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Alle diese Menschen -«

Selma sah sich um, als erwache sie.»Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt in meiner Dienstwohnung bleiben?«fragte Neubauer, immer noch leise.»Habe ich euch nicht verboten, hier hereinzukommen?«

»Vater«, sagte Freya.»Mutter war außer sich vor Angst. Diese große Sirene, so dicht bei -«

Der Transport bog in die Hauptstraße ein. Er kam dicht an den dreien vorbei.»Was ist denn das?«

flüsterte Selma.

»Das? Gar nichts! Ein Transport, der heute angekommen ist.«

»Aber -«

»Kein Aber! Was habt ihr hier zu suchen? 'raus!«Neubauer drängte seine Frau und seine Tochter beiseite.»Los! Vorwärts!«

»Wie die aussehen!«Selma starrte auf die Gesichter, die durch einen Mond«streifen zogen.

»Aussehen? Das sind Gefangene! Vaterlandsverräter! Wie sollen sie schon aussehen? Wie Kommerzienräte?«

»Und die sie da tragen, die -«

»Jetzt habe ich genug!«schnauzte Neubauer.»Das fehlt mir noch! Zimperliches Gerede! Die Leute sind heute hier angekommen. Wir haben nichts damit zu tun, wie sie aussehen. Im Gegenteil! Sie sollen hier aufgefüttert werden. Stimmt das nicht, Weber?«

»Jawohl, Obersturmbannführer.«Weber streifte Freya mit einem leicht amüsierten Blick und ging weiter.

»Da habt ihr es. Und nun 'raus! Verboten, hier zu sein. Dies ist kein Zoo!«

Er schob die Frauen weiter. Er hatte Angst, Selma könnte etwas Gefährliches sagen.

Man mußte nach allen Seiten hin aufpassen. Keiner war zuverlässig, auch Weber nicht. Verdammt, daß Selma und Freya gerade heraufkommen mußten, als der Transport da war! Er hatte vergessen ihnen zu sagen, sie sollten in der Stadt bleiben.

Selma wäre aber sicher trotzdem nicht geblieben, als der Alarm kam. Der Teufel mochte wissen, warum sie so nervös war. Stattliche Frau, anderweitig. Aber wenn eine Sirene loslegte – wie ein blutarmer Backfisch.

»Die Wache werde ich mir mal vornehmen! Euch einfach 'reinzulassen! So was! Nächstens läßt sie jedermann 'rein!«

Freya drehte sich um.»Es werden nicht viele 'rein wollen.«

Neubauer stockte der Atem einen Moment. Was war das? Freya? Sein eigenes Fleisch und Blut?

Sein Augapfel? Revolution! Er sah in Freyas ruhiges Gesicht.

Sie konnte es nicht so gemeint haben. Nein, sie hatte es harmlos gemeint. Er lachte unvermittelt.

»Na, das weiß ich noch nicht. Diese hier, dieser Transport, die haben gebettelt, hierbleiben zu dürfen. Gebettelt! Geweint! Was meinst du, wie die in zwei, drei Wochen aussehen werden? Nicht wiederzuerkennen! Wir sind hier das beste Lager in ganz Deutschland. Bekannt dafür. Ein Sanatorium.«

Vor dem Kleinen Lager waren noch zweihundert Mann des Transports übrig. Es waren die Schwächsten. Sie stützten sich gegenseitig. Sulzbacher und Rosen waren dabei.

Die Blocks standen angetreten draußen. Sie wußten, daß Weber selbst die Einteilung kontrollierte.

Berger hatte deshalb 509 und Bucher zum Essenholen geschickt; er hatte vermeiden wollen, daß der Lagerführer sie sah; aber sie waren von der Küche zurückgeschickt worden. Essen sollte erst verteilt werden, nachdem der Transport eingerückt war.

Nirgendwo brannte Licht. Nur Weber und der SS-Scharführer Schulte hatten Taschenlampen, die sie ab und zu aufblitzen ließen. Die Blockältesten meldeten.

»Steckt den Rest hier hinein«, sagte Weber zu dem zweiten Lagerältesten.

Der Lagerälteste teilte die Leute ein; Schulte kontrollierte. Weber schlenderte weiter.

»Weshalb sind das hier so viel weniger als drüben?«fragte er, als er zur Sektion D von Baracke 22 kam.

Der Blockälteste Handke stand stramm.»Der Raum ist kleiner als die anderen Sektionen, Herr Sturmführer.«

Weber ließ seine Taschenlampe aufleuchten. Das Licht wanderte über die starren Gesichter. 509 und Bucher standen im hinteren Glied. Der Lichtkreis glitt über 509 hinweg, blendete ihn, glitt weiter und kam zurück.»Dich kenne ich doch! Woher?«

»Ich bin schon lange im Lager, Herr Sturmführer.«

Der Lichtkreis glitt auf die Nummer herunter.»Zeit, daß du krepierst!«

»Es ist einer von denen, die kürzlich zur Schreibstube mußten, Herr Sturmführer«, meldete Handke.

