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»Sieh mal an! Immer noch da? Dich haben sie wohl vergessen, was?«Handke stand vor 509 und musterte ihn langsam von oben bis unten. Es war zur Zeit des Abendappells. Die Blocks waren draußen angetreten.»Du solltest doch aufgeschrieben werden. Muß mich mal danach erkundigen.«Er wippte auf seinen Hacken hin und her und starrte 509 mit hellblauen, vorstehenden Augen an. 509 stand sehr still.»Was?«fragte Handke. 509 antwortete nicht. Es wäre Wahnsinn gewesen, den Blockältesten durch irgend etwas zu reizen. Schweigen war immer das beste. Alles, was er hoffen konnte, war, daß Handke die Sache wieder vergessen würde oder sie nicht ernst meinte. Handke grinste. Seine Zähne waren gelb und fleckig.»Was?«wiederholte er.»Die Nummer ist damals aufgeschrieben worden«, sagte Berger ruhig.»So?«Handke wandte sich ihm zu.»Weißt du das genau?«»Ja. Der Scharführer Schulte hat sie notiert. Ich habe es gesehen.«»Im Dunkeln? Dann ist ja alles gut.«Handke wippte noch immer.»Dann kann ich mich ja ruhig erkundigen gehen. Schadet dann wohl nichts, wie?«Niemand antwortete.»Du kannst erst noch futtern«, erklärte Handke behaglich.»Abendessen. Hat keinen Zweck, den Blockführer deinetwegen zu fragen. Werde es gleich an der richtigen Stelle tun, du Satansbraten.«Er sah sich um.»Achtung!«schnauzte er dann. Bolte kam. Er war in Eile, wie immer. Seit zwei Stunden hatte er beim Karten spielen verloren und gerade eine günstige Strähne gekriegt. Gelangweilt blickte er über die Toten hinweg und verschwand so bald wie möglich. Handke Hieb. Er schickte die Essenholer zur Küche und schlenderte dann zum Stacheldrahtverhau hinüber, das die Frauenbaracken vom Kleinen Lager trennte.

Dort blieb er stehen und blickte hinüber.

»Laßt uns in die Baracken gehen«, sagte Berger.»Einer kann draußen bleiben und ihn beobachten.«

»Ich«, erklärte Sulzbacher.

»Sag Bescheid, wenn er weggeht. Sofort!«

Die Veteranen hockten in der Baracke. Es war besser, nicht von Handke gesehen zu werden.

»Was sollen wir machen?«fragte Berger sorgenvoll.»Ob das Schwein es wirklich ernst meint?«

»Vielleicht vergißt er es wieder. Er sieht aus, als hätte er seinen Koller. Wenn wir nur Schnaps hätten, um ihn besoffen zu machen!«

»Schnaps!«Lebenthal spuckte aus.»Unmöglich! Völlig unmöglich!«

»Vielleicht hat er nur einen Witz machen wollen«, sagte 509. Er glaubte es nicht ganz; aber solche Dinge waren im Lager schon oft vorgekommen. Die SS war Meister darin, Leute immer wieder in Angst zu versetzen. Mehr als einer hatte es zum Schluß nicht ausgehalten. Manche waren in den Draht gelaufen; bei anderen hatte schließlich das Herz versagt.

Rosen rückte heran.»Ich habe Geld«, flüsterte er 509 zu.»Nimm es. Ich habe es versteckt und hereingebracht. Hier, vierzig Mark. Gib es ihm. So haben wir es bei uns gemacht.«

Er drängte ihm die Scheine in die Hand. 509 fühlte sie und nahm sie, fast ohne zu merken, daß er sie nahm.»Es wird nichts nützen«, sagte er.»Er wird es nehmen, einstecken und dann trotzdem tun, was er will.«

»Dann versprich ihm mehr.«

»Woher sollen wir mehr nehmen?«

»Lebenthal hat was«, erklärte Berger.»Ist das nicht so, Leo?«

»Ja, ich habe was. Aber wenn wir ihn einmal scharf auf Geld machen, wird er jeden Tag kommen und mehr verlangen, bis wir nichts mehr haben. Dann sind wir bald wieder da, wo wir jetzt sind.

Nur das Geld ist weg.«

Alle schwiegen. Keiner fand Lebenthals Feststellung roh. Sie war sachlich, nichts anderes. Die Frage war einfach, ob es wert war, alle Handelsmöglichkeiten Lebenthals aufzugeben, nur damit 509 ein paar Tage Aufschub bekam. Die Veteranen würden weniger Essen bekommen; vielleicht gerade so viel weniger, daß einige oder alle eingehen würden. Keiner von ihnen würde gezögert haben, alles herzugeben, wenn 509 dadurch wirklich hätte gerettet werden können; aber das schien unwahrscheinlich, wenn Handke es ernst meinte, Lebenthal hatte da recht. Und es war nicht wert, das Leben von einem Dutzend dafür zu riskieren, daß ein einzelner lediglich zwei, drei Tage länger existieren konnte. Das war das ungeschriebene, unbarmherzige Gesetz des Lagers, durch das sie bis jetzt überlebt hatten. Sie kannten es alle; aber sie wollten es in diesem Falle noch nicht wahrhaben. Sie suchten nach einem Ausweg.

