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Leben Sie wohl…«

Sie hielt mich zurück. Ihre Augen funkelten, und sie fiel jetzt über den Bäcker her, daß ihm Hören und Sehen verging.»Du hast ja selbst hundertmal gesagt, daß der Ford nichts mehr wert ist«, zischte sie zum Schluß mit Tränen in den Augen.

»Zweitausend Mark«, sagte ich,»zweitausend Mark, obschon auch das noch Selbstmord ist.«

Der Bäcker schwieg.

»Na los, sag doch was! Warum stehst du denn da herum und tust den Mund nicht auf?«fauchte die Schwarze.

»Meine Herrschaften«, sagte ich,»ich werde jetzt mal den Cadillac holen. Vielleicht besprechen Sie die Sache inzwischen noch untereinander.«

Ich hatte das Gefühl, daß ich gar nichts Besseres tun konnte, als zu verschwinden. Die Schwarze würde meine Sache schon weiterführen.

Eine Stunde später war ich mit dem Cadillac wieder da. Ich sah sofort, daß der Streit auf die einfachste Weise entschieden worden war. Der Bäcker machte einen zerknitterten Eindruck und hatte eine Bertfeder am Anzug hängen – die Schwarze dagegen funkelte, wippte mit den Brüsten und lächelte satt und verräterisch. Sie hatte sich umgezogen und trug ein dünnes, seidenes, eng anliegendes Kleid. In einem unbeobachteten Moment kniff sie mir ein Auge und nickte, alles sei in Ordnung. Wir machten eine Probefahrt. Die Schwarze kuschelte sich behaglich in den breiten Sitz und schwatzte fortwährend. Ich hätte sie am liebsten aus dem Fenster geworfen, aber ich brauchte sie noch. Der Bäcker hockte ziemlich melancholisch neben mir.

Er trauerte im voraus um sein Geld – und das ist ja mit die echteste Trauer, die es gibt.

Wir kamen vor dem Hause des Bäckers an und gingen wieder in die Wohnung. Der Bäcker verließ das Zimmer, um das Geld zu holen. Er wirkte jetzt wie ein alter Mann, und ich sah, daß sein Haar gefärbt war. Die Schwarze strich über ihr Kleid.

»Das haben wir fein gemacht, was?«

»Ja«, sagte ich widerwillig.

»Hundert Mark müssen dabei für mich abfallen…«

»Ach so -«, sagte ich.

»Der alte, geizige Bock«, flüsterte sie vertraulich und kam näher,»hat Geld wie Heu! Aber bis er mal was 'rausrückt! Nicht mal ein Testament will er machen. Fällt nachher dann natürlich alles an die Kinder, und unsereins steht da! Ist doch kein Vergnügen, mit dem Kracher…«

Sie kam noch näher und wippte mit den Brüsten.»Also dann komme ich morgen wegen der hundert Mark mal 'rüber. Wann sind Sie denn da? Oder wollen Sie hier vorbeikommen?«Sie kicherte.»Morgen nachmittag bin ich allein hier…«

»Ich schicke es Ihnen dann her…«, sagte ich.

Sie kicherte weiter.»Bringen Sie es doch selbst. Oder haben Sie Angst?«Sie hielt mich wahrscheinlich für schüchtern und wollte mir handgreiflich zeigen, was los war.»Angst nicht«, sagte ich,»aber keine Zeit. Gerade morgen muß ich zum Arzt. Eine alte Syphilis, wissen Sie! So was verbittert einem das Leben…«

Sie trat so rasch einen Schritt zurück, daß sie fast über einen Plüschsessel fiel. In diesem Augenblick kam der Bäcker wieder herein. Mißtrauisch schielte er die Schwarze an. Dann zählte er mir das Geld in bar auf den Tisch. Er zählte langsam und zögernd. Sein Schatten schwankte dabei auf der Rosentapete des Zimmers hin und her und zählte mit. Während ich die Quittung ausschrieb, fiel mir ein, daß es heute schon einmal so gewesen war – nur war Ferdinand Grau an meiner Stelle gewesen. Obschon gar nichts dabei war, erschien es mir sonderbar.

Ich war froh, als ich draußen war. Die Luft war weich und sommerlich. Der Cadillac blinkte am Straßenrand.»Na, Alter, danke schön«, sagte ich und klopfte ihm auf die Kühlerhaube.»Komm bald wieder zu neuen Taten!«

XV

Der Morgen stand hell und funkelnd über den Wiesen. Pat und ich saßen am Rande einer Waldlichtung und frühstückten. Ich hatte mir zwei Wochen Urlaub genommen und war mit Pat unterwegs. Wir wollten ans Meer.

Vor uns auf der Straße stand ein kleiner, alter Citroen. Wir hatten ihn in Zahlung genommen gegen den Ford des Bäckermeisters, und Köster hatte ihn mir mitgegeben für die Zeit des Urlaubs. Er sah aus wie ein geduldiger Packesel, so beladen war er mit Koffern.