»Ach so, richtig.«Der Lichtkreis wanderte wieder zur Nummer herunter und dann weiter.

»Merken Sie sich doch mal die Nummer, Schulte.«

»Jawohl«, erklärte der Scharführer Schulte mit frischer, jugendlicher Stimme.»Wie viele sollen hier hinein?«

»Zwanzig. Nein, dreißig; sollen zusammenrücken.«

Schulte und der Lagerälteste zählten ab und notierten. Aus dem Dunkel beobachteten die Augen der Veteranen Schuhes Bleistift. Sie sahen nicht, daß er die Nummer von 509 aufschrieb. Weber hatte sie ihm nicht gesagt, und die Taschenlampe war wieder ausgeknipst worden.»Fertig?«fragte Weber.

»Jawohl.«

»Den Rest der Schreiberei kann die Schreibstube morgen erledigen. Marsch, da 'rüber! Und krepiert! Sonst helfen wir nach.«

Weber ging breit und zuversichtlich die Lagerstraße zurück. Die Scharführer folgten ihm. Handke lungerte noch eine Weile umher.»Essenholer 'raus!«knurrte er dann.

»Bleibt hier«, flüsterte Berger 509 und Bucher zu.»Ein paar andere können gehen. Es ist besser, daß ihr Weber nicht noch einmal vor die Füße rennt.«

»Hat Schulte meine Nummer aufgeschrieben?«

»Ich habe es nicht gesehen.«

»Nein«, sagte Lebenthal.»Ich habe vorne gestanden und aufgepaßt. Er hat es in der Eile vergessen.«

Die dreißig Neuen standen eine Weile fast bewegungslos im wehenden Dunkel.»Ist Platz in den Baracken?«fragte Sulzbacher schließlich.

»Wasser«, sagte ein Mann heiser neben ihm.»Wasser! Gebt uns um Christi willen Wasser!«

Jemand brachte einen Blecheimer heran, der halb voll Wasser war. Die Neuen stürzten sich darüber und warfen ihn um; sie hatten nichts, womit sie trinken konnten, als ihre hohlen Hände. Sie warfen sich auf den Boden und versuch» ten, das Wasser damit aufzuschöpfen. Sie stöhnten. Ihre Lippen waren schwarz und schmutzig. Sie leckten den Boden ab.

Berger hatte gesehen, daß Sulzbacher und Rosen nicht bei der Attacke mitgemacht hatten.»Wir haben eine Wasserleitung neben der Latrine«, sagte er.»Sie rinnt nur; aber es wird mit der Zeit genug sein zum Trinken. Nehmt Eimer und holt es.«

Einer der Neuen fletschte die Zähne.»Damit ihr uns inzwischen das Essen wegfreßt, was?«

»Ich werde gehen«, sagte Rosen und nahm den Eimer.

»Ich auch.«Sulzbacher faßte die andere Seite des Henkels.

»Bleib du hier«, sagte Berger»Bucher kann mitgehen und es ihm zeigen.«

Die beiden gingen.»Ich bin hier Stubenältester«, sagte Berger zu den Neuen.»Wir haben Ordnung hier. Ich rate euch, mitzumachen. Ihr habt sonst ein kurzes Leben.«

Niemand antwortete. Berger wußte nicht, ob ihm überhaupt jemand zugehört hatte.

»Ist Platz in den Baracken?«fragte Sulzbacher nach einer Weile noch einmal.

»Nein. Wir müssen abwechselnd schlafen. Ein Teil muß draußen bleiben.«

»Gibt es noch etwas zu essen? Wir sind den ganzen Tag marschiert und haben nichts bekommen.«

»Die Essenholer sind zur Küche gegangen.«Berger sagte nicht, daß er glaubte, für die Neuen würde kein Essen ausgegeben werden.

»Ich heiße Sulzbacher. Ist dies ein Vernichtungslager?«

»Nein.«

»Sicher nicht?«

»Nein.«

»Oh, Gott sei Dank! Habt ihr keine Gaskammern?«

»Nein.«

»Gott sei Dank«, wiederholte Sulzbacher.

»Du redest, als wärst du im Hotel«, sagte Ahasver.»Warte nur erst ab. Woher kommt ihr?«

»Wir sind seit fünf Tagen unterwegs. Zu Fuß. Wir waren dreitausend. Unser Lager ist aufgelöst worden. Wer nicht weiterkonnte, wurde erschossen.«

»Woher kommt ihr?«

»Von Lohme.«

Ein Teil der Neuen lag noch auf dem Boden.»Wasser!«krächzte einer.»Wo bleibt der mit dem Wasser? Säuft sich selber voll – das Schwein!«

»Würdest du das nicht auch machen?«fragte Lebenthal.

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