»Man müßte das Aas totschlagen«, sagte Bucher schließlich hoffnungslos.

»Womit?«fragte Ahasver.»Er ist zehnmal stärker als wir.«

»Wenn wir alle zusammen mit unseren Eßnäpfen -«

Bucher verstummte. Er wußte, daß es idiotisch war. Ein Dutzend Leute würde aufgehängt werden, wenn es gelänge.»Steht er immer noch da?«fragte Berger.

»Ja. An derselben Stelle.«

»Vielleicht vergißt er es.«

»Dann würde er nicht warten. Er hat gesagt, er will bis nach dem Essen warten.«

Ein totes Schweigen hing in der Dunkelheit.»Du kannst ihm wenigstens die vierzig Mark geben«, sagte Rosen nach einiger Zeit zu 509.»Sie gehören dir allein. Ich gebe sie dir. Ich allein dir. Sie gehen keinen anderen was an.«»Stimmt«, erklärte Lebenthal.

»Das stimmt.«509 starrte durch die Tür. Er sah die dunkle Figur Handkes gegen den grauen Himmel stehen. Irgendwann war schon einmal etwas so ähnlich gewesen – ein dunkler Kopf vor dem Himmel und eine große Gefahr. Er wußte nicht genau wann. Er blickte wieder zur Tür hinaus und wunderte sich darüber, daß er unentschlossen war.

Ein trüber, undeutlicher Widerstand hatte sich in ihm geformt. Es war ein Widerstand dagegen, zu versuchen, Handke zu bestechen. Er hatte so etwas früher nie gekannt; da war immer nur die reine Angst dagewesen.

»Geh 'rüber«, sagte Rosen.»Gib ihm das Geld und versprich ihm mehr.«509 zögerte. Er verstand sich selbst nicht. Er wußte zwar, daß eine Bestechung nicht viel Zweck hatte, wenn Handke ihn wirklich verderben wollte.

Er hatte solche Fälle im Lager oft gesehen; man hatte den Leuten abgenommen, was sie hatten, und sie dann erledigt, damit sie nicht reden konnten. Aber ein Tag Leben war ein Tag Leben – und vieles konnte inzwischen passieren.

»Da kommen die Essenholer«, meldete Karel.

»Hör zu«, flüsterte Berger 509 zu.»Versuch es. Gib ihm das Geld. Wenn er dann wiederkommt und mehr will, drohen wir ihm, ihn wegen Bestechung anzuzeigen.

Wir sind ein Dutzend Zeugen. Das ist viel. Wir werden alle erklären daß wir es gesehen haben. Er wird dann nichts riskieren. Es ist das einzige, was wir tun können.«

»Er kommt«, flüsterte Sulzbacher von draußen.

Handke hatte sich umgedreht. Langsam kam er zur Sektion D hinüber.»Wo bist du, Satansbraten?«fragte er.

509 trat vor. Es hatte keinen Zweck, versteckt zu bleiben.»Hier.«

»Gut. Ich gehe jetzt. Nimm Abschied und mach dein Testament. Sie holen dich dann. Mit Pauken und Trompeten.«

Er grinste. Das mit dem Testament hielt er für einen großartigen Witz. Eben«so die Pauken und Trompeten. Berger stieß 509 an. 509 tat einen Schritt vor.»Kann ich einen Augenblick mit Ihnen sprechen?«

»Du mit mir? Blödsinn!«

Handke ging dem Ausgang zu. 509 folgte ihm.»Ich habe Geld bei mir«, sagte er gegen den Rücken Handkes.

»Geld? So? Wieviel?«Handke ging weiter. Er drehte sich nicht um.

»Zwanzig Mark.«509 hatte vierzig sagen wollen; aber der sonderbare Widerstand in ihm verhinderte es. Er spürte ihn wie eine Art Trotz; er bot die Hälfte für sein Leben.

»Zwanzig Mark und zwei Pfennige! Mensch, schieb ab.«

Handke ging schneller. Es gelang 509, neben ihn zu kommen»Zwanzig Mark ist besser als nichts.«

»Scheiße.«

Es hatte keinen Zweck mehr, jetzt vierzig zu bieten. 509 hatte das Gefühl, einen entscheidenden Fehler gemacht zu haben. Er hätte alles bieten sollen. Sein Magen fiel plötzlich in einen Abgrund.

Der Widerstand, den er vorher gespürt hatte, war fort.»Ich habe noch mehr Geld«, sagte er rasch.

»Sieh mal an!«Handke blieb stehen.»Ein Kapitalist! Ein Verreck-Kapitalist! Wieviel hast du denn noch?«509 holte Atem.»Fünftausend Schweizer Franken.«

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