»Hoffentlich bricht er unterwegs nicht zusammen«, sagte ich.

»Er bricht nicht zusammen«, erwiderte Pat.

»Woher weißt du das?«

»Das weiß man. Weil es unser Urlaub ist, Robby.«

»Mag sein«, sagte ich.»Aber ich kenne außerdem seine Hinterachse. Die sieht traurig aus. Besonders bei der Belastung.«

»Er ist ein Bruder von Karl. Er wird durchhalten.«

»Ein mächtig rachitischer Bruder.«

»Laß das Lästern, Robby. Er ist augenblicklich der schönste Wagen, den ich kenne.«

Wir lagen eine Zeitlang nebeneinander in der Wiese. Der Wind kam warm und weich vom Walde her. Es roch nach Harz und Kräutern.

»Sag mal, Robby«, fragte Pat nach einer Weile,»was sind das eigentlich für Blumen, drüben am Bach?«

»Anemonen«, erwiderte ich, ohne hinzusehen.

»Aber Liebling! Das sind keine Anemonen, Anemonen sind viel kleiner; außerdem blühen sie nur im Frühjahr.«

»Richtig«, sagte ich.»Es ist Wiesenschaumkraut.«

Sie schüttelte den Kopf.»Wiesenschaumkraut kenne ich.

Das sieht ganz anders aus.«-»Dann ist es Schierling.«

»Aber Robby! Schierling ist weiß, nicht rot.«

»Dann weiß ich es nicht. Bis jetzt bin ich mit diesen drei Blumennamen immer ausgekommen, wenn ich gefragt wurde. Einen hat man mir stets geglaubt.«

Sie lachte.»Schade. Hätte ich das geahnt, wäre ich schon mit den Anemonen zufrieden gewesen.«

»Schierling«, sagte ich,»mit Schierling hatte ich immer die meisten Erfolge.«

Sie richtete sich auf.»Das ist ja heiter! Bist du oft so gefragt worden?«

»Nicht zu oft. Und bei ganz anderen Gelegenheiten.«

Sie stützte die Hände auf den Boden.»Eigentlich ist es doch eine Schande, daß man auf der Erde herumläuft und fast gar nichts von ihr weiß. Nicht einmal ein paar Namen.«

»Gräm dich nicht«, sagte ich,»es ist eine viel größere Schande, daß man überhaupt nicht weiß, weshalb man auf der Erde herumläuft. Da machen ein paar Namen mehr oder weniger auch nichts aus.«

»Das sagst du! Aber ich glaube, du sagst es nur aus Faulheit.«

Ich drehte mich um.»Natürlich. Aber über die Faulheit ist noch lange nicht genug nachgedacht worden. Sie ist der Ursprung allen Glückes und das Ende aller Philosophie. Komm, leg dich wieder hierher. Der Mensch liegt viel zuwenig. Er steht und sitzt dauernd herum. Das ist ungesund für das animalische Wohlbehagen. Nur wenn man liegt, ist man völlig mit sich ausgesöhnt.«

Ein Auto summte heran und fuhr vorüber.»Kleiner Mercedes«, sagte ich, ohne mich aufzurichten.»Der Vierzylinder.«

»Da kommt noch einer«, erwiderte Pat.

»Ja, ich höre es schon. Ein Renault. Hat er einen Kühler wie eine Schweineschnauze?«

»Ja.«

»Dann ist es ein Renault. Aber hör mal, jetzt kommt was Richtiges! Ein Lancia! Der jagt bestimmt die andern beiden wie ein Wolf zwei Schaflämmer! Hör nur den Motor! Wie eine Orgel!«

Der Wagen fegte vorüber.»Davon weißt du wohl mehr als drei Namen, was?«fragte Pat.

»Natürlich. Sie stimmen sogar.«

Sie lachte.»Ist das nun eigentlich traurig oder nicht?«

»Gar nicht traurig. Nur natürlich. Ein gutes Auto ist mir manchmal lieber als zwanzig Wiesen mit Blumen.«

»Verstockter Sohn des zwanzigsten Jahrhunderts! Sentimental bist du wohl gar nicht…«

»Doch, du hörst es ja, mit Autos.«

Sie sah mich an.»Ich auch«, sagte sie.

Aus den Tannen rief ein Kuckuck. Pat fing an, mitzuzählen.»Wozu machst du das?«fragte ich.

»Weißt du das nicht? Sooft er ruft, so viele Jahre lebt man noch.«

»Ach so, ja. Aber da gibt es noch etwas anderes. Wenn ein Kuckuck ruft, muß man sein Geld schütteln. Dann vermehrt es sich.«

Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und schüttelte es kräftig zwischen den hohlen Händen.

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