecken«, wiederholte er und sah die Veteranen an.

Keiner lachte mit. Sie keuchten nur und starrten auf das Ende des Lastautos, aus dem die Füße der Toten ragten. Viele Füße. Ein paar Kinderfüße in schmutzigen weißen Schuhen waren darunter.

»Nun«, sagte Strohschneider, während er auf seinen Sitz kletterte.»Wer von euch Typhusbrüdern ist der nächste?«

Niemand antwortete. Strohschneiders gute Laune schwand.»Scheißer«,knurrte er.

»Und selbst dazu seid ihr noch zu dämlich.«

Er gab überraschend Gas. Der Motor knatterte wie eine Maschinengewehrsalve. Die Skelette sprangen zur Seite. Strohschneider nickte erfreut und wendete den Wagen.

Sie standen im blauen Ölrauch. Lebenthal hustete.»Dieses dicke, vollgefressene Schwein«, schimpfte er.

509 blieb in dem Qualm stehen.»Vielleicht ist das gut gegen Läuse.«

Der Wagen fuhr zum Krematorium hinunter. Lohmanns Arm hing seitlich heraus.

Der Wagen wippte auf der unebenen Straße, und der Arm schwankte, als winke er.

509 sah hinterher. Er fühlte die Goldkrone in der Tasche. Einen Moment war ihm, als hätte der Zahn auch verschwunden sein müssen, zusammen mit Lohmann.

Lebenthal hustete immer noch. 509 wandte sich um. Er fühlte in seiner Tasche jetzt auch das Stück Brot vom Abend vorher. Er hatte es noch nicht gegessen Er fühlte es, und es schien ihm wie ein sinnloser Trost.»Wie ist es mit den Schuhen, Leo?«fragte er.»Was sind sie wert?«

Berger war auf dem Wege zum Krematorium, als er Weber und Wiese sah. Er humpelte sofort zurück.»Weber kommt! Mit Handke und einem Zivilisten! Ich glaube, es ist der Meerschweinarzt.

Vorsicht!«

Die Baracken gerieten in Aufruhr. Höhere SS-Offiziere kamen fast nie ins Kleine Lager. Jeder wußte, daß es einen besonderen Grund haben mußte.»Der Schäferhund, Ahasver!«rief 509.

»Versteck ihn!«

»Glaubst du, daß sie die Baracken revidieren wollen?«

»Vielleicht nicht. Es ist ein Zivilist dabei.«

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